Doris Hermanns: Wär mein Klavier doch ein Pferd. Erzählungen aus den Niederlanden

Artikelnummer: 978-3-942374-75-0

Niederländische Erzählkunst aus weiblicher Feder!

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Niederländische Erzählkunst aus weiblicher Feder!

Lakonisch, direkt, mit einem klaren Blick für die Absurditäten des Lebens erzählen die Autorinnen aus dem Land an der Nordsee. Knapp und eigenwillig, aus oft schräger Perspektive richten sie den Blick auf das Persönliche, das immer auch geprägt ist durch die Historie: die nationalsozialistische Besatzungszeit und deren Nachbeben etwa oder das Verhältnis zu den ehemaligen Kolonien in Südostasien. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen Schlüsselmomente der Kindheit, Brüche und Weichenstellungen im Erwachsenenleben, Dramen, die an den Grundfesten des Daseins rütteln.

Die Nahaufnahmen aus über hundert Jahren niederländischer Literatur beleuchten höchst unterschiedliche Situationen - manchmal alltägliche, manchmal skurril-komische, manchmal tragische Momente - und haben doch einen gemeinsamen Tenor: Sie alle loten auf ihre Weise die Grenze zwischen dem Ich und der Außenwelt aus und fragen, wo die Wahrung des Eigenen in Intoleranz mündet. Das Bild, das sie dazu von unserem Nachbarland, den Niederlanden, zeichnen, ist uns vielleicht ähnlicher, als man auf den ersten Blick vermuten mag.


Autor*in / Hrsg.: Doris Hermanns
Details: Übersetzt von: Doris Hermanns/Helga van Beuningen/Anna Carstens u.a.
Umfang: 200 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 2 x 19.5 x 13.5 cm
Gewicht: 306 g
Erscheinungsdatum: 24.02.2016

Im Sommer 1925 oder vielleicht 1926 fiel der Katechismusunterricht aus, weil Linda ein paar Monate in England war. Doch eines sonnigen Mittwochs im September stand sie wieder bei uns vor der Tür. Meine Mutter machte auf und lachte gleich los. 'Entschuldige, Linda', sagte sie. 'Ich lache dich nicht aus. Es ist bloß. Nun ja, du hast dich ziemlich verändert.'

Das stimmte. Sie hatte wieder eine Pralinenschachtel dabei, aber wo war der Chignon geblieben? Der Chignon war weg. Das goldblonde Haar kurz geschnitten. Ihr Kleid ärmellos und ohne Taille, sehr kurz, bis ans Knie, und darunter fleischfarbene Strümpfe. So etwas hatten wir noch nie gesehen, nur auf Fotos. Es war neu. Linda war eine Vorläuferin der sexuellen Revolution.

Sie stieg die Treppe zum Studierzimmer hinauf, wo mein Vater sie erwartete. Als ich eine halbe Stunde später mit Tee und Keksen eintrat, erklärte er ihr gerade das Buch Hiob. Er sprach mit leicht stockender Stimme, und als ich den Tee vor ihn stellte, blickte er beschämt und schuldbewusst auf. Ihm gegenüber saß Linda, die fleischfarbenen Beine übereinandergeschlagen. Bildschöne, berauschende Beine. Ich ließ die beiden allein und ging wieder hinunter.

'Was tun sie?', fragte meine Mutter.

'Nichts. Wie immer. Sie sprechen über Hiob.'

Mutter lachte schallend.

(aus 'Linda' von Annie M. G. Schmidt)

Rezension von Ahima Beerlage auf Aviva-Berlin:

25 Jahre lebte Doris Hermann in den Niederlanden. In ihrer Anthologie stellt die Redakteurin und Autorin uns die Erzählkunst niederländischer Autorinnen vom Anfang des vorigen Jahrhunderts bis in die Gegenwart vor, wobei die Erzählerinnen uns sehr subjektive, oft ungewöhnliche Einblicke in die wechselvolle Geschichte des kleinen Landes an der Nordsee geben.

"Es hat Jahre gedauert, bis ich begriff, dass aus hellblauem Maihimmel fallende Bomben nicht zum europäischen Klima gehörten, sondern die Folge eines allerdings sehr unglücklichen Zusammentreffens verschiedener Umstände waren: des Krieges." Ein Mädchen, aus den Indischen Kolonien eingewandert, begreift nur langsam, wie das kriegerische Europa funktioniert. Ein anderes Mädchen flüchtet vor den Nazis. aus den Niederlanden nach Paris nur um dort noch einmal den Einmarsch der Nazis zu erleben.

Zwei Kinder kehren in den Internatsferien in das elternlose Zuhause ihrer Stiefgeschwister zurück, entdecken das versteckte Buch ihrer Schwester und verlieren sich in der glamourösen Welt von "Krieg und Frieden".
Eine junge Frau hat früh ihre Eltern verloren und wird von der besten Freundin ihrer Mutter großgezogen. Das fragiles Zusammenleben der einsamen Frauen gerät aus dem Gleichgewicht, als die ältere geistig und körperlich verfällt. Familien in der Provinz in den 20er Jahren vermuten "den Teufel am Werk"., als Elektrizität und Bubikopf bei Frauen Einzug halten. Eine jüdische Autorin trifft auf ihrer Tournee in den 60er Jahren auf ein Publikum, das noch durchtränkt ist von antisemitischen Vorurteilen des gerade erst überwundenen Krieges. Zwei ungleiche Schwestern gehen ins Hamam, doch echte geschwisterliche Harmonie will auch in der von ihnen romantisierten orientalischen Atmosphäre nicht aufkommen.

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