Judy Dempsey: Das Phänomen Merkel. Deutschlands Macht und Möglichkeiten

Artikelnummer: 978-3-89684-097-4

Die Deutschen mögen ihre Kanzlerin, im Ausland dagegen schwindet ihr Ansehen. Angela Merkel verteidigt erfolgreich deutsche Wirtschaftsinteressen. Aber hat sie eine Vision für das Land oder für Europa? Judy Dempsey, irische Journalistin mit Wohnsitz in Berlin, blickt irritiert auf die Politik Angela Merkels.

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Die Deutschen mögen ihre Kanzlerin, im Ausland dagegen schwindet ihr Ansehen. Angela Merkel verteidigt erfolgreich deutsche Wirtschaftsinteressen. Aber hat sie eine Vision für das Land oder für Europa? Judy Dempsey, irische Journalistin mit Wohnsitz in Berlin, blickt irritiert auf die Politik Angela Merkels.

Sei es das Verhältnis zu den USA oder zu Russland, seien es Energiewende, Zuwanderung oder Bundeswehreinsätze: Immer scheint das Primat des Pragmatismus zu regieren. Klare Strategien und energische Taktiken? Fehlanzeige. Der Gestaltungswille, mit dem die Kanzlerin 2005 ihr Amt angetreten hat, hat sich abgeschliffen.

Doch ohne Visionen und Ziele bleibt Politik Stückwerk. Deutschland muss wieder bereit sein, eine Führungsrolle in Europa zu übernehmen - nicht als Kassenwart, sondern als Vordenker eines solidarischen Staatenbundes. Judy Dempsey findet: Angela Merkel hat dazu die Macht und die Möglichkeiten. Sie sollte beides endlich nutzen.

Autor*in / Hrsg.: Judy Dempsey
politische Themen: Politik und Demokratie
Weitere Informationen: Übersetzt von: Dorothea Jestädt, Bettina Vestring
Umfang: 201 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 1.5 x 20 x 13.1
Gewicht: 291 g
Erscheinungsdatum: 31.05.2013

~ LESEPROBE ~

Rezension von Julia Lorenz auf AVIVA-Berlin:

Maximale Beliebtheit, minimale Erfolge: Die irische Journalistin zieht eine ernüchternde Bilanz aus Angela Merkels Regierungszeit. Doch trotz ziel- und mutloser Politik scheint die Kanzlerin populär wie eh und je. Warum eigentlich?

"Frau Bundeskanzlerin, lassen Sie sich in so einem Wahljahr die vielen neuen Merkel-Biografien kommen, und schauen Sie wenigstens die Cover an?", möchte Autorin und Merkel-Biografin Evelyn Roll im Interview mit der "ZEIT" von der Regierungschefin wissen. Im Gegensatz zu Günther Lachmanns und Ralf Georg Reuths umstrittener Publikation, die mit pseudobrisanten, wenig fundierten "Enthüllungen" über "Das erste Leben der Angela M." aufwartet, verspricht Judy Dempseys jüngste Veröffentlichung tatsächlich Neuigkeiten. Und zwar keine guten für die Bundesregierung: Dempsey, Auslandskorrespondentin und langjährige Beobachterin der Politik der Kanzlerin, bescheinigt der mächtigsten Frau Europas, ihr Potential zu verspielen.

Mangelhaft bis ungenügend

Dempseys Urteil scheint der Bevölkerungsmeinung in Deutschland entgegengesetzt zu sein: Hierzulande darf sich Angela Merkel über konstant hohe Umfragewerte freuen. Auch der Vorwurf, Deutschland nutze seine Möglichkeiten als globaler Akteur nicht aus, scheint angesichts von Hegemonie-Vorwürfen und Nazi-Karikaturen aus Südeuropa absurd. Doch Judy Dempseys Analyse beschränkt sich nicht auf Merkels Umgang mit den verschuldeten Eurostaaten - die Autorin sieht viele unerledigte Hausaufgaben auf dem Tisch der Kanzlerin.

In einer umfassenden Betrachtung der deutschen Außenpolitik in der jüngeren Vergangenheit kritisiert sie Merkels Versäumnisse in diversen Bereichen: Uninspiriert und ohne Visionen sei ihre Europapolitik, nachlässig ihr Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama, zögerlich ihre Haltung zum unbequemen Thema Militär. Ein wenig ambivalenter fällt Judy Dempseys Urteil zum Verhalten der Kanzlerin gegenüber Israel aus: Obwohl die "persönliche Antipathie" Merkels gegen Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bereits zu einigen diplomatischen Spannungen geführt habe, gesteht Dempsey der Regierungschefin zu, sich der "besonderen Verantwortung Deutschlands für Israel" bewusst zu sein. Nicht umsonst erhielt die Kanzlerin 2010 die Leo-Baeck-Medaille für ihre Verdienste um die deutsch-jüdische Versöhnung. Kaum bewusst ist sich Merkel laut Dempsey jedoch des enormen Potentials, das sie mit ihrer inkonsequenten Integrations- und Familienpolitik im eigenen Land verschenkt: Hier sieht die Irin großen Modernisierungsbedarf.

Die acht Kapitel lesen sich als Geschichte des Versagens, der nur wenige Erfolge - darunter die Verbesserung des deutsch-polnischen Verhältnisses - entgegengesetzt werden können. Dempseys Ton ist wohlwollend, aber bestimmt: Trotz persönlicher Sympathie für Merkel dekonstruiert sie den Status der Kanzlerin als starke Repräsentantin Deutschlands.

Allein im Männerclub

Als Auslandskorrespondentin und aufmerksame Beobachterin internationaler Beziehungen gewährt Judy Dempsey den LeserInnen einen Einblick in die Welt der diplomatischen Finessen, die Politik maßgeblich beeinflussen. So berichtet sie unter anderem über das außergewöhnliche Gastgeschenk, das die Kanzlerin bei ihrem Antrittsbesuch in Russland im Jahre 2006 entgegennehmen durfte: Staatschef Putin überreichte Merkel einen Plüschhund mit Leine. Was auf den ersten Blick wie ein unangemessener Scherz aussieht, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als perfide Machtdemonstration: Seit sie als Kind gebissen wurde, hat Merkel Angst vor Hunden. Nicht umsonst begleitet Putins Labrador-Hündin "Koni" ihn zu jedem Treffen mit der Kanzlerin. Während der russische Präsident zu Merkels Vorgänger Gerhard Schröder bekanntermaßen ein überaus enges Verhältnis pflegte, ist seine Beziehung zur Kanzlerin unterkühlt. Dies liegt laut Dempsey nicht zuletzt daran, dass eine klassische, herzliche "Männerfreundschaft" zu ihr nicht möglich ist. Angela Merkel ist Putin, Anhänger eines antiquierten und konservativen Frauenbilds, schlichtweg suspekt - und somit eine potentielle Zielscheibe für Diskreditierungen.

Was es für die Kanzlerin bedeutet, sich als eine unter wenigen weiblichen Führungspersönlichkeiten auf dem Parkett der internationalen Politik zu bewegen, wird in "Das Phänomen Merkel" nicht explizit thematisiert. Episoden wie diese demonstrieren jedoch, dass die Regierungschefin mancherorts noch immer unter dem Aspekt "Frau" wahrgenommen und bewertet wird.

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