Christina Clemm: AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt

Artikelnummer: 978-3-95614-357-1

Gewalt gegen Frauen ist ein alltägliches Phänomen, auch wenn sie nur selten öffentlich wird. »AktenEinsicht« erzählt Geschichten von Frauen, die körperlicher und sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, und vermittelt überraschende, teils erschreckende Einsichten in die Arbeit von Justiz und Polizei.

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Gewalt gegen Frauen ist ein alltägliches Phänomen, auch wenn sie nur selten öffentlich wird. »AktenEinsicht« erzählt Geschichten von Frauen, die körperlicher und sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, und vermittelt überraschende, teils erschreckende Einsichten in die Arbeit von Justiz und Polizei. Nach den neuesten Zahlen des BKA ist jede dritte Frau in Deutschland von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Welche Lebensgeschichten sich hinter dieser erschreckenden Zahl verbergen, davon erzählt die Strafrechtsanwältin Christina Clemm, empathisch und unpathetisch.

Alina ist nach Deutschland gekommen, um Geld zu verdienen. Sie wusste, dass sie wahrscheinlich nur als Prostituierte wird arbeiten können, und kommt gut damit zurecht. Mit Vielem hat sie gerechnet, aber nicht damit, dass ein Bekannter ihres Bruders ihr nachstellt und - als sie ihn abweist - versucht, sie auf offener Straße zu töten. Eva verlässt ihren Freund, der sie in den Bauch tritt, als sie schwanger ist. Er verfolgt sie, schickt Morddrohungen. Siebzehn Mal hatte sie ihn vergeblich bei der Polizei angezeigt, als ihre Tochter sie tot in ihrer Wohnung findet. Faizah wird von ihrem deutschen Ehemann schwer misshandelt. Einmal gelingt es ihr, sich nach draußen zu retten. Er folgt ihr, prügelt weiter, würgt sie, bis Passanten ihn festhalten und die Polizei holen.
Wie gewinnt man nach einer Gewalterfahrung die Selbstachtung zurück, die Selbstbestimmung über das eigene Leben? Wie geht man damit um, dass die Polizei einen angekündigten Mord nicht ernst nimmt? Dass man einem Richter gegenübersteht, der auf dem rechten Auge blind ist? Was macht es mit den Betroffenen, die Täter wiedersehen zu müssen und sich bohrenden Fragen zur Tat zu stellen?

Christina Clemm nimmt uns mit auf eine Reise in die Gerichtssäle der Republik, an die Tatorte, in die Tatgeschehen. Es sind Geschichten, die man nicht mehr vergessen wird.

Autor*in / Hrsg.: Christina Clemm
Details: Einbandart: gebunden
Umfang: 208 S.
Format (T/L/B): 2.3 x 21.7 x 14.6 cm
Gewicht: 368 g
Erscheinungsdatum: 03.03.2020
Leseprobe:
Auszug aus dem Kapitel "Hilferufe" bei Edition F:

Mir war es "zu gut gegangen"

Ein einziges Mal rufe ich die Polizei. Mein Sohn ist gerade ein paar Wochen alt, und P. hat wieder zu prügeln begonnen. Die Schonzeit, oder was immer das war, das er mir da für die Dauer der Schwangerschaft (für die Dauer dieser Schwangerschaft) gewährt hat, ist vorbei. Ich weiß nicht, ob ich gleich beim ersten Mal, als er nach der Geburt des Kindes wieder zuschlug, um Hilfe rief. Möglich. Die so lange Abwesenheit körperlicher Gewalt (über neun Monate!) würde erklären, warum ich dieses Mal von ihr überrascht war.

Warum ich es dieses Mal nicht für gerechtfertigt, warum ich es nicht für normal hielt, dass er mich schlug. Warum ich es noch nicht wieder für normal hielt. Mir war es "zu gut gegangen". So haben es meine Eltern früher gesagt, sobald ich, nach ihren guten, mir zugewandten Phasen, einen Anflug von Selbst-Bewusstsein und - gottbewahre - Widerspruch zeigte: "Dir geht es zu gut!" So sagt es jetzt auch P.: "Ich war zu gut zu dir." Und nun guck mal, zu was das geführt hat! Kaum pfeift er mich zurück auf meinen Platz, fühle ich mich "misshandelt" und schreie gleich nach der Polizei!

Das Schlagen soll aufhören

Ich will aber nur, dass das Schreien aufhört. Seines. Und meines. Denn die Nachbarn, oh Gott, die Nachbarn, die haben uns so noch nicht gehört! Und ich will, dass das Schlagen aufhört. Ich will, dass ihn jemand stoppt. Und damit soll es dann auch schon gut sein. Soll alles wieder gut sein. Er soll einfach nur einsehen, dass er mich nicht schlagen darf. Das muss ihm jemand sagen. Jemand, der etwas zu sagen hat. Den er für voll nimmt. Mir fällt niemand anderes ein als die Polizei.

Und doch, mehr als ich mir von der Polizei verspreche, habe ich Angst vor ihr. Ich habe Angst, als ich die Nummer wähle. Angst, als ich spreche. Noch am Telefon, als ich erklären will, dass und wie sehr und wie lange er zugeschlagen hat, wie sehr ich mich fürchte, vor P., sage ich auf die wiederholte Nachfrage des Beamten: "So schlimm ist es nicht." Und das stimmt. Irgendwie. P., der eben noch wie ein Wahnsinniger auf mich eingedroschen hat, wiegt jetzt das weinende Baby. Er kümmert sich. Um unseren Sohn. Während ich - wieder mal - nur an mich denke und eine "Show abziehe".

P., mit dem Baby auf dem Arm, tigert im Wohnzimmer auf und ab und schüttelt den Kopf. Über mich. Ich zögere. Der Beamte klingt ärgerlich. "Also, müssen wir jetzt jemanden zu Ihnen schicken oder nicht?" - "Bitte", sage ich kläglich, und der Mann am Telefon macht ein Geräusch. So einen bestimmten, mir sehr bekannten Ton. Diesen Ton, der entsteht, wenn einer ausatmet, der kurz vor dem Platzen steht. Ich würde gern einen Rückzieher machen. Auflegen. Verschwinden. Vergessen. Aber der Beamte hat gleich zu Beginn des Gesprächs meinen Namen notiert. Und die Adresse. Und blöderweise habe ich immer noch Angst, vor P. Ich glaube, ich fürchte mich mehr vor ihm als vor den Polizisten. Aber genau kann ich das nicht sagen.

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