Jeanette Winterson: Warum glücklich statt einfach nur normal?

Artikelnummer: 978-3-446-24149-7

Die Adoptivmutter, eine Pfingstlerin, hatte Jeanette Winterson zur Missionarin bestimmt. Doch mit 16 verliebt sie sich. In eine Frau. Als Jeanette auszieht, um mit ihrer Geliebten glücklich zu werden, stellt die Mutter ihr die Frage: 'Warum glücklich statt einfach nur normal?'...
Kategorie(n):

18,90 €

inkl. 5% USt. , zzgl. Versand

Lieferzeit: 6 - 10 Werktage



Die Adoptivmutter, eine Pfingstlerin, hatte Jeanette Winterson zur Missionarin bestimmt. Doch mit 16 verliebt sie sich. In eine Frau. Als Jeanette auszieht, um mit ihrer Geliebten glücklich zu werden, stellt die Mutter ihr die Frage: 'Warum glücklich statt einfach nur normal?' Viele Jahre später trifft Jeanette Winterson auf ihre leibliche Mutter und fragt sich, was aus ihr geworden wäre ohne die hungrigen Stunden im Kohlenkeller, ohne die stets dräuende Apokalypse, vor allem aber ohne das allgegenwärtige Wort der King-James-Bibel. Wintersons scharfer Witz und die kraftvolle poetische Sprache machten bereits ihren autobiographischen Debütroman zum Bestseller - hier übertrifft sie sich selbst.

Autor*in / Hrsg.: Jeanette Winterson
Frauenleben in: Europa
Weitere Informationen: Übersetzt von: Monika Schmalz
Umfang: 249 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 2.5 x 20.8 x 13.2 cm
Gewicht: 383 g
Erscheinungsdatum: 28.01.2013

Rezension von Sabine Reichelt auf AVIVA-Berlin:

Die britische Autorin hat ihre eigene Biographie als Bildungsroman geschrieben und offenbart sich darin als Missionarin der heilenden Wirkung von Liebe, Literatur und Vergebung. Ihre Erzählung deckt das Komische im Grausamen auf.

"My mother wanted me to be a missionary, and here I am: saving your souls", sagt die kleine und agile Frau vor vollem Haus in den Räumen des Hanser Verlags in Berlin. Und das meint sie mindestens zur Hälfte ernst. Sie spricht kraftvoll und energisch. Es scheint ihr Vergnügen zu bereiten. Und dieses Vergnügen überträgt sich auf die ZuhörerInnen. Der Abend ist dann auch einiges Mehr als eine bloße Buchvorstellung, denn Jeanette Winterson offenbart dem Publikum ihre Lebensphilosophie. In ihrer "Predigt" spricht sie von der natürlichen Kreativität eines jeden Menschen, die es zu fördern gelte, von der Bedeutung der Kunst für das geistige Wohlergehen, von Liebe und Vergebung. "Make a difference" ist ihr Credo, im eigenen Leben und in der Welt. Äußerungen dieser Art können anstrengend sein, aufgesetzt wirken - und das nicht nur für ZynikerInnen. Doch der Autorin kann mensch diesen missionarischen Drang fast verzeihen und ihn ihr aufgrund ihrer Biographie glauben.

Hin und wieder liest sie aus ihrem neuen Werk, "Warum glücklich statt einfach nur normal?" Teil Eins des in zwei Teile gegliederten Buches erzählt von der Kindheit und Jugend der Autorin und greift damit inhaltlich das Erstlingswerk Wintersons auf, "Oranges are not the Only Fruit". Dort und im realen Leben wird Jeanette als Baby von einer fundamentalistischen Pfingstler-Familie adoptiert. Sie wächst in Accrington auf, einer kleinen Arbeiterstadt im Nord-Westen Englands. Ihr Leben wird von zwei Größen bestimmt: der Kirche und Mrs Winterson, Jeanettes Adoptivmutter. "Mrs Winterson war ein Monster. Aber sie war mein Monster." Sie verbietet alle Bücher außer der Bibel ("Das Problem mit einem Buch ist, dass man nie weiß, was drinsteht, bis es zu spät ist"), bleibt nächtelang wach und bäckt Kuchen, nur um zu verhindern, neben oder gar mit ihrem Ehemann schlafen zu müssen, lässt die Tochter über Stunden im Dunkeln auf den Stufen vor dem Haus sitzen und hängt überall im Haus Bibelsprüche auf ("Im Außenklo (...), direkt beim Reinkommen hing eine Plakette. Wer stehen blieb, konnte lesen: VERHARRET NICHT BEI DEN GESCHÄFTEN DES HERRN. Wer saß, konnte lesen: WIE WACHS SIND ZERSCHMOLZEN MEINE EINGEWEIDE.") Mrs Wintersons G´tt ist der G´tt des Alten Testaments.

Jeanette Wintersons Stärke besteht darin, Figuren und Situationen farbenfroh zu zeichnen. Ihre Mrs Winterson wird in all ihrer Verrücktheit und Grausamkeit als ein ungewöhnlicher und beinahe bedauernswerter Charakter gezeigt. In einigen Szenen erinnert sie an Frau Stöhr in Thomas Manns "Zauberberg". In böse selbstverständlich. Doch Winterson verleiht selbst den deprimierendsten und unerfreulichsten Charakterzügen Witz und Leichtigkeit: "Mrs Winterson war keine gastfreundliche Frau. Wenn jemand an die Tür klopfte, rannte sie in die Diele und schob den Schürhaken durch den Briefkastenschlitz. Ich rief ihr ins Gedächtnis, dass Engel oft in Verkleidung kommen, und sie sagte, das stimmt, aber nicht in Polyacrylverkleidung."

Mit 15 verliebt sich Jeanette schließlich in ein Mädchen aus ihrer Gemeinde und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Ein dreitägiger Exorzismus soll sie von ihren "Dämonen" befreien. Sie schwört nicht ab, verrät die Liebe nicht. Und hier liegt auch der Ursprung des Buchtitels. Jeanette ist 16 und Mrs Winterson stellt sie vor eine Wahl, die eigentlich keine ist: Liebe oder Zuhause. Sie muss das Haus für immer verlassen, will sie weiterhin lesbisch leben. "Wenn ich mit ihr zusammen bin, bin ich glücklich. Einfach glücklich." Und Mrs Winterson, die grausame Philosophin, antwortet: "Warum glücklich statt einfach nur normal?"

Also verlässt Jeanette ihre Adoptiveltern, kämpft, zieht sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf und studiert in Oxford. Sie wird nur noch einmal nach Hause zurückkehren, Mrs Winterson danach nie wieder sehen. Ihre Rettung ist die Literatur, Wörter, Sätze, Geschichten. Sie liest sich durch die gesamte englischsprachige Dichtung, von Shakespeare und Andrew Marvell bis hin zu Virginia Woolf und Gertrude Stein. Und es sind Gedichte, die die Autorin im zweiten Teil des Buches retten werden vor den Stimmen in ihrem Kopf, dem totalen Zusammenbruch. 20 Jahre zwischen Teil Eins und Zwei bleiben unerwähnt, inzwischen ist Winterson eine bekannte Schriftstellerin und auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter, kämpfend gegen die eigene Depression und den Irrsinn der Bürokratie britischer Behörden.

Jeanette Winterson erzählt nicht linear, denn an lineare Erinnerungen glaubt sie nicht. Es gibt Zeitsprünge, kurze Handlungsepisoden werden immer wieder durchbrochen von (Selbst-)Reflexionen und allgemeinen Überlegungen. Dem Publikum an jenem Abend bei Hanser teilt sie ihre Überzeugung mit, dass jedes Ende einer Geschichte auf eines von drei Schemata reduziert werden kann: Rache, Tragödie oder Vergebung. In ihrer eigenen Geschichte siegt, ganz neutestamentarisch, die Vergebung.

AVIVA-Tipp: "Wenn meine Mutter böse auf mich war, was häufig vorkam, sagte sie: `Der Teufel hat uns ans Falsche Bettchen geführt.´ Die Vorstellung, wie sich Satan 1960 von Kaltem Krieg und McCarthyismus eine Auszeit nimmt, um in Manchester vorbeizuschauen ? Zweck der Reise: Täuschung der Mrs Winterson ?, hat etwas überzogen Theatralisches." Für urkomische, kraftvolle Stellen wie diese, fällt es leicht, "Warum glücklich statt einfach nur normal?" zu mögen. Die dozierenden Passagen zu Liebe, Vergebung etc. nimmt mensch eben mit in Kauf. Alles in allem: eine Empfehlung.

» AVIVA-Berlin vom 15.04.2013

Durchschnittliche Artikelbewertung

Geben Sie die erste Bewertung für diesen Artikel ab und helfen Sie Anderen bei der Kaufenscheidung: