Ellinor Wohlfeil: Kein menschlicher Makel - weder gestern noch heute

Artikelnummer: 978-3-944343-44-0

Ellinor Wohlfeil beschreibt in Form von Erinnerungen eine allgemein wenig bekannte halbjüdische Kindheit in der Nazizeit. Sie ist selbst Halbjüdin oft als Halbblut bezeichnet und ihr Werk trägt autobiografische Züge.

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Ellinor Wohlfeil beschreibt in Form von Erinnerungen eine allgemein wenig bekannte halbjüdische Kindheit in der Nazizeit. Sie ist selbst Halbjüdin oft als Halbblut bezeichnet und ihr Werk trägt autobiografische Züge.

Das Schicksal der jungen Ruth weist erstaunlich viele Parallellen zur heutigen Zeit auf und und könnte so oder ähnlich überall auf der Welt passieren, denn überall auf der Welt werden Menschen verfolgt aufgrund ihrer Rasse bzw. Nationalität, aber ebensogut wegen ihres Glaubens.

politische Themen: Nationalsozialismus
Autor*in / Hrsg.: Ellinor Wohlfeil
Zeitepoche(n): 20. und 21. Jh.
weitere Themen: jüdische Frauen
Weitere Informationen: Umfang: ca. 96 S.
Einband: Englisch Broschur
Format: 21,0 x 13,7 cm
Erscheinungsdatum: 20.07.2013

Aus dem Vorwort:

Sie ahnte alles und wusste nichts, die kleine Ruth, die in den 30er Jahren in einer Kleinstadt im nationalsozialistischen Deutschland aufwuchs und zur Schule ging. Als Tochter eines jüdischen Vaters, der zum Protestantismus übergetreten war und in eine Familie mit festen protestantischen Wurzeln ein geheiratet hatte - ihr Onkel Richard war Pfarrer und seine Andachten gaben nicht nur Ruth Trost und Stütze in den Bombennächten des Berliner Endkampfes - war sie Halbjüdin und stieß als solche auf unbarmherzige bzw. barmherzige Ablehnung und Ausgrenzung. Denn obwohl der militaristische Direktor ihres Gymnasiums gegen das Weltjudentum hetzte, nahm er Ruth und ihre Familie ausdrücklich davon aus. Als sie trotz ausreichender Punktezahl im Sportwettkampf bei der Siegerehrung mit Eichenlaub leer ausging, besorgte ihr Klassenlehrer Gerlach die Auszeichnung und übergab sie ihr unter der Hand.

Zu Hause und in der Schule bleibt vieles unausgesprochen, z.B. die Gründe für diese Ausgrenzung, die Gründe für die Verhaftung des Vaters, wie er vielleicht durch Beziehungen wieder freikommen könnte und was ein Konzentrationslager ist. "Es muss etwas Schreckliches sein." Das bestätigt sich auch, als ihr Vater mit blutigen Flecken auf dem Kopf zurückkommt, die von einer "Dornenkrone" stammen, einem Folterinstrument der Nazi-Schergen.

Ruth macht sich ihre Gedanken und spürt den Gefühlen nach, die diese Ausgrenzung erzeugt. Sie verzweifelt an der Welt und den Menschen, ohne jedoch die Hoffnung endgültig aufzugeben und fragt sich immer wieder, was sie falsch macht, wenn sich vor ihr die Türen überall schließen. Sie gibt sich selbst nicht auf und möchte zu den Besten in der Schule gehören, im Sport erfolgreich sein, die Hauptrolle im Schultheaterstück "Dornröschen" übernehmen und schließlich eine Ausbildung als Schauspielerin absolvieren. Dazugehören, auch als Jungmädel mit ihrer Kluft, das ist ihr Wunsch.

Aber alles wird ihr verwehrt und sie bleibt im Grunde allein mit ihrem Schmerz. Doch selbst als die Mutter ihr den Herzenswunsch, Schauspielerin zu werden, aus politischen Gründen abschlägt, begehrt sie nicht auf, sondern verfolgt ihre Laufbahn als Chemielaborantin weiter. Der "Engel mit dem Flammenschwert" kehrt in ihren Träumen immer wieder und verwehrt ihr den Eintritt in das eigene Leben, wie sie es gern gelebt hätte.

Angenommen sein im Freundeskreis, in Schule, Beruf und Gesellschaft, das ist das Ziel, dem sie nicht näherkommen kann, das ihr durch eine Ideologie, die zwischen Juden und Nicht-Juden, zwischen wertvollem und unwertem Leben unterscheidet, beständig verwehrt wird. Solche Ideologien sind auch heute noch in vielfältigen Erscheinungsweisen existent: Als Rechtsradikalismus, Ausländerfeindlichkeit, als Islamismus, christlicher Fundamentalismus, jüdischer Siedlerradikalismus etc. Möglicherweise ist es eine Grundkonstante menschlichen Daseins, den eigenen Wert, den Zusammenhalt der eigenen Gruppe auf Kosten der Ausgrenzung anderer zu überhöhen. Warum sonst sollten auch heute Spott und Ausgrenzung - durch den anonymen Gebrauch neuer Medien erleichtert - in der zugespitzten Form des Mobbing zu den gängigen Erscheinungen des Schulbetriebs gehören?

Kooperation und freundschaftliche Hilfe erfährt Ruth nach dem Ende des Krieges auf dem Weg durch das zerstörte Land, als sie auf die uneigennützige Hilfe dreier ehemaliger Soldaten zählen kann, die ihr sogar die Flucht in den Westen ermöglichen. Fremde Menschen nehmen sie auf, ein Fuhrwerk bringt sie der Heimat näher, ein Unbekannter teilt köstliche Kirschen mit ihr.

Ellinor Wohlfeils Geschichte ist ein leises, aber starkes Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz, gegen Ausgrenzung und Hass. Sie zeigt ohne Pathos, wie lebenswichtig diese Grundbedingungen menschlicher Existenz für das Urvertrauen in das eigene Leben sind. Deshalb ist ihre Geschichte ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung und Stärkung dieser Werte.

Bernd Morlock

Zur Person:
Studiendirektor, Lehrer für Geschichte und Fachleiter am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Berufliche Schulen) Karlsruhe

Leseprobe:

An eine Begebenheit in der Schule erinnert sich Ruth auch. Sie meint, dass der Vorfall Konsequenzen für ihr späteres Leben gehabt hat. Der brennende Wunsch, Schauspielerin zu werden: Ist er vielleicht durch dieses Erlebnis ausgelöst worden? Zum Schulfest soll ein Theaterstück einstudiert werden - Dornröschen. Bei der Rollenverteilung fällt Ruth die Hauptrolle zu. Wie glücklich sie ist! Eifrig fängt sie an zu lernen und freut sich schon auf die erste Probe. Sie kann ihren Text gut! Alle Kinder sind in der Klasse versammelt. Der Lehrer, der die Aufführung leitet, kommt herein. Jetzt geht's los! denkt sie. Da hört sie Herrn Gerlach sagen: 'Annie, du übernimmst die Hauptrolle!', und zu Ruth gewendet: 'Dich kann ich leider nicht nehmen, Ruth. Die Lehrerkonferenz hat es so beschlossen.' Wieder einmal eine Niederlage! Sie ist ins Abseits gestellt! Langsam gewöhnt sie sich an den Schmerz. Aber es tut immer wieder weh!

 

Nachwort:

In dem Buch "Kein menschlicher Makel - weder gestern noch heute" schreibt Ellinor Wohlfeil über ein zeitlos wichtiges Thema, das ganz eng mit der menschlichen Existenz verbunden ist. Es entspringt aus dem Wunsch, einen Platz zu haben, eine Heimat, die es ermöglicht, die Frage zu beantworten: Wer bin ich?

Denn um diese Frage beantworten zu können, muss ich sein, und das Sein ist immer mit einem Ort verbunden. Orte sind Stätten der Begegnung.

Auch mit sich selbst, aber vor allem mit anderen Menschen. Über diese Begegnungen lerne ich als Mensch, mich selbst wahrzunehmen, ein Bild von mir selbst zu bekommen - und in letzter Konsequenz auch, mich als Mensch zu fühlen. Ich nehme wahr und werde wahrgenommen.

Das Buch zeigt eindringlich, was es bedeutet, wenn einem Menschen dieses Wahrgenommenwerden verweigert wird, wenn ihm nicht ermöglicht wird, eine Identität zu erhalten, seinen "Ort" zu finden. Es ist ein wichtiges Buch.

Zum einen zeigt es anhand eines Stücks Zeitgeschichte, welche vielfältigen, auch heute noch kaum beachteten Auswirkungen auf die Menschen jener Zeit die Ereignisse hatten. Es zeigt an einem besonders eindringlichen Beispiel, dass Nationalsozialismus die Identität von Menschen zerstörte oder zumindest nachhaltig störte - von Millionen von Menschen.

Zum anderen macht es aber auch deutlich, dass es eben nicht nur um den Nationalsozialismus geht. Wir können, sollten und ja, müssen uns fragen, ob es heute anders ist, ob heute alle Menschen die Möglichkeit haben, sich selbst zu finden, sich selbst erkennen, sich selbst als Mensch zu entfalten.

Ellinor Wohlfeils Buch liefert einen wichtigen Beitrag, um das Nachdenken darüber anzustoßen.

Denn das Thema ist heute nach wie vor aktuell. Beobachtet man die Nachrichten, fällt es auf, wie schwer es geworden zu sein scheint, Orte zu finden, an denen Menschen sich begegnen, fällt es auf, wie viele Menschen unterwegs sind, wie viele Menschen ihre Heimat verlassen haben, selten freiwillig, und noch keine neue gefunden haben.

Nicht nur als Verleger, sondern noch viel mehr als Mensch, der diesen Ortswechsel kennenlernen konnte, wünsche ich mir, dass das Buch von Ellinor eine weite Verbreitung findet und vielen Menschen dabei hilft, ihren Ort zu entdecken. Das Beispiel von Ruth, der Protagonistin dieses Buchs, zeigt insbesondere, dass Schulen neben dem Elternhaus der erste Ort sind, an denen Kinder lernen, sich wahrzunehmen und zu erkennen. Aus diesem Grund wäre aus meiner Sicht ein großes Ziel erreicht, wenn das Buch seinen Weg in die Schulen finden würde. Das wünsche ich uns allen.

Zsolt Majsai, Verleger
im Juli 2013

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