Eva Karnofsky, Barbara Potthast: Mächtig, mutig und genial: Vierzig außergewöhnliche Frauen aus Lateinamerika

Artikelnummer: 978-3-86789-164-6

Lateinamerika ist der Kontinent der Machos, so das gängige Klischee. Doch nirgendwo sonst dringen Frauen erfolgreicher in vermeintliche Männerdomänen vor als in den 19 Ländern des lateinamerikanischen Kontinents.

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Lateinamerika ist der Kontinent der Machos, so das gängige Klischee. Doch nirgendwo sonst dringen Frauen erfolgreicher in vermeintliche Männerdomänen vor als in den 19 Ländern des lateinamerikanischen Kontinents. Bevor mit Margaret Thatcher 1979 erstmals in Europa eine Frau Premierminister wurde, war Argentinien bereits zwei Jahre lang von einer Frau regiert worden. Ebenso ist davor wie danach die Liste von Frauen, die herausragend am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben Lateinamerikas teilnehmen, länger als in anderen Gegenden der Welt.
Vierzig imposante Beispiele dafür versammeln Eva Karnofsky und Barbara Potthast in ihrem Buch. Lebendig und kurzweilig porträtieren sie Frauen, die Staaten und Parteien führen wie Michelle Bachelet oder María del Rosario Green; die Menschenrechtsbewegungen gründeten wie Azucena Villaflor; die die Wirtschaft ihres Landes maßgeblich prägen wie Ernestina Herrera und, nicht zuletzt, die Künstlerinnen von Weltrang wurden wie Frida Kahlo, Isabel Allende oder Shakira.


Autor*in / Hrsg.: Barbara Potthast Eva Karnofsky
Biografien von/über: Sammelportraits
Frauenleben in: Lateinamerika
Zeitepoche: 20. und 21. Jh.
Weitere Informationen: Einband: Kartoniert
Umfang: 381 S.
Format (T/L/B): 3.4 x 21.1 x 12.7 cm
Gewicht: 494 g
Erscheinungsdatum: 15.10.2012

Rezension auf AVIVA-Berlin von Lou Zucker:

Mit ihren vierzig Portraits brechen die Autorinnen alte Macho-Klischees auf und machen den Einfluss von Frauen auf Politik, Wirtschaft und Kultur Lateinamerikas von der Conquista bis heute sichtbar.


In Deutschland hält sich das Vorurteil über Lateinamerika als Kontinent der Machos. Latinas kommen in der Bildergalerie unserer Köpfe und hiesiger Medien vor allem als sexy Sambatänzerinnen vor, selten als einflussreiche Politikerinnen, Widerstandskämpferinnen, Unternehmerinnen und Künstlerinnen. Eva Karnofsky, zehn Jahre lang Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Buenos Aires und Barbara Potthast, Professorin für iberische und lateinamerikanische Geschichte stellen in ihrem Buch vierzig Frauen vor, die durch ihr Schaffen die Gesellschaften Lateinamerikas mitgeformt und das Geschlechterverhältnis ins Wanken gebracht haben. Die Message der Autorinnen: Frauen können mächtig, mutig und genial sein und konnten es schon immer, in Lateinamerika ebenso wie überall sonst.

Kolonialzeit und moderne Machtkämpfe

Die drei Eigenschaften, die dem Buch seinen Titel geben, strukturieren es auch inhaltlich. Im ersten Teil verfolgen die Autorinnen den Einfluss mächtiger Frauen bis in die Anfänge des 16. Jahrhunderts zurück, als die umstrittene indigene Malinche Hernán Cortés bei seinen Eroberungszügen im heutigen Mexiko unterstützte. Bei der weiteren Spurensuche durch die Geschichte begegnen wir selbstverständlich Legenden wie Eva Perón (Evita) und zeitgenössischen Präsidentinnen wie der Chilenin Michelle Bachelet und der Argentinierin Cristina Fernández de Kirchner. Es werden aber ebenso international weniger bekannte und dennoch mächtige Persönlichkeiten vorgestellt: Darunter fällt beispielsweise die Inhaberin eines argentinischen Medienimperiums, Ernestina Herrera de Noble, gegen deren Willen in Argentinien bisher niemand die Präsidentschaftswahl gewann und der Cristina Kirchner nun erstmals den Kampf angesagt hat. Ebenso Luiza Erundina de Sousa, die 1988 zur ersten weiblichen Bürgermeisterin Sao Paulos gewählt wurde und die in der Reihe mächtiger Frauen zu den ersten gehört, welche offen die Geschlechterverhältnisse anprangern und ihre Position ohne die Hilfe eines einflussreichen Ehemannes erlangt haben ? sie entschied sich bewusst dagegen, zu heiraten.

Veränderung durch Waffen, Wahlen oder World Wide Web

Der zweite Teil des Buches widmet sich mutigen Frauen, angefangen mit Inés Suárez, die im 16. Jahrhundert an der Seite Pedro de Valdivias Chile eroberte und die Hauptstadt Santiago mitbegründete. Bis hin zur kubanischen Bloggerin und Dissidentin Yoani Sánchez wird die Geschichte weiblichen Widerstands erkundet, exemplarisch anhand von Frauenrechtlerinnen wie der Brasilianerin Bertha Lutz oder mutigen Hausfrauen wie Azucena Villaflor de Vicenti, welche gegen die Argentinische Militärdiktatur aufbegehrte und die bis heute bestehende Bewegung der Mütter der "Plaza de Mayo" (Asociación Madres de Plaza de Mayo) mitbegründete. Bewaffnete Guerrilleras verschiedener Länder sind ebenso vertreten, wie die kolumbianische "Bürgermeisterin für den Frieden" Gloria Cuartas.

Unter den genialen Frauen finden sich Malerinnen, Schriftstellerinnen und Musikerinnen von Weltrang, wie Frida Kahlo, Isabel Allende, Mercedes Sosa oder Shakira, deren Kurzbiographien jeweils nicht nur von ihrem künstlerischen Schaffen sondern auch oft von ihrem politischen Projekt erzählen. Neben diesen Größen wird der/die Leser_in aber auch von international weniger beachteten Talenten überrascht, wie der innovativen bolivianischen Modeschöpferin Beatriz Canedo Patiño, der erfolgreichen kubanischen Sprinterin und überzeugten Sozialistin Ana Fidelia Quirot, der chilenischen Wissenschaftlerin Marta Lagos oder der außergewöhnlichen Intellektuellen Sor Juana Inés de la Cruz, die schon im 17. Jahrhundert für ihr Recht auf Bildung kämpfte.

Machtgierig, korrupt, unemanzipiert

Die klare Einteilung der Frauen in entweder mächtig, mutig oder genial ist zwangsläufig problematisch und streitbar: Warum ist die nicaraguanische Schriftstellerin und Widerstandskämpferin Gioconda Belli bei "Genial" einsortiert und nicht bei "Mutig", obwohl sie selbst in ihrer Autobiographie dem politischen Kampf viel größeres Gewicht beimisst, als der Poesie? Was macht die Kolumbianerin Policarpa Salvatierra, die Anfang des 19. Jahrhunderts Widerstand gegen die spanische Besatzung leistete, im Abschnitt "Mächtig"? Ihr Geld verdiente sie als Näherin und sie bekleidete nie ein politisches Amt.

Die Autorinnen betonen in ihrer Einleitung, dass gesellschaftlicher Nutzen oder moralischer Wert ihres Schaffens keine Kriterien bei der Auswahl der portraitierten Frauen waren. Beim Lesen des "Mächtig"-Teils muss mensch feststellen, dass auch eine emanzipatorische Einstellung oder das Durchbrechen tradierter Geschlechterrollen keine Auswahlkriterien gewesen sein können. Der Großteil dieses Abschnitts beschäftigt sich mit Frauen, deren Machtposition sich einzig und allein aus der Macht ihres Mannes ableitete, die diesen oft lediglich bei seinen Unternehmungen unterstützten, ohne eigene Ansichten und Projekte zu vertreten und die nicht selten der ihnen untergebenen Bevölkerung großen Schaden zufügten. Die Autorinnen zeigen erfolgreich in diesem ersten Teil, der fast die Hälfte des 400-seitigen Buches einnimmt, dass Frauen genauso machtgierig und korrupt sein können wie Männer ? ansonsten bleibt aber bei vielen der hier dargestellten Persönlichkeiten das Interesse für den/die feministisch eingestellte_n Leser_in fragwürdig.

Auch erscheint die Perspektive der Portraitsammlung nicht frei von Eurozentrismus. Was haben all Europäerinnen in einem Buch über lateinamerikanische Frauen zu suchen? Leopoldine von Habsburg und Tamara Bunke sind nur Beispiele. Warum haben an seiner Entstehung zwei deutsche aber keine lateinamerikanische Frau mitgewirkt? Und warum bedienen sich die Autorinnen an mehreren Stellen des kolonialen Begriffs "Indianerin", der in Bolivien wegen seines abwertenden Charakters bereits verboten wurde?

AVIVA-Fazit: Einige der Despoten-Gattinnen aus gutem Hause zu Anfang des Buches kann mensch sich guten Gewissens sparen. Je mehr wir uns im "Mächtig"-Teil der Gegenwart nähern, spätestens aber mit dem Teil "Mutig", fängt es tatsächlich an, interessant zu werden. Auch wenn die Auswahl der Portraits etwas Argentinienlastig erscheint, erhält mensch einen breiten Überblick über die Geschichte Lateinamerikas, in dem der Einfluss von Frauen im Zentrum steht. Damit bietet "Mächtig, Mutig und Genial" eine spannende neue Geschichtsperspektive, eine Darstellung des Kontinents, die von den gängigen Stereotypen abweicht und vor allem eine Menge inspirierender Vorbilder.

» AVIVA-Berlin am 27.03.2013

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