Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich. Beginn einer Befreiung

Artikelnummer: 978-3-596-15446-3

Frauen sprechen über sich. Karrierefrauen, Hausfrauen, Studentinnen, Prostituierte. Was sie sagen, bricht Tabus und entlarvt den Mythos von der ''befreiten Sexualität''.

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Vom 'kleinen' zum 'großen' Unterschied - Beginn einer Befreiung

Frauen sprechen über sich. Karrierefrauen, Hausfrauen, Studentinnen, Prostituierte. Was sie sagen, bricht Tabus und entlarvt den Mythos von der ''befreiten Sexualität''.

Parallel zur Taschenbuchausgabe des neuen Buchs von Alice Schwarzer, 'Der große Unterschied', erscheint die Neuausgabe des ''Klassikers'' und internationalen Bestsellers.

Mit einem Nachtrag über die Reaktionen der (männlichen) Öffentlichkeit und der betroffenenen Frauen auf dieses heftig diskutierte Buch, das die Autorin auf einen Schlag berühmt machte, sowie einem aktuellen Vorwort von Alice Schwarzer.

Autor*in / Hrsg.: Alice Schwarzer
Feminismus: Deutscher Feminismus
Weitere Informationen: Umfang: 308 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 1.9 x 19 x 12.5 cm
Gewicht: 250 g
Erscheinungsdatum: 19.09.2002

Rezension von Julia Lorenz auf AVIVA-Berlin:

Die EMMA-Herausgeberin verdichtet Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart des feministischen Protests zu einem Abriss der Geschichte des Alltagssexismus. Ein kollektiver "Aufschrei" war das Ziel des Unterfangens - das Kollektiv blieb dabei auf der Strecke.

Alice Schwarzer scheint vorerst genug vom Dasein als einsame Kämpferin zu haben. Nachdem die "Mutter des Deutschen Feminismus" (Sabine Mohamed über Schwarzer) bereits für die Publikationen "Die große Verschleierung" auf die Unterstützung von zahlreichen Co-AutorInnen setzte, führt sie dieses Prinzip nun fort. Warum sich einem Problem, das Frauen aller Altersgruppen und sozialen Milieus gleichermaßen betrifft, allein annehmen? Insgesamt fünfzehn AutorInnen schreiben in "Es reicht!" über und gegen Diskriminierung, Sexismus und Machotum in Berufsleben und Alltag.

Schwarzer selbst ist dabei mit einem Beitrag zum Fall Dominique Strauss-Kahn vertreten, ansonsten überlässt die Publizistin ihren MitstreiterInnen die Bühne: Michaela Rosenberger beleuchtet das Sexismus-Problem aus Sicht einer Gewerkschafterin, der finnischstämmige Journalist Mikael Krogerus zeigt in einem sehr lesenswerten Beitrag Unterschiede zwischen Deutschland und Schweden im Miteinander der Geschlechter auf und Philosophin Petra Gehring seziert pointiert Laura Himmelsreichs "Herrenwitz".

"Bei der sexuellen Belästigung geht es nicht um Begehren, sondern um Macht" ist der Leitsatz, unter dem - laut Klappentext - Texte von heute mit Beiträgen aus den 1970er und 1980er Jahren vereint werden sollen. Aufmerksame LeserInnen sollten sich jedoch recht schnell wundern, wo letztere abgeblieben sind: Alle Stimmen zur Ersten Protestwelle stammen aus den 1990er und 2000er Jahren, den Entwicklungen in vorausgegangenen Jahrzehnten kommt die Herausgeberin mit einer klassischen Kurzchronik bei. Auch wenn die versprochene "beklemmende Aktualität" gleichermaßen bei einer zeitnahen Publikation nachdenklich stimmen sollte, wäre ein umfassenderer historischer Längsschnitt sicherlich interessant(er) gewesen.

Auch ein Dialog der Generationen bleibt aus: Bis auf ein Interview mit Anne Wizorek, Initiatorin der "#aufschrei"-Aktion, finden sich keine Wortmeldungen von BloggerInnen und InternetaktivistInnen, mit deren "Feminismus 2.0" Alice und EMMA bekanntlich ihre liebe Not haben. Ein Versäumnis? Durchaus: Auch wenn Aktualität nicht automatisch ein Kriterium für Güte ist, sollte der Beitrag jener neuen Generation zur heutigen Diskussion nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Ebenso wenig scheint die Publikation gesteigerten Wert auf das Problem der Intersektionalität zu legen. Ausschlließlich eine Journalistin mit jüdischen Wurzeln ist mit Susan Faludi vertreten, andere von Marginalisierung bedrohte Gruppen bleiben unterrepräsentiert: People of Colour, Muslima, oder Trans-Frauen, denen noch immer mehr Hass und Gewalt entgegenschlägt als Menschen, die sich in das System der binären Geschlechterordnung einfügen, kommen nicht zu Wort. Dafür jedoch Ursula von der Leyen, die sich für die vielbelächelte "Political Correctness" ausspricht. Während die konservative Ex-Familienministerin einen informativen Abriss über die rechtliche Entwicklung der Sexismus-Problematik liefert, erzählt Journalistin Sarah-Marie Deckert über ihre Kindheit im Postfeminismus - und entführt die LeserInnen in eine wunderliche Gender-Wellness-Traumlandschaft:

"Im Kindergarten konnten Jungs mit Puppen spielen, ohne dass der stolze Vater sich grämte, und Mädchen mit dem Fußball (oder meinetwegen Jungs mit Bauklötzen und Mädchen mit Plüschhäschen). In der Grundschule duften Mädchen gut in Mathe sein und Jungs gut in Handarbeit (oder Jungs beim Schlagzeugspielen und Mädchen im Schönschreiben). Es wohnte sogar ein Junge in der Straße, der Primaballerino wurde. Ein dorfeigener Billy Elliot. Und alle wünschten ihm viel Glück auf der Ballettakademie", berichtet Deckert über die Zustände in der prä-pubertären Zeit.
Zurück bleibt die Frage, ob jener "Billy Elliot" in anderen Dörfern ebenso wohlwollend verabschiedet worden wäre - und ob ein Feminismus, der von einer Realität ausgeht, in der Geschlechtsunterschiede erst mit dem Eintritt ins Arbeitsleben evident und schmerzhaft werden, tatsächlich eine einen Diskurs begründet, in den wir einsteigen wollen.

Doch nicht alle Beiträge folgen diesem Tenor. Umso ärgerlicher, dass Alice Schwarzers Vorwort einige junge InteressentInnen noch vor Beginn der eigentlichen Lektüre vor den Kopf stoßen könnte. So erinnert sie sich an die Situation, die sie zur Arbeit an ihrer jüngsten Veröffentlichung inspirierte: "Wir (Schwarzer und die GästInnen einer Talkrunde im Zuge der Brüderle-Debatte, Anm. d. Red.) standen nach der Talkshow noch auf ein Glas Wein zusammen. Und ich machte die jüngeren Frauen in der Runde darauf aufmerksam, dass es so eine Protestwelle wie nach dem Brüderle-Eklat gegen sexuelle Belästigung im Beruf schon einmal gegeben habe: in den1970er/1980er Jahren Ob sie sich darüber nicht einmal informieren wollten, um darauf aufbauen zu können?", erkundigte sich die Publizistin bei ihren Gesprächspartnerinnen. Selbstverständlich wurde ihr Ratschlag begeistert aufgenommen, wie Schwarzer berichtet: "`Klar´, strahlte da die eine. ´Das können wir bestimmt gut gebrauchen. Kannst du uns da nicht mal was zusammenstellen, Alice?´", soll die Antwort gewesen sein.
Hätte nicht Kristina Schröder durch den Titel "Danke, emanzipiert sind wir selber" ihres antifeministischen Buchs diesen Satz mit einer durch und durch negativen Konnotation versehen, würde frau an dieser Stelle gern dasselbe entgegnen.

AVIVA-Fazit: Deutschland hat eine neue Sexismus-Debatte, die sich nach nunmehr drei Monaten bereits zu erschöpfen droht: Bei Sandra Maischberger resümierten die Talk-GästInnen die Problematik jüngst in einer Sendung zum Thema "Die Sexismus-Debatte: Was hat sie gebracht?". Der Wille zur Aktualität ist Alice Schwarzers Publikation zwar hoch anzurechnen, jedoch liefert "Es reicht! " aufgrund der beschränkten Perspektive wenige sonderlich neue Erkenntnisse. Obwohl das Werk so manch aufschlussreichen und beachtlichen Beitrag bereithält, dürften sich gender-and-diversity-sensible LeserInnen unter anderem über despektierliche Begriffe wie "Putzfrau" ärgern oder die ethnische Homogenität der AutorInnen kritisieren. 

» AVIVA-Berlin vom 20.04.2013

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