Christiane Uhlig: «Jetzt kommen andere Zeiten». Lotte Schwarz (1910-1971). Dienstmädchen, Emigrantin, Schriftstellerin

Artikelnummer: 978-3-0340-1144-0

Das Leben von Lotte Schwarz steht für vieles mehr, als die drei geografischen Koordinaten - Hamburg, Zürich, Brüttisellen - es vermuten lassen. 1910 geboren, wuchs sie im Hamburg der Weimarer Republik auf. Sie war Dienstmädchen und engagierte Bibliothekarin...

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Das Leben von Lotte Schwarz steht für vieles mehr, als die drei geografischen Koordinaten - Hamburg, Zürich, Brüttisellen - es vermuten lassen. 1910 geboren, wuchs sie im Hamburg der Weimarer Republik auf. Sie war Dienstmädchen und engagierte Bibliothekarin, sie schloss sich der Guttemplerjugend an, begeisterte sich für die Emanzipation der Frauen, wurde Mitglied der kommunistischen Jugend, dann der antistalinistischen Roten Kämpfer. 1934 emigrierte sie nach Zürich. Dort musste sie sich erneut als Dienstmädchen durchbringen, bis sie 1938 ihr ideales Wirkungsfeld fand: das Schweizerische Sozialarchiv, wo sie als Bibliothekarin mit ihrem Wissen und ihrer grossen Hilfsbereitschaft zu einer von vielen Flüchtlingen geschätzten Ansprechperson wurde.

Nach der Gründung einer Familie blieb ihr Leben spannend. Gemeinsam mit ihrem Mann und Freunden baute Lotte Schwarz eigenhändig ihr Haus. Sie wurde eine Pionierin der Recyclingkunst und engagierte sich politisch. Sie schrieb und publizierte, über ihre Erfahrungen als Emigrantin, über die Schwierigkeiten berufstätiger Frauen, das fehlende Frauenstimmrecht sowie über Architekturthemen. Gescheit, humorvoll, menschlich - so wurde sie von ihrem grossen Freundeskreis erlebt. Zu diesem zählten bekannte Künstler, Schriftsteller, Architekten, Frauenrechtlerinnen, politisch engagierte Sozialisten - nachzulesen in dieser Biografie einer ungewöhnlichen Frau.

Autor*in / Hrsg.: Christiane Uhlig
Biografien von/über: Aktivistinnen Feministinnen Schriftstellerinnen
Zeitepoche: 20. und 21. Jh.
Weitere Informationen: Umfang: 280 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 2.5 x 22.8 x 15.8
Gewicht: 555 g
Erscheinungsdatum: 04.09.2012

Prolog - Ein unpublizierter Roman und seine Folgen

I. Aufbrüche: Hamburg 1910-1934
Die Benetts aus Schwarzenbek
Politische Umbrüche - neue Perspektiven
Schul- und Jugendjahre
Dienstmädchenjahre
Bei den Guttemplern
In der Frauenarbeitsgemeinschaft
Im Reich der Bücher
Hinein in die Stadt und in die Krise
Bei der Kommunistischen Jugend
Mitglied der Roten Kämpfer
Gewaltsames Ende

II. Im Exil: Zürich 1934-1945
Unsichere Zuflucht, ungewisse Zukunft
«Intelligente Person gesucht»
Keine Liebesheirat
Pension Comi - Friedmanns rettende Insel
Ringen um eine politische Haltung
Sozialarchiv - ein Ort des Wissens und der Hilfe
Ein junger Mann betritt die Bühne

III. Alte Fragen neu gestellt: Brüttisellen 1945-1971
Der Anfang nach dem ersehnten Ende
Wiederaufbau
Tagebuch mit einem Haus
Kreativ mit Holz
Wider den Zeitgeist
Der lange Kampf für die Rechte der Frauen
Ein Salon in Brüttisellen
Schreiben bis zum Ende

Mit Auszügen aus Texten von Lotte Schwarz

Wie es das Dienstmädchen sieht
Die beiden Miniaturchefs waren ausgesprochen schlecht erzogen. Nicht nur, dass sie mich gar nicht wahrnahmen; gegen Menschen, die einem die Hosen bügeln und die Schuhe putzen, ist man sowieso immun. Sie konnten zusehen, wenn ich, den Arm voll Geschirr, mich abmühte, die Küchentür zu öffnen. Sie konnten drei Schritte hinter mir hergehen, wenn ich den Kübel auf die Strasse bringen musste, es rührte sie nicht, sie nahmen ihn mir nie ab. Sie lasen ihren «Sport», waren immer fröhlich, und wenn sie mit einer fremden Dame am Telephon sprachen, konnten sie sich fast umbringen vor Höflichkeit.
(Schweizer Spiegel, 1939)

Medita­tionen über eine Bibliothek
26 Nationen passierten trotz geschlossenen Grenzen unsere Bibliothek. Es war die Zeit der Kohleknappheit und der Stromrationierung. Wegen einer Sonderbewilligung durften wir unseren grossen Ofen, der in der Mitte des Lesesaals stand, des Nachts mit billigem Strom speisen. Am Tage erwärmte er viele Menschen, und die Nachfrage nach sozialer Literatur stieg. Alle Begleiterscheinungen der Rationierung mit der notwendigen Zwischenverpflegung spielten sich dabei im Lesesaal ab. Besorgt schaute ich auf manche Thermosflasche, die lose und zufällig aus dem Labyrinth der Männertaschen ihren Kopf herausstreckte. Merkwürdigerweise gelang es immer diese Zwischenverpflegungen einzunehmen, ohne dass ich eingreifen konnte, das heisst, ich sah es nie. Immer wenn ich aus dem grossen Büchermagazin zurück kam, woher ich die gewünschten Bücher holen musste, [...], hörte ich, gleich eiligen Mäusen, Papiergeknister und im Übrigen tadellose Ordnung. Ich musste oft darüber lachen - in diesem Herunterwürgen lag doch eine gewisse Referenz dem bildenden Ort gegenüber.
(Medita­tionen über eine Bibliothek, 1950)

Tagebuch mit einem Haus
«Der Übergang zur Bourgeoisie ist leider bei Ihnen nur allzu offenbar. Sie sind jetzt Hausbesitzerin geworden.»
Ich gab letztere Tatsache zu. Der Übergang zur Bourgeoisie war so arbeitsreich für mich gewesen, dass ich die Ereignisse ausserhalb unseres Hauses vernachlässigte. Zu den sozialistischen 
Prophezeiungen gehört die Aussicht auf weniger Arbeit. Wir hatten aber ein Abkommen mit unserer Bank, wonach wir Arbeit statt Geld zu leisten hatten ... oder es gäbe kein Haus.
«Arbeit adelt, wir wollen Bürger bleiben!» sagte mein Bruder immer, wenn er bei den langwierigen Erdarbeiten die Schaufel in die Hand nahm. So waren wir unser eigenes variables Kapital und verloren während der Bautätigkeit jede Freizügigkeit!
[...] Als der Beamte von der Gebäudeversicherung kam und unser Haus auf einen Versicherungswert von 68 000 Franken schätzte, war unser Besitz für mich zum ersten Mal in Geld aus­ge­drückt. Wird dieser Besitz unser Bewusstsein verändern?
Kleiner Besitz kann kleinlich machen. So ist die Veränderung vom Mieter zum Hausbesitzer ebenso segensreich wie gefahrvoll.
(Tagebuch mit einem Haus, 1956)

Wir waren siebzehn
Noch sehe ich die Jungs unserer Gruppe vor mir, bereit und verzweifelt. Bis zuletzt hatten sie auf die ersehnte Parole gehofft. Mancher heulte in ohnmächtiger Verzweiflung. Ein Unentwegter kam angestürzt: «Menschenskinder, ich sag Euch, besorgt Euch was. Kauft Brot und was zu schmieren, heute steigt was!» «Ach. Quatsch», sagte ein anderer bitter, «hast Du denn immer noch Illusionen? Der Bart ist ab. Wir sind betrogen. Kein Aas kümmert sich mehr um uns. Herrgott, und wir haben diesen Hunden geglaubt!» [...] Langsam gingen die Jungens weg. Sie versteckten ihre Waffen, verbrannten ihre Broschüren. Mancher warf seine Pistole ins Wasser ... es hatte ja alles keinen Sinn mehr. Dann tauchten sie unter, manche in der Resignation, die anderen in der Illegalität.
(Wir waren siebzehn)

Mann und Frau in einer veränderten Welt
Ist es ein Trost für die Frauen, dass der Sieg des Neinsagers auch für ihn keine reine Freude ist? In unserer Gegenwart ist auch der Mann nicht mehr im Besitz einer unverrückbaren Stellung. Auch er muss sich diese - unter anderen Voraussetzungen freilich als die Frau - neu erobern. Das Ideal des selbstsicheren Patriarchen ist veraltet; nach den Eigenschaften, die diesem Gesellschaftsideal entsprachen, besteht immer weniger Nachfrage. Seit die Frauen ins öffentliche Leben traten, haben sich nicht nur sie, sondern auch die Männer verändert. Der unbewegliche, dominierende Typ des Mannes und Vaters ist «lebensunfähig» geworden.
Mann und Frau in einer veränderten Welt, in: Tages Anzeiger, 16. Januar 1960

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