Anja Röhl: Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike

Artikelnummer: 978-3-89401-771-2

'Kind sein heißt allein sein, schuld sein, essen müssen, schlafen müssen, brav sein müssen. Kind sein heißt, sich nicht wehren zu können.' So erlebt Anja Röhl ihre Jugend in den 1950er und 60er Jahren. Im Arbeiterviertel Hamburg-Barmbek herrscht die Dumpfheit der Nachkriegszeit...

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'Kind sein heißt allein sein, schuld sein, essen müssen, schlafen müssen, brav sein müssen. Kind sein heißt, sich nicht wehren zu können.' So erlebt Anja Röhl ihre Jugend in den 1950er und 60er Jahren. Im Arbeiterviertel Hamburg-Barmbek herrscht die Dumpfheit der Nachkriegszeit.

Die Mutter, als geschiedene Alleinerziehende geächtet, ist erst spätabends zu Hause; der Vater, übergriffig und manipulierend, aber von der linken Schickeria hofiert, kommt nur unzuverlässig; die Altnazi-Großeltern bieten bei kurzen Besuchen noch die meiste Wärme. Doch als sie fünf Jahre alt ist, stellt ihr ihr Vater, der Konkret-Verleger Klaus Rainer Röhl, seine neue Freundin vor: Ulrike Meinhof. Für das Kind ist sie die einzige Erwachsene, die es wirklich versteht, die für es gegen den Vater Partei ergreift, bei der es keine Angst haben muss vor Strafe und bei der es sich zugehörig fühlt.

Die Dankbarkeit für diese Erfahrung prägt auch die Beziehung zu Ulrike Meinhof nach deren Trennung von Mann und Kindern. Anja Röhl bleibt ihr verbunden, besucht sie im Gefängnis, schreibt ihr Briefe, allen Anfeindungen zum Trotz und obwohl sie Ulrikes politische Positionen nicht teilt. Ein Dokument der Zeit- und Mentalitätsgeschichte der frühen Bundesrepublik, aus der Perspektive eines Mädchens erzählt.

Lesen Sie hier den FEMBooks Bericht von der Lesung am 13.06.2013 in Berlin!

Autor*in / Hrsg.: Anja Röhl
Biografien von/über: Frauen an der Seite berühmter Männer
Zeitepoche: 20. und 21. Jh.
Weitere Informationen: Umfang: 156 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 2.7 x 21.5 x 13.3
Gewicht: 288 g
Erscheinungsdatum: 27.02.2013

So was hat es noch nie erlebt, dass eine so spricht. Ulrike, denkt das Kind, was die für Sachen sagt!

Nach einem Papi-Tag steigt das Mädchen aus dem Auto ihres Vaters. Da hält er sie noch mal zurück: 'Übrigens, Anja! Ulrike und ich werden uns trennen.'

Das Mädchen starrt den Vater an. Der sagt, scheinbar lustig: 'Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.' Das Mädchen versteht nicht. Was passiert nun mit den Kindern? Und Ulrike? Ich werde sie nie wiedersehen, denkt das Mädchen, während sie auf die Blinklichter des Armaturenbretts starrt.

Später besucht sie den Vater in dem Haus in Blankenese, das nun fast leer ist. Die Teppiche sind weg, man sieht den Holzfußboden. Der Vater grölt im Keller und trinkt und schießt mit dem Kleinkalibergewehr, endlich dürfe er das, das sei doch erfreulich, sagt er. Er prostet anderen Männern, Freunden aus seiner Firma, mit Whisky zu. Es ist laut. Das Mädchen hört den Lärm bis in die kahlen und verlassenen Zimmer.

Einzig im Arbeitszimmer des Vaters stehen noch alle Möbel, dort liegen all die Mädchenbilder für seine Zeitung herum, die sie immer schon ansehen musste. Nun hasst sie das alles noch viel mehr. Ihr Vater ist daran schuld, er hat ihr das Liebste genommen, was sie hatte: für eine kurze Zeit die Illusion einer Familie.

Eine Familie, die ein wenig, nur durch die Bande des gemeinsamen Vaters, mit ihr verbunden war. Hier hatte sie sich eingebracht und war nützlich gewesen, hier war sie wiedergeliebt worden. Sie hatte in Ulrike einen Menschen kennengelernt, der sie verstanden hatte, wie sich das Mädchen nie zuvor von jemandem verstanden gefühlt hatte.

»Erlebbar wird die bedrückende Enge der autoritären, postfaschistischen Bundesrepublik. Das ist die eigentliche Leistung dieses leisen, zurückhaltenden Textes, der sich in einem einfachen, fast kindlichen Nominalstil auf die Perspektive des Mädchens beschränkt. Ulrike Meinhof taucht in dieser Welt auf als die erste Person, die das Kind ernst nimmt und ihm einen eigenen Willen und Verstand zubilligt. Anja Röhl beschreibt, aus welchem gesellschaftlichen Veränderungsdruck heraus Meinhof sich radikalisierte. Sie verehrt ihre Stiefmutter, auch wenn sie die zum Terrorismus führende Konsequenz ihres Handelns ablehnt. Doch sie hat Meinhof als Emanzipatorin und fürsorgliche Freundin erlebt. Diese Erfahrung ist geeignet, das Bild der kalten Terroristin zu ergänzen.
Hauptfigur des Buches ist dennoch der Vater mit seiner klebrigen Zuneigung. Er hätte sehr viel mehr Grund, sich gegen die Publikation zu wehren, als die um Deutungshoheit und ideologische Wahrheit kämpfende Halbschwester Bettina. Jenseits von all dem ist eine zarte, empfindsame Kindheitsgeschichte entstanden, die über die konkrete, komplizierte Familie hinaus eine Frühgeschichte der Bundesrepublik zu erzählen vermag. Es ist ein Text, der sich freimachen möchte von Zwängen und Wertung, der durch die äußeren Umstände aber dorthin zurückgezwungen wird.«
Jörg Magenau, Deutschlandradio Kultur

»Ein Skandalbuch ist 'Die Frau meines Vaters' nicht. Anja Röhls Tonfall ist leise, ihr Stil klar, auf eine literarische stilisierte Weise fast kindlich. Sie beschränkt sich auf eine Darstellung der Ereignisse aus ihrer Sicht, verzichtet auf schrille Anklage oder Überhöhung - und zeigt, wie Meinhofs Opposition gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der jungen Bundesrepublik, die mit der RAF so brutal eskalierte, mit kleinen, feinfühligen Gesten begann: zum Beispiel, indem sie ein Kind anlächelte.«
Sebastian Hammelehle, Spiegel Online

»Die rückhaltlose Subjektivität, mit der Anja Röhl ihre Erinnerungen schildert, macht 'Die Frau meines Vaters' zu einer herausfordernden, oft geradezu körperlich schmerzhaften Lektüre. Hautnah und glaubwürdig beschreibt die Autorin eine rohe, autoritäre Erziehungs-Normalität im Nachkriegsdeutschland, durchweg aus der Sicht der Heranwachsenden, die sie war.«
Frank Kaspar, WDR Gutenbergs Welt

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