Anne Garréta: Sphinx

Artikelnummer: 978-3-942374-83-5

Pariser Nachtleben: Eine Bar, in der sich die tanzende Menge bis in den Morgen von den Rhythmen tragen lässt, ein Cabaret, in dem eine Spiegelwelt die Zuschauer in ein Spiel von Sein und Schein führt. In dieser Dämmer- und Dunkelwelt, einer Sphäre, in der, was normalerweise gilt, ins Wanken gerät, begegnen sich Ich und A***. Als Paar reisen sie nach New York. Ihre Liebesgeschichte entwickelt sich wie viele andere, mit der Besonderheit allerdings, dass das Geschlecht der beiden Hauptfiguren im Unklaren bleibt.

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Pariser Nachtleben: Eine Bar, in der sich die tanzende Menge bis in den Morgen von den Rhythmen tragen lässt, ein Cabaret, in dem eine Spiegelwelt die Zuschauer in ein Spiel von Sein und Schein führt. In dieser Dämmer- und Dunkelwelt, einer Sphäre, in der, was normalerweise gilt, ins Wanken gerät, begegnen sich Ich und A***. Als Paar reisen sie nach New York. Ihre Liebesgeschichte entwickelt sich wie viele andere, mit der Besonderheit allerdings, dass das Geschlecht der beiden Hauptfiguren im Unklaren bleibt. - Ein erzählerisches Experiment, das seine Sogwirkung dadurch entfaltet, dass man beim Lesen den eigenen Geschlechterbildern auf die Spur kommt. Jeder Versuch, sich die beiden Protagonisten bildlich vorzustellen, läuft ins Leere und führt uns vor Augen, wie stereotyp die herrschenden Zuweisungen von Männlich und Weiblich sind.


Autor*in / Hrsg.: Anne Garréta
Belletristik: zeitgenössischer Roman
Details: Übersetzt von: Alexandra Baisch
Umfang: 184 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 1.8 x 19.7 x 13.5 cm
Gewicht: 292 g
Erscheinungsdatum: 07.09.2016

~ LESEPROBE ~

Einer dieser Abende hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt, ein Samstag im Oktober, und zufälligerweise auch mein Geburtstag. Er ging deutlich länger als üblich. Im Grunde hörte ich die Musik gar nicht mehr; sie floss durch mich hindurch. Ich legte eine Platte nach der anderen auf, ganz instinktiv, sah wie durch einen Schleier aus Blut. Ich kann es nur so beschreiben: Ein unruhiges Koma aus Rhythmen, die mein Verlangen in immer schmerzhaftere Höhen trieben, ohne es je zu erschöpfen. In einem undeutlichen Nebel nahm ich die kompakte Masse der Tanzenden wahr, alle eng aneinandergepresst und dennoch wogend, in Wellen aufbrandend. Nahezu lückenlos miteinander verschweißt, blieb ihnen kein Raum sich zu bewegen, aber die Menge als Ganzes vibrierte rhythmisch; jeglicher individuelle Wille war gelöscht, verloren in einer anderen, über geordneten Notwendigkeit. George erzählte mir später, alle Neuankömmlinge seien nach und nach mit diesem Ganzen verschmolzen, zwischen zwei und sechs Uhr morgens sei niemand gegangen, und an der Bar sei man kaum noch nach gekommen.

Um acht Uhr morgens brach ich erschöpft auf einer Bank zusammen und schlief ein. Dieser Abend besiegelte meinen Ruf. Für mich war er in gewisser Weise die Krönung; alle anderen sind aus meiner Erinnerung verschwunden, und keiner kam diesem in seiner rasenden Intensität gleich.

Rezension von Silvy Pommerenke auf Aviva-Berlin:

Dreißig Jahre nach der französischen Erstveröffentlichung erscheint dieser eigenwillige aber überaus lesenswerte Roman nun auf Deutsch und hat nichts weniger als den Abgesang der Liebe zum Inhalt, ohne dass dabei das Geschlecht der Figuren benannt wird. Ein literarisches Kunstwerk!

Was simpel klingt, nämlich die Liebe zwischen zwei Menschen, wird alles andere als simpel dargestellt. Die beiden Hauptfiguren, Ich und A*** sind zwei Menschen, die in Paris aufeinandertreffen. Das biologische Geschlecht wird nicht erwähnt, die körperlichen Konturen können demzufolge auch nur grob umrissen werden. Der oder die eine ist Tänzer/in, der oder die andere legt Platten in Discos auf. Vorzugsweise wird die gemeinsame Zeit im bunten und schrillen Nachtleben am linken Seine-Ufer verbracht. Aber auch New York und Amsterdam bieten Raum für lange Nächte. Nur mit der Liebe tun sich beide Personen schwer. Es ist ein Auf und Ab von Ja und Nein, von Nähe und Distanz, und schon bald zeichnet sich ab, dass die "todgeweihte Zweisamkeit" nur einen schalen Bodensatz der Liebe zurücklässt, der letztlich die Ich-Figur zum Verlust der eigenen Sprache führt. Dieses Schicksal teilt auch die Hauptfigur eines Folgeromans von Garréta "Ciels liquides" (Grasset, 1990).

Alles im Roman bleibt unkonkret, wie in einem Vexierspiegel, ohne Grund und Boden. Sobald etwas deutlicher zu werden scheint, sobald sich Konturen des Erkennens abzeichnen, so schnell verflüchtigt sich die vermeintliche Erkenntnis und wird abgelöst von einer neuen (flüchtigen) Idee des Interpretierens. Aber genau das macht es zu einem wahren Vergnügen, diesen Roman zu lesen! Die Rezensentin hatte eine andere Lesart als Antje Rávic Strubel in ihrem überaus geistreichen Nachwort, aber egal, zu welchem Schluss Sie beim Lesen kommen, eines wird durch den Text deutlich: wie universell Liebe und Leid sind, jenseits von Geschlecht, Alter, Nationalität oder Hautfarbe, und wie sehr wir unser heutiges idealisiertes (und deswegen kaum lebbares) Liebeskonzept den RomantikerInnen des 18. und 19. Jahrhunderts entnommen haben.

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