Rezension zu Claudia Koppert: Sisterhood - eine Sehnsucht

27.03.2015 10:23 | Rezensionen

Von jedem »großen« Thema scheinen wir in »Sisterhood« etwas zu finden, welches damals wie heute diskutiert wurde und noch wird. Offen_sichtliches, Sicht_bares und weniger Sicht_bares, Gesagtes und Un_gesagtes – deutlich erkennbar und tiefer Verwobenes entdecken wir in Claudia Kopperts Roman »Sisterhood – Eine Sehnsucht«.

 

Genealogien von Mutter- Tochter- Konflikten, Diskussionen ueber Mutterschaft und Frau_*werden, die Vielfaeltigkeit feministischer Blick_winkel und Foci, sowie Unterschiedlichkeiten frau_*lichen und feministischen Seins. Vergeschlechtlichte Gewalt und matriarchale Diskurse – Einigkeiten und Uneinigkeiten im feministischen Denken. Eine Sicht auf die Frauenbewegung in der BRD und damit eine Geschichte vom feministischen Gruppen- Miteinander wie –Auseinander; Fragen von Solidaritaet und Grenzziehungen.

 

Unterschiedliche Formen des Liebens und Begehrens, die Intensitaet und Ebenen von Freundinnenschaft und die Wichtigkeit gemeinsamen Gedankenteilens – die Wichtigkeit des Gemeinschaft_Findens an sich.

 

Hineingewoben sehen wir vielfaeltige Rottöne und situationsbeschreibende Farben, die die einzelnen Kapitel in ihrer eigenen Stimmung untermalen. Wir stehen vor Amseln, Blumen, Wiesen, Steinwegen und ausgebrannten, gelangweilten Goettinnen, in denen wir dennoch die Funken der Veraenderung entdecken – und es scheint, als vermoege jedes einzelne Element einen Teil von Martha zu spiegeln. Dadurch werden verschiedene »Spiegel« zur Projektionsflaeche des Suchens und der Sehn_suechte.

 

Ganz bestimmt finden wir die Verwebung von »Privatem« und »Politischem«, von »Persoenlichem« und »Oeffentlichem«. In Martha, in Rosa, in Margie, in den Frazzen, in den Müttern, in jeder einzelnen Frau, der wir in der Geschichte begegnen.

Martha duerfen wir in ihrem Werden feministischer Sicht_weisen begleiten. Sie schenkt uns die Geschichte ihrer eigenen Politisierung – um waehrend des Lesens festzustellen, dass sie ihr ganzes Leben stets »politisch« war. Weil eben doch »alles« politisch ist.

 

Blick_winkel und Sehn_suechte

 

Durch den Blick der Pallas Athene gelangen wir zur Protagonistin der Geschichte, Martha. Nachdem wir einen Eindruck ihrer derzeitigen Situation als Mutter einer erwachsenwerdenden Tochter und ihres beruflichen Alltags als Fachkrankenpflegerin in der Psychiatrie bekommen, beginnt Martha ihre Geschichte zu erzaehlen. So webt sich aus ihren Erinnerungen gemeinsam mit dem »Jetzt« ein Brief an ihre Tochter »fuer spaeter«, vielleicht auch an sich selbst - eine Reflexion, die notwendig erscheint, damit sich am Ende die Welt ein kleines bisschen weiterdrehen darf.

 

Ehrlich und springend zwischen Vergangenem und Gegenwaertigem, zwischen Erinnertem und gegenwaertig Erlebtem, erfahren wir Marthas Sicht auf die Frauenbewegung und die Welt.

Durch ein Ereignis im Jetzt wird sie geradezu in ihre Erinnerungen hineingeworfen. Eine innere Diskussion ueber das politische Arbeiten und das Ende ihrer Frauengruppe kommt in Gang. Teils wirkt es wie ein scheinbar weg- und aufgeschobenes Reflektieren, welches vielleicht aber auch genau diese Zeit brauchte. Marthas Welt hat sich veraendert. Doch viele Gedanken scheint sie auch im Jetzt noch ausschließlich mit sich selbst zu teilen – Unaussprechbares oder erwartetermaßen Ungehoertes? Wir nehmen Teil an Veraenderungen und sehen, wie sich einiges Aufgeladene ent_spannen darf.

 

Martha schenkt uns ihre persoenliche Auseinandersetzung mit dem »Damals«, wie auch mit dem »Jetzt«. Dabei stellt sich uns waehrend des Lesens wie von selbst die Frage nach der »Zukunft«, und welche Rolle unsere eigenen Sehn_suechte wohl in dieser haben werden.

Indem Martha, mehr mit sich selbst als mit ihren frueheren Mitstreiterinnen, im gemeinsamen Zusammentreffen ihre Diskussion ueber »das, was wir wollten« und »das, was wir wurden« initiiert, ruettelt sie auch an mir als Leserin und Feministin der nachfolgenden Generation. Vieles Bekannte begegnet uns. Seien es Diskussionen und Veranstaltungen gleich scheinenden Inhalts, welche wir auch 30 Jahre spaeter in unseren Frauengruppen noch fuehren, seien es (in)formelle Hierarchien zwischen denen, die sprechen und denjenigen, die zuhoeren, sei es die Konfrontation mit den eigenen tief verwurzelten Dogmen im politischen Aktivismus und das kontinuierliche Zerschmettern der selbigen.Oder sei es das Knofi-Messer, welches, auch ueber 30 Jahre spaeter, seine eigene Geschmacksnote niemals ablegen und weiterhin im veganen Kuchen verteilen wird.

 

Martha erinnert uns an die erste Demo, an das erste Betreten eines »politischen Raumes«. Sie erinnert uns an die Schoenheit und Tiefe, die wir seit dem Zeitpunkt, in dem wir »den Feminismus« entdeckten, in Gespraechen und Auseinandersetzungen finden – eine Tiefe, die wir nie wieder hergeben wollen. Genauso vergegenwaertigt sie uns die »geschlossenen Tueren«, hinter die nur Einige Zutritt haben, und sie stoesst uns mit der Nase auf das, was wir auch heute noch reproduzieren, obwohl wir es eigentlich seit 30, 40, seit 100, seit noch mehr Jahren, nicht mehr wollen.

 

Wir kennen es. Das, was »damals« war, finden wir auch im »Heute« in unseren eigenen Gruppen und Gespraechen. Und ebenso finden wir so vieles, welches es nicht gaebe, haette es genau dieses »Damals« nicht gegeben.

Martha laesst uns schmunzeln. Doch ebenso tauchen wir mit ihr ein in ihre facettenreiche rottönige Luft der Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die wir alle in uns tragen, die uns scheinbar unser ganzes Leben bereits begleitet und weiter begleiten wird. Die Sehn_sucht nach unserer ganz eigenen Vision und Utopie.

 

Die einen werden sich fragen – was ist denn nun geworden, aus dem, »was wir wollten«? Die anderen fragen sich vielleicht - was wird wohl werden aus dem, was wir traeumen, aus dem, was wir wuenschen und dem, wie wir die Welt be_greifen wollen? Was wird werden aus unserem gemeinsamen Miteinander und unseren Ideen? Werden all diese die Moeglichkeit haben, sich zu entfalten oder werden wir so vieles davon selbst verheizen und unsere Visionen, Wuensche und Traeume darin verbrennen?

Sisterhood – die eine Sehn_sucht bleibt, weil wir zuvor an unseren Diskussionen, an den eigenen Dogmen und be_grenzten Sichtweisen zerbrechen und »das Aussen« als einziger patriarchaler Feind nicht mehr genuegt? Sisterhood – die moegliche und unmoegliche Sehnsucht bleibt, die sich an den eigens (re)produzierten Grenzen kaputtstoesst?

 

Tauchen im Verwobenen

 

Ich persoenlich liebe es, wenn ich Verwobenes lesen und ent_decken darf. Wenn ein Buch in mir Fragen aufwirft, statt mir Antworten zu praesentieren. Ich will angeregt werden – zum Nachdenken und noch mehr zum Weiterfragen. »Sisterhood« schafft das, und zwar ohne zu »touchy«, zu nah und melancholisch in mir herumzufragen. Alles ist nachvollziehbar – die Fragen, die sich in mir auftun, genauso wie jeder einzelne Gedankenweg Marthas.

 

Claudia Kopperts Geschichte laesst Verwobenes lesen und ent_decken. Farben, Emotionen, Feminismen, Genealogien, Muetter und Toechter, Frauen, Begehren, Goettinnen und Menschinnen, Amsel_Innen und Betrachterinnen, Fensterblicke, Frauen_bewegungen, Freundinnenschaft – hineingewoben in Marthas Geschichte. Innen wie aussen.

Wer es mag, dass Fragen auftauchen, wer Freude hat am Erlesen von Verwobenem, an Erzaehltem ueber Frauen_bewegung_en und Frauen_Geschichte_n, die sei eingeladen zum Lesen von »Sisterhood«.

 

Wer moechte, kann dabei ein Eintauchen finden - ohne Ver_identifizierung mit der Protagonistin und ihrer Geschichte. Vielleicht aber mit der eigenen.

Bestimmt jedoch entdecken wir Blick_winkel, Perspektiven, Sicht_weisen.

Und genau die sind es doch, die es spannend machen.

 

Am Schoensten jedoch ist, dass uns auf keiner Seite ein verbissener Versuch zum »Wahrheitsanspruch« anspringt. Die Geschichte ist und bleibt die von Martha, und moechte auch in keiner Zeile etwas anderes sein. Sie ist und bleibt eine Sichtweise von vielen.

Ein schoenes Buch. Ein intelligentes Buch. Ein bedachtes Buch. Ein Buch mit vielen Ebenen. Ein Buch fuer alle Generationen von Frauen und fuer alle Generationen von Feministinnen. Und jede kann ihre eigene Geschichte daneben ablaufen lassen.

 

Lesen! Und sich die Zeit nehmen, in die unterschiedlichen Ebenen einzutauchen, um mit Fragen wieder aufzutauchen.

Viel Freude dabei.

 

Susanne Ax

 

Das Buch kann hier für 14,90 € bestellt werden!


Lesungen der Autorin: www.claudiakoppert.de/lesungen.php

 

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