Annemarie Weber: Roter Winter

Artikelnummer: 978-3-932338-67-0

Mit dem für sie typischen Witz und einem 'Blick für komische und peinliche Besonderheiten' (Christa Rotzoll) porträtiert Annemarie Weber in ihrem Roman von 1969 die kontrastierenden Welten der wilden Sechziger zwischen Ehe und Apo.

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Lili Abelssen geb. Lewinsky hat einen Beruf, zwei Söhne, einen eleganten Ehemann und eine Vorliebe für schlecht gekleidete marxistische Liebhaber. Sie lebt im Westend, verliert sich gerne in verruchte Kneipen und schwelgt mit ihrem Gatten in den mondänen Kreisen der Modewelt. Durch abendliche Spiele, in denen die Abelssens bei genauer Kenntnis der gegenseitigen Schwachpunkte künftige Miseren bis hin zu Trennung und Tod imaginieren, bekommt ihre Beziehung eine reizvolle Eigendynamik.

Mit dem für sie typischen Witz und einem 'Blick für komische und peinliche Besonderheiten' (Christa Rotzoll) porträtiert Annemarie Weber in ihrem Roman von 1969 die kontrastierenden Welten der wilden Sechziger zwischen Ehe und Apo, linken Demos und schicken Empfängen.


Autor*in / Hrsg.: Annemarie Weber
Belletristik: zeitgenössischer Roman
Weitere Informationen: Umfang: 345 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 3 x 21.5 x 12.8 cm
Gewicht: 494 g
Erscheinungsdatum: 05.03.2015

Frau Abelssen merkte es sich, sie schrieb es sich auf eine Gesetzestafel. Zum erstenmal in ihrem Leben gab sie sich überhaupt ein Gesetz. Die Tafel war aus Stein, aber ihre zehn Gebote hatte sie noch nicht beisammen. Dieses eben gefundene war das erste, vielleicht würde es das einzige bleiben. Es hieß: Mute deinem Mann nicht zu, dich aus einer Kneipe aus der Hand eines anderen Mannes zu lösen. Moses, in einer modernen Ausgabe der Zehn Gebote für Frauen, würde formulieren: Laß dich, so du eines Mannes Weib bist, nicht begehren von einem anderen Manne! Doch kam Frau Abelssen dies allzu einschränkend vor. Ihr schien, es ging mehr um das Bild der Sünde als um die Sünde selbst. Das Wahrnehmen des Bildes schmerzte den leidenden Betrachter mehr als das Faktum Sünde, das sich nicht abbildete im Auge von Zuschauern. Sollte das Gesetz nicht heißen: Setz deinen Mann nicht dem Betrachten deiner sündigen Verstrickung aus? Das einzig richtige Gesetz wäre natürlich: Laß deinen Mann nicht leiden! Willkommener wäre aber doch ein geschmeidigeres Gesetz. Gesetze, die ihren Befolgern jede Lust mißgönnten, führten durch sich selbst zur Übertretung. Zwischen dem Gesetz und dem Sträflichen müßte noch ein Streifen Niemandsland sein, ein Streifen milde zu beurteilender, klug zu verwaltender Lustbarkeit, für welche diejenigen, die sich ihr hingaben, durch nichts als durch eigene Seelenqualen bestraft würden.
So formulierte Frau Abelssen ihr erstes Gesetz: Kannst du nicht umhin, deinen Mann leiden zu lassen, so verkürze sein Leiden auf das kleinste mögliche Maß!

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