Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau - Geschichte einer Entwertung

Artikelnummer: 978-3-7499-0240-8

Ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit und Wertschätzung in der Hausarbeit Wie ist der GenderCareGap entstanden? Zur Geschichte einer Rolleneinteilung
Ein Buch gegen das Gefühl, als Hausfrau und Mutter nicht genug zu sein

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Nur noch Hausfrau? Wie die größte Unternehmerin der Geschichte zu Fall gebracht wurde ... "Das bisschen Haushalt" - diese unsäglich anstrengende, undankbare Aufgabe, kostet vielen, vor allem Hausfrauen, spröde Hände und den letzten Nerv, und das schon seit Jahrhunderten.

Doch unter welchen ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnissen konnte sich überhaupt ein Rollenmodell etablieren, das Frauen nicht nur in finanzielle Abhängigkeit drängte, sondern enormen psychischen Belastungen aussetzte? Wie veränderte sich die Paarbeziehung unter dieser Rollenverteilung? Welche Bedeutung spielt die Hausarbeit der Frau als Karriere-Booster des Mannes? Und hat die Technisierung der Hausarbeit wirklich nur Vorteile gebracht?

Evke Ruffles erzählt die historische Entwicklung der Hausfrau nach und zeigt, wo sich diese alten Verhältnisse trotz all der politischer Bemühungen um ein gleichberechtigtes Miteinander heute noch wiederfinden, wie sie uns prägen und beeinflussen. Pointiert, fundiert und erhellend zeigt uns die Autorin die historischen Gründe für unseren Gender-Gap und hilft uns, Hausarbeit besser einschätzen und neu bewerten zu lernen. Denn "Das bisschen Haushalt" kommt nicht von ungefähr ...

»[...] enorm spannend [...]«

Autor*in / Hrsg.: Evke Rulffes
Familienthemen: Muttersein Familie & Beruf
politische Themen: Reproduktion & Care Arbeit
Details: Einbandart: gebunden
Umfang: 288 S.
Format (T/L/B): 2.6 x 21 x 13.5 cm
Gewicht: 391 g
Erscheinungsdatum: 26.10.2021
Liebe geht durch den Magen

Der phänomenale Sonntagsbraten meiner Großmutter wurde grundsätzlich von Erbsen und Möhren aus der Dose begleitet. Für meine Großmutter war die Konservendose ein Segen. Nach ihrem Tod fanden sich Batterien von großen Weckgläsern mit undefinierbarem Inhalt im Keller, die dort seit den 1960er-Jahren verschmäht worden waren. Bis sie 40 war, hatte sie auf einem ostfriesischen Bauernhof gelebt, auf dem sie hart arbeiten musste - sobald sie den Hof geerbt hatte und verpachten konnte, zog sie mit ihren beiden Kindern aufs Dorf. Kühlschrank, Tiefkühltruhe und Konserven ersparten ihr die Plackerei des Einmachens und wurden gerne und viel genutzt.

Seit einiger Zeit lässt sich in der bürgerlichen Mittelschicht eine entgegengesetzte Tendenz beobachten. Fertiggerichte sind verpönt, Einmachen, Kochen und Backen en vogue. Dinge selbst herzustellen, kann sehr viel Spaß machen, das fertige Produkt erfüllt einen oft mit großer Befriedigung. Wenn es aber zum erwarteten Standard wird, kann das auch zu enormem Druck führen, wie ein Beispiel aus meiner näheren Umgebung zeigt: Im gutsituierten Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist es üblich, zu Kindergeburtstagen mindestens vier Kuchen zu backen. Einen für morgens, einen für die Kita oder Schule und mindestens zwei für die Party. Auch nur einen davon zu kaufen, kommt einem Tabubruch gleich. Die selbst gebackenen Kuchen symbolisieren die Liebe für das Kind, in den Augen des sozialen Umfeldes ebenso wie in den Augen der Mutter - in der Regel ist es immer noch die Mutter, die diese Kuchen backt. Im 19. Jahrhundert sollten sich die bürgerlichen Ehefrauen noch die Liebe ihres Mannes erkochen, heute richtet sich diese von der Gesellschaft mit Argusaugen beobachtete und bewertete Liebe auf die Kinder.

Paare, die eine gleichberechtigte Partnerschaft führen wollen, stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn Kinder geboren werden. Immer noch übernehmen die Frauen einen Großteil der Care-Arbeit. Das hat vielfältige, teilweise für Deutschland spezifische, historisch gewachsene Gründe. Im Hinblick auf die Kinderbetreuung scheint mir aber ein Punkt zentral zu sein: Ein tiefsitzendes schlechtes Gewissen beschleicht viele Mütter, wenn sie sich nicht 'genug' um ihre Kinder kümmern. In einer Zeit, in der wir dachten, von gesellschaftlichem Druck so frei wie noch nie zu sein, wachsen die Ansprüche an Mütter enorm (auch an die Väter, aber doch lange nicht so stark). Alle Lebensentwürfe von Frauen werden von Bewertung begleitet - ob sie sich für Kinder und Beruf entscheiden, oder dafür, zu Hause zu bleiben, oder in Teilzeit gehen und damit Altersarmut riskieren, oder sich gegen Kinder entscheiden (und sogar abtreiben) -, nichts scheinen sie richtig machen zu können. Ich will hier nicht in die Falle tappen, ein strukturelles Problem zu einem individuellen zu erklären (mach dich mal locker!), sondern der Frage nachgehen, woher der gesellschaftliche Anspruch an die Perfektion der Mutter kommt und wie er mit dem Modell der Hausfrau zusammenhängt. Die gegenwärtige Situation hat Mareice Kaiser in ihrem Buch Das Unwohlsein der modernen Mutter plastisch geschildert, ich kann die Lektüre nur empfehlen. Um sich von diesem Unwohlsein zu befreien, müssten Frauen aufbegehren. Aber hier scheint mir das schlechte Gewissen dazwischenzufunken, das Kinderbetreuung mit Liebe verwechselt. Der Ursprung dieser Verwechslung lässt sich ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.

Außerdem hat mich immer schon die Frage umgetrieben, wie es bloß dazu kommen konnte, dass eine Arbeit (die Haus- und Care-Arbeit) mit einem Geschlecht und dem Familienstand (weiblich und in Partnerschaft / Mutter) verknüpft ist - und diese Arbeit dann auch noch gar nicht als Arbeit angesehen wird, weil sie nicht bezahlt wird. Und wie konnte sich dieses für viele Frauen lange Zeit alternativlose Konzept so völlig selbstverständlich und bis ins 20. Jahrhundert hinein unhinterfragt halten?

Ein Blick in historische Haushaltsratgeber kann zumindest ein bisschen zur Beantwortung dieser Fragen beitragen, denn die Ratgeber sind immer wieder von Hinweisen auf die Verteilung von Geschlechterrollen durchzogen, egal, ob sie explizit patriarchale Strukturen befürworten oder diese in subtiler Weise und wie nebenbei propagieren. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass diese Literatur nie die historische 'Wahrheit' wiedergibt, sie spiegelt vielmehr die Idealvorstellungen der Autor*innen und die jeweiligen gesellschaftlichen Normen, an deren Durchsetzung gearbeitet werden soll. An Kleinigkeiten wie Hygiene- und Erziehungstipps oder Rezepten lässt sich jedoch immer wieder auf das Alltagsleben der Zeit schließen, denn darum geht es ja in diesen Büchern.

Mein Professor Thomas Macho machte mich auf die Hausväterliteratur aufmerksam, ein Genre, das im 17. und 18. Jahrhundert enorm populär war, nur die Bibel wurde damals öfter verkauft. Diese Alltagsratgeber waren für große Landhaushalte geschrieben und boten neben Anleitungen zum Feldbau und Rat bei Tierkrankheiten auch Rezepte für Geheimtinte, oder wie mit diebischem Personal umzugehen ist. Sie richteten sich immer an das haushaltsführende Ehepaar, Hausmutter und Hausvater. Als ich unter den vielen skurrilen Titeln den einzigen sah, der ausschließlich die Hausmutter nannte, wurde ich neugierig: Die Hausmutter in allen ihren Geschäfften (1778-1781), verfasst von dem Brandenburger Landgeistlichen Christian Friedrich Germershausen. 1 Es war so erfolgreich, dass sich der Autor in allen folgenden Publikationen nur noch »Verfasser der Hausmutter« nennen ließ. Ich ahnte nicht, dass ich mir ein Werk mit fünf Bänden von je 800 bis 900 Seiten aufhalste (in Fraktur!). Doch das Ganze las sich einfacher, als ich dachte, und war sogar sehr viel lustiger als vermutet. Es war aber vor allem der Tonfall des Autors, der mich überraschte. In Schriften dieser Zeit, in denen es um die Position der Frau geht, wird erstens grundsätzlich über die Frau geschrieben, und zweitens fast immer in moralisierendem Tonfall (oder später idealisierend, aber auch moralisch). Nicht so die Hausmutter. Obwohl der Autor Geistlicher ist, spricht er seine Leserin auf Augenhöhe an, als Chefin des Betriebs. Das hat mich zunächst am meisten verblüfft. Erst beim näheren Lesen erschlossen sich auch moralisierende Stellen, die aber mit Humor und subtiler transportiert werden (nicht, dass das besser ist, aber auf jeden Fall ungewöhnlich).

Der Autor publizierte nur wenige Jahre nach der Hausmutter einen ebenso langen Hausvater, er ist damit der Erste, der die Anleitungsbücher nach Geschlecht trennt. Diese beiden Werke sind nicht nur in Hinsicht auf die geschlechtsspezifische Trennung der Arbeitsbereiche exemplarisch für die gesellschaftlichen Entwicklungen dieser Zeit, sondern auch in Hinsicht auf die Trennung von Haushalt und Landwirtschaft. Vor allem schrieben sie vor, wer wofür zuständig sein sollte: die Frau für den von nun an als ?privat? angesehenen Bereich, der Mann für den ?öffentlichen?.

Allerdings ist die Frau des Hauses in der Hausmutter noch lange nicht mit der Hausfrau des späten 19. Jahrhunderts zu vergleichen, die auch unserem heutigen Verständnis nähersteht. Sie wird in diesem Buch als Betriebsleiterin angesprochen, die den Stand ihres Hauses repräsentiert und meistens über eine je nach Größe des Besitzes mehr oder weniger große Anzahl von Bediensteten verfügt. ?Hausmutter? ist zu dieser Zeit noch ein Herrschaftsbegriff. Sie trägt genauso wie ihr Mann zum gemeinsamen Vermögen bei, und das kann nur wachsen, wenn sie als Betriebsleiterin die absolute Kontrolle über Ausgaben, Personal und Arbeitsabläufe ausübt. Sie steht nicht selbst in der Küche, melkt Kühe oder wechselt Windeln, sie muss aber die Kochrezepte und die Wertung der Zutaten kennen, um die Zubereitung standesgemäßer Gerichte anzuordnen; sie sollte wissen, wie sich die Mägde beim Melken überwachen lassen, damit möglichst wenig Haare in die Butter gelangen oder damit nicht heimlich Milch abgezweigt wird; und sie sollte im Falle eines Brandes die Rettungsmaßnahmen für den Hausrat koordinieren können. Außerdem muss sie in der Lage sein, das Gut auch ohne ihren Ehemann zu führen.

Die Einstellung des Autors ändert sich allerdings eklatant im letzten Band, in dem es um Mutterschaft und Kindererziehung geht. Wurde Moral zuvor mithilfe von Humor vermittelt, wechselt jetzt der Tonfall - der Leserin wird ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie sich nicht wie eine 'gute Mutter' verhält, die Betriebsleitung wird auf einmal zur Nebensache erklärt. Hieran lässt sich die Entstehung des neuen Mutterbildes ablesen, das Ende des 18. Jahrhunderts in Preußen propagiert wurde, ein Mutterbild, welches das Bild von der Frau in der deutschen Gesellschaft stark prägen sollte. Die Verlagerung des gesellschaftlichen Drucks nach innen, der sich in Gestalt des schlechten Gewissens äußert, macht dieses Modell der Mutter bis heute so wirkmächtig.

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts sollten sich im Zuge der Aufklärung und beschleunigt von der Französischen Revolution die Strukturen der ständischen Gesellschaft nach und nach auflösen und den Weg für das aufstrebende Bürgertum frei machen. Germershausens Hausmutter erscheint mitten in einer von Unsicherheit geprägten Zeit, in der sich auch die ökonomische Ordnung stark veränderte, was die Ordnung der Geschlechter ins Wanken brachte. Die 'Kategorie Geschlecht' wird in der Folge wichtiger als die des Standes. Genau auf dieser Schwelle zur bürgerlichen, standesübergreifenden Trennung von eher männlichen und eher weiblichen Sphären ist die Hausmutter zu situieren, wenn sie diese Trennung nicht sogar befördert hat.

Das Konzept der bürgerlichen Hausfrau entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Bürgerliche Ehefrauen übernahmen immer mehr der Dienstleistungen, die vorher gegen Bezahlung ausgeführt worden waren (Stillen, Kochen, Kinderversorgung und - erziehung, Kleiderpflege und - herstellung, Einkaufen, Putzen etc.). Es galt als Zeichen von bürgerlichem Wohlstand, dass die Ehefrau nicht ?arbeiten? musste, was bedeutete, dass sie kein Geld verdienen durfte, weil es dem Ansehen ihres Mannes geschadet hätte. Die Übernahme der häuslichen Arbeit wurde zunehmend mit der Liebe zu Ehemann und Kindern begründet und eingefordert. Dazu trug auch das bürgerliche Ideal der Liebesheirat bei, das mit der Aufklärung und Romantik populär wurde: Da vordergründig nicht mehr aus rein ökonomischen Gründen geheiratet wurde, war die Ehefrau dazu verpflichtet, die häusliche Arbeit ohne Erwartung einer Gegenleistung als 'Liebesdienst' zu versehen. Während sich die männlichen Berufe in dieser Zeit professionalisierten, setzte bei den häuslichen Tätigkeiten eine Deprofessionalisierung ein - die Hausfrau und Mutter sollte letztendlich als Amateurin alleine alle Aufgaben übernehmen, die früher in einem stark arbeitsteiligen Haushalt verschiedenen Expert*innen überlassen gewesen waren.

Die Veränderung, die das Frauen- und Mutterbild Ende des 18. Jahrhunderts erfuhr, bildete die Voraussetzung für die Entstehung der Hausfrau. Der Blick auf diese Zeit bietet uns eine historische Perspektive auf unverändert aktuelle Themen wie der Verteilung von Erziehungs- und Care-Arbeit, ungleicher Bezahlung oder der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und er zeigt vor allem eines: Es war nicht immer so, und es muss auch nicht so bleiben.

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