Daniel de Roulet: Zehn unbekümmerte Anarchistinnen

Artikelnummer: 978-3-85791-839-1

1872 weilt Bakunin in der Uhrenstadt Saint-Imier im Schweizer Jura, wo die Antiautoritäre Internationale gegründet wird. Zehn Frauen werden von den Freiheitsideen angesteckt und beschliessen, nach Südamerika auszuwandern, um dort ein herrschaftsfreies Leben auszuprobieren. Als Kriegskasse beschafft sich jede eine Longines 20A.

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1872 weilt Bakunin in der Uhrenstadt Saint-Imier im Schweizer Jura, wo die Antiautoritäre Internationale gegründet wird. Zehn Frauen werden von den Freiheitsideen angesteckt und beschliessen, nach Südamerika auszuwandern, um dort ein herrschaftsfreies Leben auszuprobieren. Als Kriegskasse beschafft sich jede eine Longines 20A.

Zwar beginnt es schlecht, von den beiden vorangegangen Frauen, dem Liebespaar Colette und Juliette, trifft bald die Nachricht ihres gewaltsamen Todes ein. Trotzdem machen sich die andern acht auf den Weg. Mit einem Schiff, auf dem auch Verbannte der Pariser Kommune eingesperrt sind und auf dem Émilie bei einer Geburt stirbt, gelangen die übriggebliebenen sieben nach Punta Arenas in Patagonien, wo sie gemeinsam eine Bäckerei und eine Uhrmacherwerkstatt aufbauen. Sie trotzen machistischen Kolonialbeamten und verfolgen in Freiheit ihr Liebesleben, jede nach ihrem Geschmack.

Auf der Basis historischer Dokumente und mit Hilfe seiner Imagination erzählt Daniel de Roulet das Schicksal von zehn Frauen, die in einer Zeit, die ihnen nichts zu bieten gewillt war, die Freiheit suchten.

Autor*in / Hrsg.: Daniel de Roulet
Belletristik: historischer Roman
Land im Fokus: Chile
Details: Originaltitel: Quelques femmes insouciantes
Übersetzt von: Maria Hoffmann Dartevelle
Umfang: 186 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 1.8 x 19.5 x 12.4 cm
Gewicht: 261 g
Erscheinungsdatum: 06.10.2017

Zum Entstehen der "Zehn unbekümmerten Anarchistinnen"

von Daniel de Roulet
(aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle)

Als ich begann, dieses Buch zu schreiben, sollte daraus zunächst gar kein Roman werden, sondern ein Sachbericht. Ich hatte vor, acht Monate durch Amerika zu reisen, von Feuerland bis Alaska, auf den Spuren der schweizerischen Emigranten des 19. Jahrhunderts. Einige Monate vor der Reise, im Jahr 2013, vertiefte ich mich in Bücher und Archivmaterialien zu meinem Thema. Dabei stieß ich auf Briefe von Auswanderern an ihre in der Heimat gebliebenen Familien. Diese verwahrten Briefe liegen heute größtenteils in Kantonsarchiven und wurden bereits von Historikern gesichtet und ausgewertet, etwa im Tessin, im Wallis, in Freiburg oder Bern.

Da ich meine Kindheit in Saint-Imier verbracht habe, wo mein Vater Pfarrer war, konsultierte ich vor Ort die Sammlungen des Forschungs- und Dokumentationszentrums des Berner Jura Mémoires d?ici, die mir eine kaum zu bewältigende Fülle an Material lieferten. In Schweizer Zeitungen aus der damaligen Zeit stieß ich auf Werbeannoncen, die Emigranten anlocken, und auf Anzeigen von Reedereien. In diplomatischen Archiven las ich die Berichte von Schweizer Konsuln, die mit der Not ihrer Landsleute in Berührung gekommen waren.

Die Lektüre der vielen persönlichen Berichte machte mir klar, dass die Vorstellung, die Schweiz sei bereits im 19. Jahrhundert ein blühendes Land gewesen, nicht der Wirklichkeit entspricht. Hunderttausende wanderten aus, wurden teils sogar von ihren eigenen Landsleuten vertrieben und führten in der neuen Heimat nicht das Leben, das ihnen versprochen worden war. Gleichwohl haben nur in wenigen Fällen die Betroffenen selbst das Elend ihrer gescheiterten Auswanderung dokumentiert. In Amerika (oder Australien oder Algerien) angekommen, schickten sie ihren Angehörigen einen ersten Brief, in dem sie nur selten von Enttäuschungen berichteten, dann einen zweiten, in dem sie um finanzielle Hilfe baten, und eines Tages erhielt die Familie eine Todesanzeige.

Dokumentiert sind lediglich die Erfolgsgeschichten, etwa vereinzelte Schicksale von Menschen, die im Goldrausch zu Reichtum gelangten, von ein, zwei tapferen, zähen Ingenieuren oder von Militärs, denen in ihren aristokratischen Familien ein ruhmreiches Leben angedichtet wurde. Die vielen Geschichten von Verlierern, von jenen, die an Krankheit oder Hunger starben, oder von ermordeten Emigranten finden kaum Erwähnung. Es sind diese Menschen, die ich würdigen wollte, ohne allzu sehr ins Romanhafte abzugleiten. So habe ich mehrere von mir rekonstruierte Lebensläufe erzählend miteinander verwoben. Alles Fiktive soll es dem Leser lediglich erleichtern, den Lebensweg jener zehn wunderbaren Verliererinnen zu verfolgen.

Da ich weder Historiker noch Archivar bin, habe ich viele Dokumente nur überflogen und mir Ausschnitte herauskopiert, ohne mir die jeweilige Quelle zu notieren.

Auf meiner Amerikareise wollte ich zunächst Orte aufsuchen, zu denen mir bereits Material vorlag. Villa Lugano in Argentinien, Punta Arenas und das Land der Mapuche in Chile sowie weitere Orte in den Ländern Süd- und Nordamerikas, durch die ich kam. Irgendwo las ich, dass acht Frauen aus Saint-Imier mit ihren Kindern, aber ohne Männer, nach Patagonien ausgewandert waren. Die Quelle habe ich nicht festgehalten, sondern einfach weitergeblättert. Schließlich fügte sich in meiner Phantasie alles zusammen, und ich ergänzte noch dies und das, was ich vor Ort fand, in kleinen, heruntergekommenen Museen im hintersten Winkel Patagoniens.

Das Einzige, was ich meinen Lesern garantieren kann, ist, dass alles, was in meinem Roman in Anführungszeichen steht, historischen Dokumenten entnommen ist.

Dies betrifft vor allem die Ereignisse von 1851 und die Basswitz-Affäre. Was die Uhrenindustrie angeht, so habe ich die Fakten in den Archiven der großen Uhrenfirmen des "Vallon" recherchiert. Eine Schilderung der Überfahrt auf der Virginie, auf der Henri de Rochefort und Louise Michel deportiert wurden, ist in den auch online einsehbaren Archiven der Pariser Kommune nachzulesen. Die Geschichte von Punta Arenas dokumentiert ein salesianisches Museum vor Ort sowie das dortige Freilichtmuseum, in dem ich den Karren der Panaderia universal (Bäckerei zur Welt) fotografieren konnte. Das Leben des Unterpräfekten von Rodt, eines verschrobenen Berners, der sich einst auf der Robinson-Crusoe-Insel niederließ, wurde von Pfarrer Grin in einer Artikelserie beschrieben, die im Journal de Genève erschienen ist. Die Materialien zum Anarchismus, insbesondere zum Kongress von Saint-Imier, zum Leben von Errico Malatesta, zu den Aufständen in Buenos Aires und der Ermordung des Polizeichefs Falcón finden sich in verschiedenen vertrauenswürdigen italienischen und spanischen Texten. Eine besonders verlässliche Quelle zu diesem Thema ist das CIRA (Centre International de Recherches sur l?Anarchisme) in Lausanne. Alle Informationen habe ich so exakt wiedergegeben, wie es ein Text ermöglicht, der sich auch mit der Phantasie des Autors arrangieren muss.

In unseren helvetischen Geschichtsbüchern werden die zwei Millionen Soldaten, die im Lauf der Jahrhunderte auszogen, um im Dienst fremder Könige zu kämpfen, nur am Rande erwähnt. Von den Hundertausenden überzähliger Schweizer, die zu Auswanderern wurden, ist dort viel zu selten die Rede. Möge der Leser also meiner Phantasie vertrauen, die sich, soweit dies möglich ist, auf sichere Quellen stützt. So wird er sich lesend meiner Hommage an jene anschließen, die meinem Land mitgeholfen haben, zu Weltoffenheit zu gelangen.
Die wichtigsten der leicht zugänglichen Werke:
Bakounine Michel, Trois conférences faites aux ouvriers du val de Saint-Imier, Canevas, 1990
Bakunin, Michael: Die Politik der Internationale, Unrast 2015
Carron Alexandre et Christophe, Nos cousins d?Amérique, Monographic, 1986
Cordillot Michel, Utopistes et exilés du Nouveau Monde, Vendémiaire, 2013
Cunha Dilney, Das Paradies in den Sümpfen, Limmat, 2004
Enckell Marianne, La fédération jurassienne, Canevas, 1991
Giacopini Vittorio, Errico Malatesta, vita straordinaria, Eleuthera, 2012
Gilimon Eduardo, El anarquismo en Buenos-Aires, Terramar 2011
Grave Jean, Terre libre, Noir et Rouge, 2015
Gusinde Martin, L?esprit des hommes de la Terre de Feu, Éditions Xavier Barral, 2015
Lienhard Heinrich, Wenn Du absolut nach Amerika willst, Limmat, 2011
Petitfils Jean-Christian, Les communautés utopistes au XIXe siècle, Hachette, 1982
Truquin Norbert, Mémoires d?un prolétaire, Le mot et le reste, 2006
Rezension von Mira Sigel auf dem Blog Die Störenfriedas:

Es geht ihnen nicht schlecht, den 10 Frauen aus dem Schweizer Jura. Die Uhrenindustrie boomt, der Schnee ist weiß und Milch gibt es eigentlich immer. Doch als 1872 der Anarchistenkongress in ihrer Heimatstadt Saint-Imier tagt und sie Bakunins Reden lauschen, regt sich in den Frauen im Alter zwischen 10 und 31 ein Freiheitsdrang, der nicht mehr zu zähmen ist. Hinaus in die Welt möchten sie frei sein, ohne Herrschaft und fassen einen mutigen Plan: Sie wandern nach Patagonien aus. Ihre einzige Versicherung sind die Uhrenzwiebeln, die sie mitnehmen. Zwei von ihnen reisen voraus, wollen ihre Liebe zueinander frei lieben und finden einen gewaltsamen Tod.

Die übrigen acht lassen sich nicht beirren und folgen ihrem Traum, auch wenn eine weitere auf der rauen Überfahrt stirbt. Sie nehmen es pragmatisch:
"Du hättest es verdient, Patagonien zu sehen. In Gedanken nehmen wir dich mit."

Mitten in der Wildnis Patagoniens errichten sie Holzhäuser und eröffnen eine Uhrmacherwerkstatt und eine Bäckerei. Sie lieben, arbeiten, streiten und lassen sich in ihrem Traum von Freiheit nicht beirren.
"Da wir nicht an das Ende der Welt gekommen waren, um Gemüse zu putzen oder Dienstmädchen zu spielen und nur die Hälfte zu verdienen, waren wir bereit, wie Männer zu arbeiten, vorausgesetzt, es brachte uns genauso viel ein."

Nach 10 Jahren verlassen sie Chile, beteiligen sich kurz an einem anarchistischen Experiment, aber als dort nur noch über die richtige Ideologie gestritten wird, ziehen sie weiter, gründen in Bueno Aires eine Frauenzeitschrift und überqueren den Rio de la Plata.

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