Isabelle Linda Riedlinger: Frauen in der Punkrockszene. Einblicke in eine männerdominierte Jugendkultur

Artikelnummer: 978-3-8428-8777-0

In dieser qualitativen Untersuchung geht es um die Frage, ob und inwieweit in einer männerdominierten Jugendkultur, wie dem Punkrock, ein Doing Gender stattfindet oder möglicherweise auch situativ ein Undoing Gender erfahrbar ist.

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In dieser qualitativen Untersuchung geht es um die Frage, ob und inwieweit in einer männerdominierten Jugendkultur, wie dem Punkrock, ein Doing Gender stattfindet oder möglicherweise auch situativ ein Undoing Gender erfahrbar ist. Dabei werden die historischen Entstehungsbedingungen und Ausprägungen der Punkrockszene, unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterperspektive, dargestellt. Im Fokus stehen solche Frauen, die sich aktiv in männlich dominierten Szenen, wie dem Punkrock, einbringen. Anhand einer Feldforschung und problemzentrierter Interviews zweier Mitglieder (männlich und weiblich) einer Punkrockband wird untersucht, welche Rolle dem jeweiligen Geschlecht in Bezug auf die Interaktionen, innerhalb der Band wie auch mit dem Szenepublikum, zukommt.

Autor*in / Hrsg.: Isabelle Riedlinger
Kunst: Musik
Weitere Informationen: Umfang: 120 S.
Einband: Kartoniert
Format: 220 mm
Gewicht: 208g
Erscheinungsdatum: 25.11.2013

Textprobe:

3. Konzeptioneller Zugang: jugendkulturelle Szenen:

3.1 Entstehungsbedingungen für jugendkulturelle Szenen:

Um das Phänomen sozio-kultureller Vergemeinschaftungsprozesse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen verstehen zu können, muss man zunächst einen Blick auf deren Lebenswelten und die Umstände und Rahmenbedingungen dieser Lebensphase werfen. Die westlich postmoderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wird maßgeblich durch die immer mehr voranschreitende Individualisierung, Pluralisierung, Differenzierung und Globalisierung in Hinsicht auf Wertesysteme, Lebensstile, Weltanschauungen, Einstellungen, Handlungsoptionen, Wissensformen und Gestaltungsmöglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen geprägt. Diese Zunahme an Möglichkeiten geht einher mit einem Verlust an Traditionen, Verbindlichkeiten, verlässlichen Routinen und Deutungsmustern, ebenso wie mit der Zunahme von Brüchen, Ambivalenzen, Konflikten und Unsicherheiten. Demgemäß werden die traditionell sinnstiftenden Institutionen, wie beispielsweise die Kirche, Vereine oder die eigene (Kern-)Familie von jungen Menschen nicht mehr als solche wahrgenommen, weil sie meist der wachsenden Komplexität der Lebenswelten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen keine adäquaten Sinnstrukturen zu deren Deutung und Orientierung zur Verfügung stellen. Vor allem beim Übergang in das Erwachsenen- und Berufsleben können die Eltern als ehemals primäre Beratungsinstanz zur beruflichen Ausrichtung diese Funktion vielfach nicht mehr ausüben, da es kaum noch möglich ist, einen umfassenden Überblick über aktuelle Ausbildungs- und Berufsoptionen zu vermitteln. Eine Möglichkeit sinnstiftender Vergemeinschaftung stellt für junge Menschen daher häufig die Zugehörigkeit zu einer bestimmten jugendkulturellen Szene dar, die an Stelle der vormaligen Sinngebungsinstanzen tritt (vgl. Hitzler/ Niederbacher 2010). Neben dem Orientierungsrahmen kann eine Szene ihren Mitgliedern weitaus mehr bieten, indem sie unter anderem ein Zugehörigkeitsgefühl, das nicht selten familiäre Ausprägungen annimmt, vermittelt. Darüber hinaus kann eine Szene den gesamten Lebensstil, wie auch Bewertungs- und Deutungsmuster, prägen. Nach Ronald Hitzler wird das Phänomen der Szene wie folgt definiert: 'Szene [...] idealtypisierend soll heißen: Thematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/ oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln' (Hitzler/Bucher/Niederbacher 2005: 20).

3.2 Merkmale von Szenen:

In solchen Szenen treffen 'Gleichgesinnte' aufeinander, deren Interessen sich in mindestens einem für die Akteure zentralen Aspekt überschneiden. Über dieses grundlegende Thema hinaus werden außerdem szenekennzeichnende Sichtweisen, Umgangsformen, Symbole, Vorlieben und Handlungsmuster geteilt. Daraufhin konzentrieren sich demzufolge die Konversationen und Aktivitäten, ohne sich auf diesen wesentlichen Gegenstand zu reduzieren. Jener Leitgedanke wird eher als Rahmen genutzt, innerhalb dessen sich die Aktivitäten bewegen, die aber wiederum mit anderen Themen diverser weiterer Szenen zusammen laufen können. Obgleich hierbei alternative Deutungsmuster offeriert werden, beziehen sie meist nicht alle Lebensgebiete mit ein und lassen somit auf einigen Ebenen einen weitgehend unbegrenzten Handlungsspielraum für individuelle Interpretationen und Ausprägungen. Szenen sind demnach nicht als klar definierte Einheiten zu betrachten, da sich auch innerhalb einer Szene widersprüchliche Meinungen und Präferenzen ausbilden können. Dies geschieht durch (Unter-)Gruppenbildung innerhalb der Szene, in welcher die Kommunikation und der Gedanken- und Meinungsaustausch verdichtet stattfindet. Dabei haben die einzelnen Gruppierungen innerhalb einer Szene nicht notwendigerweise Kontakt zueinander. Die (An-)Erkennung der Zugehörigkeit erfolgt über spezifische Charakteristika im Verhalten und dem äußeren Erscheinungsbild, ohne zwingend die Einstellungen oder Interessen persönlich ermittelt zu haben. Der Zusammenhalt einer Szene wird maßgeblich über verschiedene Formen der Kommunikation und der Interaktion hergestellt. Überdies werden Erkennungszeichen, Codes, Symbole und charakteristische Praktiken dazu verwendet, erkennbar Gemeinsamkeiten herzustellen und sich offenkundig nach außen hin abzugrenzen. Diese Inszenierung benötigt also auch immer ein außenstehendes ?Publikum?, das die Szene als solche auch identifiziert. Die Mitgliedschaft beruht auf Freiwilligkeit und ist infolgedessen jederzeit wieder kündbar, da keine formalen Inklusions- oder Exklusionskriterien existieren. Demnach handelt es sich bei Szenen keinesfalls um ein beständiges Konstrukt, sondern eher um ein auf eine bestimmte Lebenszeit beschränktes Phänomen, welches, je nach Individuum, parallel zu anderen szenefernen Lebensbereichen und -Aktivitäten, wie beispielsweise dem Beruf oder der Familie, existieren kann (vgl. Hitzler/ Niederbacher 2010). 'Da Szenen sich aber nur im ausdrücklichen (expressiven) Vollzug von Zugehörigkeit konstituieren, ist das szenetypische Wir- Bewusstsein sozusagen notwendig sequentialisiert in einer Abfolge von Latenzen und Aktualitäten' (Hitzler/Bucher/Niederbacher 2005: 24). Dieses Wir- Bewusstsein ist folglich äußerst anfällig und bedarf verlässlicher, festigender, teilweise auch reproduzierender Rituale, wie beispielsweise bestimmte Orte, an denen Gemeinschaft (aus-)gelebt werden kann. An solchen Versammlungsorten treffen sich die Szenegänger_innen, tauschen sich aus, erfahren ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, üben Rituale aus, oder im Falle von neuen Mitgliedern ein, verfestigen oder aktualisieren durch Interaktion ihre szenetypischen Wissensbestände und Praxen. Nicht nur an solchen Treffpunkten, sondern in organisierter(er) Form auch bei signifikanten 'Events', wie beispielsweise Konzerte oder Festivals, speziell bei musikorientierten Szenen. Solche Events gehen einher mit der Kommerzialisierung der jeweiligen Szenekultur und bilden gleichzeitig die Möglichkeit, über einen begrenzten Zeitraum, teilweise sogar dauerhaft, den Lebensunterhalt durch die Arbeit in einem derartigen Bereich (Konzertorganisation, Tontechnik, Plattenvertrieb, etc.) zu erwerben. Unter anderem solche Events tragen dazu bei, dass sich die Szene nicht auf ihren unmittelbaren lokalen Radius beschränkt, sondern auch Kontakte weit über diese regionale Grenzen hinaus ermöglicht. Besonders der Gebrauch medialer Kommunikationsformen und der mitunter weltweiten Vernetzung mittels Internetforen und ähnlicher Netzwerke, bewirkt einen stetigen und sich immer rascher vollziehenden Wandel, welcher den Mitgliedern Dynamik und Flexibilität abverlangt, in einem sich, fortgesetzt durch die vielfältigen Einflüsse, verändernden Kollektiv (vgl. Hitzler/ Niederbacher 2010).

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