Hélène Cixous: Osnabrück Hauptbahnhof nach Jerusalem

Artikelnummer: 978-3-7092-0285-2

Der Band präsentiert neben aktuellen Beiträgen die deutsche Erstübersetzung von 'Das Lachen der Medusa', des wohl einflussreichsten Essays von Hélène Cixous.

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'Zu Zeiten, als meine Mutter Eve am Leben war, habe ich mir stets gewünscht, nach Osnabrück zu fahren, in die Stadt der Familie meiner Mutter, der Jonas'. Und jetzt, wo niemand mehr da ist und das Gedächtnis sucht, wo, in wem es Zuflucht finden kann, jetzt, wo es zu spät ist, da ist es an dir hinzufahren, sagt mir das Schicksal, Hüter der genealogischen Mysterien.'

'Nach Osnabrück fahren ist wie nach Jerusalem fahren, ist verlieren und finden. Es heißt Geheimnisse ausgraben, Tote auferwecken, Stummen das Wort geben. Und es heißt, die absolute Freiheit verlieren, nach Belieben Jude oder Jüdin zu sein oder nicht zu sein, eine Freiheit, die ich bedingt genieße.

Ich frage Omi, warum sie nicht 1930 mit ihren Töchtern abgehauen ist. Und 1933? Und 1935? Natürlich antwortet sie nicht. Als Omi ihren Bruder Andreas fragt: ,Worauf wartest du in Osnabrück? Was machst du 1941 und bis zum Zug von 1942?' regt sich zwischen den Pflastersteinen eine Stimme, es ist Andreas, der raunt, ich warte auf den Tod am Bahnhof von Osnabrück. Rührt nicht an meine Asche.

Auf den Straßen hauchen, aus Schweigen geschnitzt, die scheuen Gespensterstimmen: steige hinab zu den Aschen hinter dem Vorhang.

Ich bin hinter den Vorhang gegangen und habe beim Geheimnis meine Erbschaft an Tragödien eingefordert.'

Autor*in / Hrsg.: Hélène Cixous
Feminismus: Klassikerinnen Französicher Feminismus
Details: Passagen forum
Originaltitel: Gare d'Osnabrück a Jerusalem
Übersetzt von: Esther von der Osten
Umfang: 142 S., Zahlreiche SW-Abbildungen
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 1.1 x 23.5 x 14.1 cm
Gewicht: 267 g
Erscheinungsdatum: 15.05.2018

Rezension von Bettina Schmitz auf beziehungsweise-weiterdenken:

Mit Das Lachen der Medusa ist ein Text der französischen Philosophin Hélène Cixous aus dem Jahr 1975 nach beinahe 40 Jahren nun endlich auch in deutscher Sprache erschienen. Die drei Herausgeberinnen Esther Hutfless, Gertrude Postl und Elisabeth Schäfer haben dem Text zeitgenössische Beiträge zur Seite gestellt. Diese würdigen den Text in seiner historischen Bedeutung, stellen die Verbindung zur philosophisch-patriarchalen Tradition her, ohne sich von dieser vereinnahmen zu lassen und tragen auf diese Weise zur feministischen Traditionsbildung bei. Wie die Autorinnen von Cixous inspiriert weiterdenken und - dichten, offenbart zugleich die Aktualität des Medusa-Textes. Ein aktuelles Interview mit Hélène Cixous beschließt und bereichert den Band.

Der Titel ist Programm! Ich habe viel gelacht und mich gefreut bei der Lektüre des Buches: beispielsweise darüber, dass wichtige feministische Anliegen wieder einmal zur Sprache finden über die geistreiche Sprach- und Gedankenkunst der Autorinnen. Das Lachen der Medusa ist ein wunderbarer Text, der dank der Übersetzung von Claudia Simma nun auch im Deutschen eine schöne Gestalt gefunden hat. Hélène Cixous' Sprache mit vielen Wortspielen und Assoziationen ist sicherlich eine besondere Herausforderung für sie gewesen. Ihr Beitrag beschränkt sich jedoch nicht auf die Übertragung ins Deutsche sowie auf die "Anmerkungen der Übersetzerin"; ihr Aufsatz "Medusas diebische Vergnügen" zeigt, wie tief sie eingetaucht ist in diese Materie.

Das von Hélène Cixous ausgerufene Projekt der écriture féminie ist heute so wichtig wie zur Entstehungszeit der Medusa. Die selbstverständliche Verbindung von Philosophie, Poesie, Körper und Politik mit feministischen Anliegen wird im Text selbst nicht bloß behauptet oder gefordert sondern eingelöst. "Cixous nahm eindeutig Abstand davon, [die] Frau als Opfer oder als kastriertes Wesen zu begreifen. Patriarchale Misogynie ist ihre Sache ebensowenig wie der Lacansche Topos von der Frau als Mangel" (S. 24), schreibt Gertrude Postl, eine der Herausgeberinnen, in ihrem Aufsatz "Eine Politik des Schreibens und des Lachens: Versuch einer historischen Kontextualisierung von Hélène Cixous' Medusa-Text."
Manche erinnern sich vielleicht noch an die heftigen feministischen Auseinandersetzungen der 1970 und 80er Jahre oder haben darüber gelesen. Der Text muss damals äußerst provozierend gewirkt haben. "Für viele von Cixous' KritikerInnen war genau diese Aufbruchsstimmung, dieses freche und lachende Sich-Hinwegsetzen über die politische Kleinarbeit sozialer Veränderungsprozesse, das unerschütterliche Bekenntnis zur sexuellen Differenz, das Insistieren auf der Bedeutung des Körpers und der Rolle des Unbewussten für politische Befreiung, die Politisierung des Schreibens, das für poststrukturalistisches Denken insgesamt typische, radikale Infragestellen herkömmlicher philosophischer Grundkategorien, das Lachen und die Ironie des Medusa-Texts der Stein des Anstoßes" (S 25), so Gertrude Postl weiter. "Cixous' "neue Frau" ist heute noch so aktuell wie 1975, sie spricht durchaus zu gegenwärtigen LeserInnen. Nicht die "neue Frau" hat sich seit damals verändert (sie ist immer noch Utopie) sondern die "alte" - gefangen in einem seltsamen Zwischenreich, ist sie heute weder voll gleichgestellt noch ist es ihr gestattet, anders zu sein." (S. 30). Besser lässt sich die historische Bedeutung des Medusa-Texts nicht beschreiben.

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