Heike Kühn: Schlangentöchter

Artikelnummer: 978-3-627-00204-6

Als Hartmut Alles, Pfleger für Reptilien im Frankfurter Zoo, an jenem schicksalhaften Dezembertag des Jahres 1963 erfährt, dass ihm seine Frau statt des erhofften Sohns eine Tochter geboren hat, hält er gerade eine giftige Grubenotter in den Händen ...

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Als Hartmut Alles, Pfleger für Reptilien im Frankfurter Zoo, an jenem schicksalhaften Dezembertag des Jahres 1963 erfährt, dass ihm seine Frau statt des erhofften Sohns eine Tochter geboren hat, hält er gerade eine giftige Grubenotter in den Händen, die seine Unaufmerksamkeit nutzt und ihn durch ihren Biss in Lebensgefahr bringt. Zur gleichen Zeit wird seiner Frau Milla im Krankenhaus eröffnet, dass ihr Neugeborenes Tonie mit einem schwarz-rot-goldenen Schlangenschwanz zur Welt gekommen ist. Wer zunächst nur an eine Laune der Natur denkt, wird von Großmutter Elsbeth, der Hüterin des Familiengeheimnisses, eines Besseren belehrt, denn das Mädchen ist nicht die erste Schlangentochter in der weiblichen Ahnenreihe dieser besonderen Familie ...

Ihr hellsichtiges Wesen wird Tonie nützlich sein, nicht nur beim Umgang mit wilden Zootieren, sondern auch während der einsamen Stunden in der dunklen Abstellkammer, in die sie zur Strafe gesperrt wird. Mutter Milla kocht und backt derweil und erstickt jeden Konflikt unter einer dicken sonntäglichen Sahneschicht; verdrängte Erinnerungen an die Kriegsjahre brechen sich an anderer Stelle Bahn. Tonie muss selbst herausfinden, warum ihr Vater Hartmut weder an Gott noch an die Menschen glaubt, warum ihre Halbschwester Hannah ständig Bauchschmerzen hat und Tante Christine sich hinter einem undurchdringlichen Panzer verschanzt.

Heike Kühn entwirft das spannende Panorama eines noch durch den Krieg geprägten Deutschlands der sechziger und siebziger Jahre und erzählt mit großer stilistischer Begabung von den Verlusten der Unschuld und vom Trauma einer ganzen Generation. In die Geschichte einer deutschen Familie webt sie kunstvoll fantastische Elemente und schafft so einen magischen Raum, in dem die Schlange mit ihrer vielschichtigen Symbolik durch die Biografien führt.


Autor*in / Hrsg.: Heike Kühn
Belletristik: zeitgenössischer Roman
Weitere Informationen: Umfang: 382 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 3.6 x 21 x 13.5 cm
Gewicht: 554 g
Erscheinungsdatum: 05.03.2014

Rezension bei Weiberdiwan:

Hannahs Bauchscherzen stammen daher, dass sie von ihrem Stiefvater missbraucht wird. "Nicht die Kleine", fleht sie ihn an und will mit ihrem Schweigen ihre Halbschwester, seine leibliche Tochter beschützen. "An der Vergangenheit kommt keiner vorbei. Besser man gewöhnt sich daran." Auf Seite der Männer der Familie sind es Kriegsgefangenschaft oder der geheime Stolz darauf, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Die Frauen der Familie verbinden zwei Dinge: Sie werden mit einem rätselhaften Schlangenschwanz geboren und sind Teil einer Familiengeschichte, in der sich gewaltsame Strukturen über die Generationen hinweg fortschreiben. Verschweigen, Wegschauen und Zudecken sind die Strategien mit beidem umzugehen.

Wie ein Fluch scheint den Mädchen der mysteriöse Schlangenschwanz als sie noch jung sind. Wie eine Flucht oder ein Rückzug in die Fantasie einer rettenden Verbindung mit den Vorfahrinnen wirkt er beim Lesen. Diese Verbundenheit ist es allerdings, aus der schließlich die Stärke erwächst, den Missbrauch zu benennen. Ein hoffnungsvolles und schönes Buch, das subtil aufzeigt, wie sich Unterdrückung strukturell in patriarchalen Familienverhältnissen reproduziert. Heike Kühn versteht es hervorragend, die Mechanismen zu beschreiben, die Opfer und Täter über Gewalt im engsten Kreis der Familie, aber auch in einer von nationalsozialistischer Vergangenheit geprägten Gesellschaft, zum Schweigen bringt.

» zur Rezension auf weiberdiwan.at

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