Chiara Zamboni: Denken in Präsenz. Gespräche, Orte, Improvisationen

Artikelnummer: 978-3-939623-45-8

Von uns selbst ausgehend zu denken und sich in der Alltagssprache mit anderen über Gefühle, Erfahrungen und Träume auszutauschen, lässt Wahrheiten entdecken. Dazu werden wir bisher in Schule und Hochschule kaum ermutigt, weshalb Philosophie vielen als etwas Lebensfernes erscheint ...

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Von uns selbst ausgehend zu denken und sich in der Alltagssprache mit anderen über Gefühle, Erfahrungen und Träume auszutauschen, lässt Wahrheiten entdecken. Dazu werden wir bisher in Schule und Hochschule kaum ermutigt, weshalb Philosophie vielen als etwas Lebensfernes erscheint, etwas, das sie sowieso nicht verstehen.

Mündliches Philosophieren spielt jedoch eine wichtige Rolle in politischen Umwälzungsprozessen, besonders auch in der Frauenbewegung seit den 70er-Jahren. Das Bedürfnis, gemeinsam nachzudenken, entsteht immer wieder neu, wenn das Begehren wächst, sich dem dominierenden Symbolischen zu entziehen, und wenn beim Denken und politischen Handeln nach Orientierung gesucht wird.

Mit anderen zu diskutieren und in gegenseitiger Anwesenheit - in Präsenz - zu denken, erfordert eine andere Praxis, als etwas zu schreiben. Chiara Zamboni geht auf die dabei verwendeten rhetorischen Formen und Argumentationsweisen ein, die sich zu einem kunstvollen Improvisationsprozess verdichten. Was Präsenz ist und wie sie wirkt, erfahren wir im zweiten Teil des Buches, wozu auch Theaterschaffende und Architektinnen befragt wurden.

Autor*in / Hrsg.: Chiara Zamboni
Weitere Informationen: Übersetzt von: Dorothee Markert
Umfang: 272 S.
Einband: Kartoniert
Format: 20,5 x 14,5 cm
Erscheinungsdatum: 29.10.2013

Was ist Präsenz? Ich möchte das erklären, indem ich von einem Obdachlosen erzähle, der seit mehreren Jahren mein ganzes Viertel zu seiner Wohnung gemacht hat, tagsüber den öffentlichen Park mit seinen Bänken und nachts die Gartenlauben bestimmter benachbarter Häuser. Je mehr der Alte aus sich ein Ding zwischen Dingen macht, indem er sich in gewisser Weise aus einer menschlichen, also einer kommunikativen Präsenz zurückzieht und unter strömendem Regen auf dem Rasen schläft, als sei er einen ganzen Nachmittag lang gleichsam ein Baumstamm oder ein Stein, umso mehr wenden manche Passanten den Blick von ihm ab. Denn sie empfinden seine Präsenz ähnlich wie die einer Sache und erleben sie folglich, als werde sie immer sperriger und sei immer schwerer auszuhalten für ihr Gefühl für Menschliches, das sich hier aus einem anderen menschlichen Wesen zurückgezogen hat. Sie haben den Eindruck, ebenfalls nicht-menschlich zu werden. Umso mehr und aus demselben Grund wenden ihm andere besorgte Passanten den Blick mit besonderer Aufmerksamkeit zu, weil sie merken, dass es gefährlich für sie und für ihn ist, wenn er sich so zurückzieht und zu einer Sache macht. Sie schauen ihn an, als könne ihr Blick den Obdachlosen und sie selbst heilen und schützen.

Wenn mein Obdachloser zu einer nicht mehr "dinghaften" sondern "menschlichen" Präsenz zurückkehrt, dann geht er fluchend umher und wendet sich an die Passanten in einer Weise, die zwischen höhnisch und aggressiv liegt, vor allem, wenn es Frauen sind. Und genau dann entspannen sich mehr oder weniger alle im Viertel - die Frauen eingeschlossen - , weil sie merken, dass er wieder in eine kommunikative Beziehung mit den anderen zurückgekehrt ist, die zwar merkwürdig, verdreht und aggressiv, aber viel weniger beunruhigend ist, weil er sich nicht mehr zur Sache unter Sachen macht. Er ist wieder zum Menschsein aufgeblüht, wozu auch unverständliche Beleidigungen und Flüche gehören, von denen nur Gott wirklich weiß, an wen sie sich richten.

Die nonverbale Kommunikation durch Zeichen gibt uns deutliche Signale, die im Rahmen einer Beziehung und in einem bestimmten Gegenwartskontext interpretiert werden können. Die verbale Sprache hat dagegen die Fähigkeit, über den Kontext hinauszugehen. Sie kann auch von Dingen erzählen, die nie geschehen sind, von Situationen, die an einen Ort außerhalb des gemeinsamen gegenwärtigen Ortes versetzt werden. Aus dieser Perspektive heraus kann das, was mit dem alten Obdachlosen geschieht, ganz im Licht nonverbaler Kommunikation interpretiert werden. Auch wenn er durch das Viertel geht und die Passanten mit zusammenhanglosen Worte angreift, ist seine Sprache zwar verbal, bleibt aber unverständlich. Daher sind wir es, die sein Gemurmel, seine Gesten und die Beleidigungen interpretieren, weil wir daraus eine Kommunikationsabsicht herauslesen.

Wenn er sich zu einer "Sache" macht, ist die Präsenz des Obdachlosen auf jeden Fall anders, als wenn er wieder "menschlich" wird, und wir deuten diese Veränderung und verhalten uns anders. Die Präsenz des Alten ist für uns sowohl im ersten als auch im zweiten Fall offensichtlich, schon aufgrund ihrer Veränderungen. Tatsächlich hängt die Präsenz nicht von der Kommunikationsabsicht des Alten ab, auch wenn er anders ist, je nachdem, ob eine solche Absicht besteht oder nicht. Die Präsenz hat mehr mit dem Körper zu tun und mit einer bestimmten Art, sich auf den eigenen Körper zu beziehen. Sie ist relational, beziehungshaft, weil wir uns auf jeden Fall in einem Mit-Sein mit den anderen befinden. Unser Körper ist wahrnehmungsmäßig mit den Körpern anderer verbunden, ob wir das wollen oder nicht. Wir sehen und werden gesehen, und Gesehenwerden ist aus demselben Stoff wie Berühren und Berührtwerden, wie Hören und Riechen. In diesem Sinne ist die Präsenz kein persönlicher Besitz, der uns wie ein Schatten folgt, sondern sie ist der Anknüpfungspunkt des Wahrnehmungszusammenhangs mit den anderen. Sie ist ein körperliches Mit-Sein "zwischen" dem eigenen Körper und denen der anderen, das über meinen einen Körper hinausgeht. Die Wahrnehmungsverbindungen bewirken, dass wir uns in unsichtbar-affektive Bindungen zwischen uns und den anderen hineinbegeben. Die Präsenz ist also die Folge der Wahrnehmung sichtbarer und unsichtbar-affektiver Verbindungen.

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