Annett Gröschner, Barbara Felsmann, Grischa Meyer: Backfisch im Bombenkrieg. Das Tagebuch der Gitti E. Notizen in Steno 1943-45

Artikelnummer: 978-3-88221-983-8

'Backfisch im Bombenkrieg' ist ein einzigartiges Dokument über den Alltag eines unmenschlichen Krieges aus der Sicht eines jungen Mädchens.

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»Mit dem 24. Dezember 1942 beginnen meine täglichen Aufzeichnungen über kleine und alltägliche Begebenheiten, aber auch über bedeutungsvolle persönliche und politische Ereignisse.«

Das ist der erste Satz aus dem ungewöhnlichen Tagebuch eines fünfzehnjährigen Lehrmädchens aus Berlin, Prenzlauer Berg. Brigitte Eicke übt Steno, und so notiert sie alles, was ihr täglich passiert in einem kleinen Taschenkalender - von den Liebesbriefen von der Front, Küssen in dunklen Hausfluren, Zoff mit der Mutter, Luftschutzwachen, den Heimabenden als BDM-Mädchen, bis zu Tänzen nach Grammophon. 'Backfisch im Bombenkrieg' ist ein einzigartiges Dokument über den Alltag eines unmenschlichen Krieges aus der Sicht eines jungen Mädchens.

Autor*in / Hrsg.: Barbara Felsmann Annett Gröschner Grischa Meyer
Zeitepoche(n): 20. und 21. Jh.
politische Themen: Nationalsozialismus
Weitere Informationen: Zeugnisse & Dokumente 09
Umfang: 400 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 2.3 x 21 x 18
Gewicht: 715 g
Erscheinungsdatum: 15.03.2013

Rezension von Claire Horst auf AVIVA-Berlin:

Eher zufällig stießen die HerausgeberInnen Anfang der Neunziger Jahre auf die Aufzeichnungen von Brigitte Eicke. Für eine Ausstellung im Prenzlauer Berg Museum hatten sie über eine Anzeige Zeitdokumente gesucht - und erhielten per Post die Tagebuchaufzeichnungen einer Jugendlichen, geschrieben in den Jahren 1942 bis 1945.

Dass es bis zu einer Veröffentlichung noch einmal 20 Jahre gedauert hat, ist vor allem der umfangreichen editorischen Arbeit geschuldet, die die HerausgeberInnen unternommen haben. So sind nicht nur alle Personen- und Ortsnamen mit Anmerkungen in der Randspalte versehen, es wurden auch heute ungebräuchliche Begriffe oder Dialektwörter mit Erklärungen versehen, Bücher und Filme erläutert und sämtliche verzeichneten Bombenangriffe mit offiziellen Aufzeichnungen verglichen. Ergänzt werden die Notizen der jungen Frau mit Fotos aus ihrem privaten Album und späteren eigenen Anmerkungen.

Denn anfangs hatte Eicke mit den Notizen nur begonnen, um Steno zu üben - sie befand sich damals in der Ausbildung zur Bürokauffrau. Als sie nach Kriegsende als Sekretärin arbeitete, tippte sie die Aufzeichnungen ab, wiederum ausschließlich zu Übungszwecken: Diesmal perfektionierte sie ihr Maschineschreiben. Aus dieser Zeit stammen die eingefügten Anmerkungen zum Text.

An eine Veröffentlichung hatte die Tagebuchschreiberin niemals gedacht, und das erklärt auch die teilweise schockierend naive Darstellung der Geschehnisse. Im Mittelpunkt stehen die ganz banalen Alltagserlebnisse einer Jugendlichen: Erste Kontakte zu Jungen, Flirts und Tanzabende. Vielleicht ganz normal in diesem Alter, schließlich war Brigitte Eicke zu Beginn ihrer Eintragungen erst 15 Jahre alt. Normalität, die gab es allerdings 1942 nur noch für einen Teil der Bevölkerung: für den "arischen", nicht-oppositionellen Teil. Für den Rest interessiert sich Gitti nicht.

Von Lebensfreude und Abenteuerlust ist da vor allem die Rede, Gitti geht tanzen, sieht Unterhaltungsfilme und genießt die ersten Küsse mit "schicken" jungen Männern. Selbstbewusst erzählt sie von ihren Erfolgen, in der Liebe ebenso wie beruflich. Denn obwohl sie aus einer einfachen Familie kommt, für die eine höhere Schulbildung nicht in Frage kommt, strebt sie nach oben und wechselt die Arbeitgeber, wenn ihr eine Stelle nicht zusagt. Ihr Selbstbewusstsein ist ebenso bewundernswert wie ihre Fähigkeit, sich weder vom beengten Leben in "Stube und Küche" noch von ständigen Bombenangriffen und dem frühen Verlust des Vaters und vieler Verwandter unterkriegen zu lassen.

Erschütternd ist etwas anderes, nämlich die fast vollkommene Abwesenheit von Vermerken auf die politische Situation, auf die Unterdrückung Andersdenkender, auf die Verfolgung und Vernichtung der JüdInnen. Mit Politik beschäftigt die junge Gitti sich überhaupt nicht - wenn, dann taucht das Thema nur in Bezug auf bewunderte Reden oder die Hoffnung auf den baldigen Endsieg auf. Größtenteils folgen darauf schnell Banalitäten, die für die Jugendliche von größerer Bedeutung waren - und sich außerdem zum Üben der Kurzschrift ebenso gut eigneten. Ein typischer Eintrag von 1943, Gitti ist in einem Schulungslager für BDM-Mädchen, lautet etwa so:

"... Frühsport, Waschen, Anziehen, Flaggenhissen, Frühstück, in Dienstkleidung Bettenappell, schnell in Zivil umziehen und runter zum Liedersingen, danach hielt Annemarie Kraust (eine fantastische Führerin) einen Vortrag, der anschließend besprochen wurde. Zum Mittagessen gab es Erbsen."

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