Rezension zu Erbsenzählen von Gertraud Klemm

19.11.2017 10:31 | Rezensionen

Was die Neue alles drauf hat

Mit "Erbsenzählen" legte Gertraud Klemm ihren neuen Roman vor, der Partnerschafts- und Gleichstellungsfragen entblättert. Im Subtext schwingt leise Gesellschaftskritik, bezogen auf manifestierte Rollen- und Karrieremuster sowie Machtgefüge.

Die Klemm kann es! Nach "Aberland", "Herzmilch" und "Muttergehäuse" veröffentlichte sie im August 2017 ihren neuen Roman "Erbsenzählen" und bleibt in gewohnter Manier bei Frauen-, Partnerschafts- und Gleichstellungsthemen, doch diesmal mit anderem Fokus:  Annika, die sich traditionellen Rollenmustern entziehen will, verliebt sich in einen älteren Mann, einen Kulturredakteur mit Waldhonigstimme und zieht die Aufmerksamkeit der Nachbarn/Nachbarinnen auf sich, wird beäugt, vom Zaun aus begutachtet, beim Fußballmatch begafft und mit Blicken bis auf's Hemd ausgezogen. Gute Partie, denken sich die einen. Wer weiß, was die alles kann.  Annika, im Glauben, das große Los gezogen zu haben, reflektiert ihre Rolle, realisiert recht schnell, dass sie da ein All-Inkusive-Paket, inklusive "Baustellen", gebucht hat: der Stiefsohn, mitunter nervig und ekelhaft, muss zum Fußball gekarrt werden. Ausgerechnet zum Fußball! Gelegentlich taucht dann noch die Ex auf, einfach so, und lässt schlaue Sprüche fallen. Bei Pflichtterminen wie dem Elternabend muss nun auch Annika, die Neue, einspringen, weil ihr Liebster Termine wahrnehmen muss. Zum Glück stehen Wutkübel bereit. Doch Alfred ist und bleibt Dreh- und Angelpunkt in  Annikas Leben. Als der Angebetete einen Vorderwandinfarkt erleidet, bröckelt der Lack und stellt die Zweierbeziehung in ein neues Licht.

Gertraud Klemm erzählt in zehn Kapiteln, in flottem und ironischem Ton, der manchmal überschwappt, von den  Zuckerseiten einer Zweierbeziehung, spricht Frauen jedoch ihre Eigenständigkeit ab. Annika stellt Lebens- und  Karrieremuster infrage, Kritik äußert sie nur leise. Anpassung statt Rebellion?

Klemm, 1971 in Wien geboren, arbeitete nach dem Biologiestudium bis 2005 als hygienische Gutachterin bei der Stadt Wien. Seit 2006 ist sie Autorin. 2014 erhielt sie den Publikumspreis der 38. Ingeborg Bachmann-Tage in Klagenfurt. Ihr Buch "Aberland" war für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert (Longlist).

Das Interview mit Gertraud Klemm (Literaturfenster Österreich) steht zum Nachzuhören bereit: https://cba.fro.at/347537

rezensiert von Cornelia Stahl

(erschienen: Die Alternative 9/10 2017 )

Das Buch kann hier für 19,00 € bestellt werden!

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