Olivia Sudjic: Sympathie

  • ISBN/EAN: 978-3-0369-5757-9
  • Originaltitel: Sympathy 
    Übersetzt von: Anna-Christin Kramer 
    Umfang: 496 S.
    Einband: Gebunden
    Format (T/L/B): 3.5 x 19.1 x 12.5 cm
    Gewicht: 515 g
    Erscheinungsdatum: 29.03.2017

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Beschreibung

Als die 23-jährige Alice online auf die junge Schriftstellerin Mizuko stößt, fallen ihr in deren Lebenslauf merkwürdige Parallelen zu ihrem eigenen auf. Alice ist gebannt: Von ihrem Adoptivvater, einem Physiker, weiß sie, dass jedes Partikel ein 'sympathisches' Gegenpartikel besitzt, das es auf ewig anzieht. Doch als sich Mizuko und Alice immer näherkommen, wird klar: Zwischen der Person, die wir sind, und der Person, die wir online zu sein vorgeben, tut sich oftmals eine gefährliche Kluft auf.

Olivia Sudjic ist ein erstaunliches Debüt über zwei ambivalente Frauen und die Kräfte, die sie aufeinander ausüben, gelungen. Eine spannende und verästelte Geschichte, die in die Welt der Teilchenphysik eintaucht und sich mit der Vergangenheit Japans verwebt, um die Frage nach Identität und Liebe im digitalen Zeitalter zu beantworten.

Leseprobe

Ich war nicht bei ihr, als das Fieber ausbrach. Ich wusste nicht mal, dass sie krank war. Bis dahin hatte ich praktisch alles über sie gewusst und hätte mich an die kleinste Einzelheit eines jeden Tages erinnern können, ob sie ihn mit mir verbracht hatte oder nicht. Monatelang hatten ihre Präsenz und Telepräsenz mein Leben in New York geformt. Jetzt war sie mit einer einzigen Fingerbewegung verschwunden.
Nicht mehr folgen. Eigentlich nur als symbolische Geste gedacht, als symbolisches Du kannst mich mal, in der Annahme, ich hätte noch einen gewissen öffentlichen Zugriff. Ich hatte sie schon lange vor unserer ersten Begegnung so beobachtet, aber anscheinend hatte sie ihre Datenschutzeinstellung geän- dert. Wahrscheinlich erst vor Kurzem. Ihre Befangenheit und der Gedanke, was sie verbergen wollte, beunruhigten mich. Vorher hatte sie jeder finden können. Man musste nur ihren Namen eingeben, und schon hatte man eine Zusammenfassung ihres Lebens vor sich, ein ordentliches Raster ihrer Fotos, mit ihren Gedanken und Gefühlen versehen, mit Ortsmarkierung und Zeitangabe. Jeder konnte ihr durch die Stadt folgen oder in ihre Vergangenheit eintauchen, in ihre Reisen und Abschlussfeiern. Ich kann nicht die Einzige gewesen sein, die darin so erfolgreich gewesen ist. Aber jetzt war ich ausgeschlossen. Eine weiße Mauer hatte sich herabgesenkt, leer bis auf die Abbildung eines Vorhängeschlosses.
Dieses Whiteout war noch verwirrender als ihre körperliche Abwesenheit. Kaum etwas deutete darauf hin, dass Zeit verging. Keine Neuigkeiten von ihren Vormittagen oder Mahlzeiten, keine gefilterten Sonnenuntergänge oder Sternenhimmel. Während sich Dunkelheit über meine Welt legte, quälte mich das unablässige, klinisch weiße Leuchten aus ihrer. Immer wieder stieß ich mit dem Zeigefinger gegen die Mauer, doch ihr angespannter, trotziger kleiner Mund, den ich gerade so durch das Bullauge ihres Profilfotos sehen konnte, erwiderte meine symbolische Geste: Du kannst mich mal. Alles war symbolisch. Ich berührte den Mund; er war hart und wollte nichts verraten. Ihr Gesicht war auch hart. Es leugnete und spürte nichts. Nichts würde unter meinem Finger nachgeben, außer Folgen oder Zurück, egal, wie fest ich drückte. Ich wusste nicht weiter und wartete stattdessen, in der Hoffnung, die traurige Entscheidung würde mir abgenommen, das Schicksal würde eingreifen. Manchmal deckte ich das blendende Weiß mit der Hand ab, löschte ihr Licht aus, indem ich die Finger aneinanderpresste. Dann zählte ich langsam bis sechzig und spreizte sie ruckartig, in der Hoffnung, das Schloss aufzuzaubern oder zu entdecken, dass die Mauer nur vorübergehend gewesen und sie zu ihren alten Einstellungen zurückgekehrt wäre. Als das nicht geschah, wurde ich erfinderischer. Anstatt nach ihrem Namen zu suchen, wozu ja jeder Idiot in der Lage war, gab ich andere Namen ein - die ihrer Freunde -, schob jede Hintertür auf, die mir einfiel, um einen Blick darauf zu erhaschen, wo sie war und mit wem. Niemand hatte sie gesehen, und falls doch, hielt derjenige es geheim. Oder sie versteckte sich irgendwo im Labyrinth der Leben anderer, hinter der Kamera.
Es dauerte nicht lange, bis meine Entschlossenheit sich in Luft auflöste, und sobald ich mir die Niederlage eingestanden hatte und wieder auf Folgen tippte, verging die Zeit, bis sie meine Anfrage Bestätigen würde, unendlich langsam. Ich konnte mir minutenlang einreden, dass mir nichts Besseres hätte passieren können, dass dies sogar der einzige Ausweg war: von jetzt an nichts mehr über sie zu wissen. Doch das nützte mir auch nichts. Ich wusste schon zu viel, und in den langen Stunden zwischen diesen Minuten quälte ich mich mit düsteren Vorstellungen, was hinter der Mauer geschah - während ich auf den Wiedereintritt wartete. Folgen, vormals weiß, war nun fesselnd grau und von Angefragt ersetzt. Dieses neue Wort vermittelte allerdings nicht die angemessene Dringlichkeit. Mir gefiel die Vergangenheitsform nicht. Ich lag im Bett, starrte wütend auf das Wort und war mir sicher, dass mein Bote nicht entschlossen genug anfragte. Ich überlegte, wie ich die Oberhand zurückgewinnen könnte. Wenn wir früher ausnahmsweise mal eine Nacht getrennt voneinander verbracht hatten, hatte ich unsere Nachrichten offen gelassen, um in der grauen Leiste am oberen Bildschirmrand zu beobachten, wie ihr Status zwischen on- und offline wechselte, wobei ich hin und wieder auf den Bildschirm tippte, damit er nicht schwarz wurde. So hatte ich das Gefühl, sie wäre neben mir und atmete an meiner Seite. Aber jetzt fühlte sich dieser Trick eher an, als würde ich mich zum Trost neben eine Leiche legen.
Wenn ich nicht gerade die weiße Mauer beobachtete, beobachtete ich die graue Leiste. Wenigstens dort verstrich die Zeit. Da stand nicht die echte Uhrzeit, sondern wie lange sie sich schon abgekapselt hatte. Ich wollte in derselben Atmosphäre atmen wie sie. Ich könnte schwören, dass ihr Status einmal von Zuletzt online zu Online wechselte, und von Online zum blinkenden Schreibt..., einem Lebenszeichen, so wie Beschlag auf einem Spiegel. Dann blinzelte ich entschlossen, und wieder bezeugte die graue Leiste, der Grabstein über der Konversation, dass sie nicht da war.
Ich wartete so lange auf sie, dass ich mich ab und zu auf den Bauch drehen und meine Hand mit dem Gerät nach unten halten musste, damit meine Finger wieder durchblutet wurden. Wenn ich doch einschlafen konnte, schossen meine Träume zwischen möglichen Treffpunkten hin und her, folgten ihr zu sämtlichen Kreuzungen der Upper West Side. Je nachdem, wie verzweifelt ich war, verbanden uns die Straßen entweder, oder sie trennten uns, und obwohl ich mich kaum bewegte, wachte ich jedes Mal erschöpft und mit schweißnassen Händen auf, als hätte ich die Nacht damit verbracht, die fünfzig Straßen zwischen uns nach ihr abzusuchen.
Während dieser Zeit in der Vorhölle lernte ich alles über Sehnsucht und Abscheu und über das, was dazwischenlag. Wo die beiden zusammentrafen, spürte ich eine fiebrige Hitze von der Matratze aufsteigen. Mich überkam dann immer das Gefühl, sie kurz besessen zu haben, wie ein heftiger Krampf, oder als hätte mir jemand ruckartig den Nacken eingerenkt. Genau dann rasteten unsere Körper ein, und einen Augenblick lang war ich es, die in emsiger Betriebsamkeit meine Anfrage ignorierte.
Von dem wenigen, das ich aus der Zeit über ihre Aktivität weiß, ergibt die fiebrige Hitze einen Sinn. Wirklich verstanden habe ich alles jedoch erst später, durch den Portier ihres Wohnhauses auf der West 113th. Er erzählte, nachdem sie mit hohem Fieber ins Krankenhaus zwei Straßen weiter gegangen sei, hatte sich der Parasit bereits in ihr Hirn gebohrt. So wie die meisten Krankheiten, die es heimlich auf den Tod absehen, hatte diese wohl mit »grippeähnlichen Symptomen« begonnen, und deswegen hatte der erste Arzt sie abgetan. Ihr eine stärkere Version von Theraflu verschrieben. Das nächste Mal sei sie nicht gelaufen, sondern im Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht worden. Der Portier habe ihn selbst gerufen. Krankenwagen, erklärte er mir ernst, seien in Amerika normalerweise den sehr Bewusstlosen und den sehr Reichen vorbehalten, und er sei der Meinung gewesen, sie sei schließlich beides.
»Wahrscheinlich hat sein Leben am Meeresboden begonnen, in irgendeinem Schalentier. Dann hat er sich in einem Frosch eingenistet, dann in einer Schlange oder so und dann in einem Vogel.«
»Oder«, unterbrach ich ihn, »in irgendeinem anderen Wesen.«
Er musterte mich kurz. Ich hatte seit Tagen mit so gut wie niemandem gesprochen und konnte meine Theorien kaum noch für mich behalten.
»Genau, bis sie ihn dann gegessen oder gestreichelt hat. Sie steht doch auf alles, was irgendwie niedlich ist, oder?« »Ja.«
»Das Monster.«

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