Juliane Jacobi: Mädchen- und Frauenbildung in Europa. Von 1500 bis zur Gegenwart

Artikelnummer: 978-3-593-39955-3

Neuere Gesamtdarstellungen der deutschen Bildungsgeschichte berücksichtigen die Mädchenbildung allenfalls marginal. Auch europäische Perspektiven werden in ihnen fast gar nicht eingenommen.

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Neuere Gesamtdarstellungen der deutschen Bildungsgeschichte berücksichtigen die Mädchenbildung allenfalls marginal. Auch europäische Perspektiven werden in ihnen fast gar nicht eingenommen.

In ihrem komparativ angelegten Buch - der Summe ihrer langjährigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema Mädchen- und Frauenbildung - folgt Juliane Jacobi einem anderen Ansatz: Sie bezieht die für die Bildungsgeschichte Europas besonders aufschlussreiche frühe Neuzeit mit ein und greift bis ins 20. Jahrhundert mit seinen veränderten Geschlechterordnungen aus. Im Fokus steht dabei die Entwicklung der Mädchen- und Frauenbildung in Deutschland, Frankreich und England; Blicke nach Süd- und Osteuropa sowie nach Skandinavien und in die Niederlande ergänzen das Bild.

Autor*in / Hrsg.: Juliane Jacobi
Zeitepoche(n): 15. bis 17. Jh. 18. und 19. Jh. 20. und 21. Jh.
Weitere Informationen: Umfang: 509 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 3.5 x 22 x 15
Gewicht: 715 g
Erscheinungsdatum: 25.10.2013

Inhalt
Einleitung: Warum eine vergleichende Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung seit der Frühen Neuzeit 9
1 Ehrbarkeit und Frömmigkeit (1500-1700) 17
1.1 Weibliche Bildungsideale im Spannungsfeld der Konfessionen 17
1.1.1 Die Erziehung zur Ehefrau und Mutter 20
1.1.2 Weibliche Gelehrsamkeit als Ausnahmefall 33
1.1.3 Die Alternative: Ehelosigkeit 46
1.1.4 Französische Salonkultur 61
1.2 Bildungsangebote für Mädchen 65
1.2.1 Privaterziehung 66
1.2.2 Schulen 70
1.2.3 Der Lehrstoff: Lesen, Schreiben, Nähen 87
1.2.4 Alphabetisierungsrate der Mädchen 92
1.2.5 Schulmeisterinnen und Ordensfrauen 96
1.3 Zusammenfassung 104
2 Vernunft, Gefühl und Tugend (1700-1800) 107
2.1 Erziehungstheorie - mehr als nur Rousseau 109
2.2 Französische Pädagogik 122
2.3 Englische Pädagoginnen 128
2.4 Deutschlands Töchter 137
2.5 Erziehung und Unterricht 142
2.5.1 Privaterziehung 142
2.5.2 Fortbildung durch Lektüre 145
2.5.3 Internate und Pensionate 148
2.5.4 Stadtschulen für den Mittelstand 159
2.5.5 Elementar-, Armen- und Industrieschulen 162
2.6 Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? 170
2.7 Zusammenfassung 172
3 Bildung und fromme Häuslichkeit (1800-1860) 175
3.1 Rosenstreuende Engel und Mütter der Nation  177
3.1.1 Weibliche Liebestätigkeit: die Romantisierung der Religion189
3.1.2 Das Hauswesen als staatstragende Aufgabe 195
3.2 Pensionate, Töchterschulen und boarding schools 200
3.2.1 Unternehmerinnen, Lehrkongregationen und der Staat: Frankreich 203
3.2.2 Von der Wohnstube zum Klassenzimmer: Deutschland 207
3.2.3 Mädchenschulen als family home: England 217
3.3 Lehrpläne und Methoden 220
3.3.1 Tendenz zur Nützlichkeit 220
3.3.2 Näh- und Strickschulen 223
3.3.3 Prüfungen als Gefahr für die Weiblichkeit 225
3.4 Kulturimperialismus und Frauenförderung - europäische Mädchenbildung außerhalb Europas 229
3.5 Zusammenfassung 233
4 Politisierung und weiblicher Kulturbeitrag (1860-1918) 235
4.1 Die Gesellschaft, der Staat und die Mütter 238
4.1.1 Getrennte "Lebenskreise" für Frau und Mann 240
4.1.2 Weibliche Erwerbstätigkeit und mütterlicher Beruf 247
4.2 Elementarbildung für brave Mädchen aus dem einfachen Volk 254
4.2.1 Ein Meilenstein: die allgemeine Schulpflicht 257
4.2.2 Organisation der Elementarschulen 260
4.2.3 Elementarbildung geschlechtstypisch 265
4.2.4 Berufsziel: Lehrerin 271
4.2.5 Nationale Entwicklungen in der Lehrerinnenausbildung 276
4.3 Sekundarschulen und Hochschulzugang 277
4.3.1 Frankreich: Mädchenbildung zwischen Kirche und Staat 278
4.3.2 Deutschland: der Ausbau der Töchterschule zur höheren Mädchenschule 289
4.3.3 England: Privatschulen für Mädchen 307
4.3.4 Der Kampf um die akademische Bildung 317
4.4 Ausbildung als Vorbereitung für neue Berufsfelder 320
4.5 Zusammenfassung 344
5 Gleichheit und Ungleichheit: 1918-2000 349
5.1 "Emanzipation unter Vormundschaft" 350
5.2 Schulen: Chancengleichheit und Geschlechterdifferenzierung 358
5.2.1 Auf dem Weg zur "Demokratisierung": die Zwischenkriegszeit 358
5.2.2 Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg 380
5.2.3 Bildungschancen für Mädchen 395
5.3 Bildung und Ausbildung für "Frauenberufe" 399
5.4 Die akademischen Studien für Frauen 410
5.4.1 Bildungspolitik in Frankreich, Deutschland und England 411
5.4.2 Studienfachwahl: autonome Entscheidungen? 424
5.4.3 Studienbereitschaft, Eheschließung und Studienabbruch 427
5.4.4 Deutschland - eine verspätete Nation? 431
5.5 Gleichheit und Ungleichheit 436
Lebensverhältnisse - Bildungsverhältnisse 441
Abkürzungen 449
Literatur 450
Auswahlbibliografie 488
Bildnachweis 490
Danksagung 491
Register 493

Wer würde der englischen Historikerin Catherine Macaulay (1731-1791) heute noch widersprechen, die im Zeitalter der Aufklärung die Vorstellung für "absurd" erklärte, "dass die Erziehung des weiblichen Menschen der des männlichen entgegengesetzt sein solle", und Eltern aufforderte, ihre Söhne und Töchter gemeinsam zu erziehen? Im 21. Jahrhundert werden Mädchen und Jungen in Europas öffentlichen Schulen überwiegend gemeinsam erzogen, um "der Vermischung der Geschlechter, die in allen europäischen Gesellschaften vorherrscht", angemessen Rechnung zu tragen. Dabei bestand in den meisten europäischen Ländern jahrhundertelang Konsens darüber, dass Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet werden sollten; denn Mädchen mussten auf ein Erwachsenendasein vorbereitet werden, in dem Frauen in anderen rechtlichen, kulturellen und sozialen Verhältnissen lebten als Männer. Selbst heute ist die Debatte um die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen nicht verstummt. Denn die Gleichheit aller Schülerinnen und Schüler, die die bildungspolitische Rhetorik seit den großen Bildungsreformen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beherrschte, hat sich spätestens in dem Moment als Fiktion erwiesen, als man die Geschlechterdimension empirisch einbezog: Die Zahlen zur Verteilung von Jungen und Mädchen auf Schultypen und Bildungsgänge und zur Entwicklung der Bildungsbeteiligung zeigen, dass weiterhin Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bestehen. Dass die Mädchen gemessen an ihrer Leistung zudem in der Schule erfolgreicher als die Jungen sind, führt zu neuen Kontroversen. Weil das Geschlecht eines Kindes offensichtlich nach wie vor bei Bildungsentscheidungen, Bildungserfolg und Erwerbschancen eine, oft sogar die entscheidende Rolle spielt, werden Koedukation und neuerdings auch die wachsende Präsenz von Frauen als Lehrerinnen zum Gegenstand pädagogischer und bildungspolitischer Debatten.
Wenn von Erziehungs- und Bildungsverhältnissen die Rede ist, bleibt das Geschlecht der betroffenen Personen also ein Thema. Dies wird in den wenigsten bildungsgeschichtlichen Darstellungen, die meist eine Geschichte der Jungen- und Männerbildung erzählen, angemessen berücksichtigt. Erst im Zusammenspiel mit einer Darstellung der Mädchen- und Frauenbildung kann die Bildungsgeschichte beleuchten, warum die Geschlechterverhältnisse bei allem Wandel von einem bemerkenswerten Beharrungsvermögen geprägt sind.
Anders als in anderen europäischen Ländern wurde die Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung in Deutschland von der neueren historischen Bildungsforschung nie zusammenhängend dargestellt. Dabei haben zahlreiche Studien zu einzelnen Epochen der Mädchenbildung und zur Schulentwicklung, zu einzelnen bildungsgeschichtlich relevanten Personen, Schulen und Themen, zu einzelnen Städten oder Ländern in den letzten Jahrzehnten eine Fülle an neuen Informationen hervorgebracht - diese verlangen eine Synthese.
Vier Gründe waren dafür ausschlaggebend, dass sich diese Darstellung nicht auf die deutsche Geschichte beschränkt. Erstens hat eine zunehmende Anzahl von Forschungen zur Mädchen- und Frauenbildung in Frankreich und England aus den letzten drei Jahrzehnten dazu geführt, die Bildungsgeschichte dieser Länder neu zu deuten. Davon haben auch die Forschungen zur deutschen Bildungsgeschichte als Geschlechtergeschichte profitiert. Zweitens schützt der Vergleich vor Verzerrungen, denen bildungsgeschichtliche Entwicklungen im Allgemeinen, die Mädchen- und Frauenbildung im Besonderen häufig unterliegen, weil die nationale Perspektive in der historischen Bildungsforschung besonders ausgeprägt ist. Wird doch etwas oft als "deutsch", "französisch" oder "englisch" wahrgenommen, was Mädchen und Frauen in ähnlicher Weise in ganz Europa betroffen hat. Ehe und Mutterschaft als Lebensaufgaben, auf die Erziehung vorbereiten sollte, sind nicht nur pädagogisches Erbe der deutschen Klassik, der "gemäßigten" Frauenbewegung ...

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