Elke Weigel: Der Traum der Dichterin. Die Sehnsucht der Annette von Droste-Hülshoff

Artikelnummer: 978-3-8392-1733-7

Seit ihrer Kindheit spürt Annette von Droste-Hülshoff in sich eine zweite Natur, nur Male Hassenpflug, mit der sie zärtlich verbunden ist, ermutigt ihren eigenwilligen dichterischen Ausdruck.


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Westphalen, 1818-1825.
Seit ihrer Kindheit spürt Annette von Droste-Hülshoff in sich eine zweite Natur. Diese Doppelgängerin dichtet wild und unabhängig, ganz entgegen der Erwartungen ihrer Familie. Nur Male Hassenpflug, mit der sie zärtlich verbunden ist, ermutigt ihren eigenwilligen dichterischen Ausdruck.


Autor*in / Hrsg.: Elke Weigel
Weitere Informationen: Umfang: 339 S.
Einband: kartoniert
Format: 2.4 x 20 x 12 cm
Gewicht: 350 g
Erscheinungsdatum: 05.08.2015

August forderte mich heraus: "Nette, mach ein nettes Gedicht!" Und in meinem Kopf überschlugen sich die Reime. Es gab niemanden, der das so gut konnte wie ich. Der Spaß war zwiespältig für mich. Es reizte mich einerseits, zu beweisen, dass ich originell und flink meinen Kopf benutzen konnte, doch andererseits stillten die Ergebnisse weder mein Form- noch mein Schönheitsgefühl. Ich wollte andere Zeilen verfassen, andere Inhalte ergreifen.

Alle lachten, und ich stand mit heißen Wangen mitten im Zimmer, hatte gerade einen weiteren Spruch zum Besten gegeben, da bemerkte ich meine Doppelgängerin am Rande des Gesichtsfeldes. Als ich den Kopf drehte, versteckte sie sich hinter einer Samtgardine, ich sah den Stoff aufbauschen, erblickte einen Schimmer ihres Kleides hinter dem Klavier. Zuletzt hörte ich die Tür leise knarzen, durch die sie verschwand.

Später, im Bett, glaubte ich, bei jedem Windhauch ihren Atem zu hören. Ich lauschte mit angespannter Ungeduld. "Wo bist du?", flüsterte ich. Ein Streifen Mondlicht an den Bettvorhängen täuschte helles Haar vor. Ich hielt die Augen offen, bis sie brannten, und merkte nicht, wann ich einnickte, weil die Doppelgängerin durch meine Träume tanzte wie ein Nebelfräulein. "Wach auf!" Ich schreckte hoch.

Ja, sie erwartete mich. Längst schliefen alle im Schloss. Ich tapste durch die vom Mondlicht erhellte Stube, setzte mich an den kleinen Tisch und öffnete das Tintenfass, noch bevor ich eine Kerze entzündet hatte. Bei flackerndem Schein flog meine Feder über das Papier, erst zögernd, aber dann immer schneller. Es war nicht der Verstand, der mir diktierte, weder das Versmaß wurde mir bewusst, noch plante ich einen Inhalt; dennoch blieb mein Geist klar, ich verfiel in keinen Traumzustand oder in Visionen, ich schrieb, das war alles.
Nein, ich schrieb nicht - die Doppelgängerin in mir schrieb.

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