Kati Brunner (Herausgeber), Marjana Sawka, Sofia Onufriv (Hrsg.): Skype Mama

Artikelnummer: 978-3-940524-23-2

Die Mutter arbeitet im fremden Land, das Kind bleibt zurück. Bei der Oma, der Tante, vielleicht beim Vater. Wie ist da ein Kontakt möglich? Was hört das Kind, was sieht es, wenn die Mutter bei Skype auftaucht?

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Die Mutter arbeitet im fremden Land, das Kind bleibt zurück. Bei der Oma, der Tante, vielleicht beim Vater. Wie ist da ein Kontakt möglich? Was hört das Kind, was sieht es, wenn die Mutter bei Skype auftaucht? Das Kind heißt Maksym oder Wadja oder Slawka, die Mutter vielleicht Karina, Oksana. Oder einfach Mama. Hunderttausende sind es in der Ukraine, und das sind vorsichtige Schätzungen, die sich als Arbeitsmigrantinnen im Westen verdingen. Elf Erzählungen über das zerrissene Leben in zwei Welten.

In elf Geschichten, die irgendwo zwischen der Ukraine und dem Westen Europas spielen, erzählt dieses Buch vom Schicksal moderner Wanderarbeiterinnen. Meist ist es schlichte Not und nicht Abenteuerlust, die sie in die Büros, Küchen und Wohnzimmer des Westens treibt. In der Ukraine soll die Zahl der Familien, von denen mindestens einer der Eltern im Ausland arbeitet, in die Million gehen. Das heißt, vielleicht eine Million Kinder, die zurückbleiben. Hilft moderne Technik da mehr als die alte Postkarte? Was passiert, wenn Mama und ihr Kind skypen? Wenn die Entfernung aber so groß bleibt wie sie nun einmal ist, wenn Mama nicht da ist? Warum ist sie nicht da? Und wo ist sie? Wann kommt sie? Und dann, wenn sie kommt? Elf ErzählerInnen geben ihre Antworten.

Das Buch ist ein Projekt von translit e. V. Der 2010 gegründete Verein ist ein Zusammenschluss von Übersetzern und Kulturmittlern, der den literarischen und kulturellen Austausch zwischen dem deutschsprachigen Raum und dem Osten Europas, insbesondere der Ukraine und Belarus, zum Ziel hat. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Übersetzungen aus den Literaturen der jeweiligen Länder.

Weitere Informationen: Umfang: 152 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 1.2 x 22.2 x 13.2
Gewicht: 225 g
Erscheinungsdatum: 15.03.2013

Halyna Kruk: Ho paura
Walentyn Berdt: Skype Mama
Natalka Sniadanko: Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen
Halyna Malyk: Slawka
Serhij Hrydyn: Geld stinkt nicht
Oleksandr Hawrosch: Stepan im Glück
Marianna Kijanowska: Kirschen
Natascha Guzeeva: Unsichtbar
Oksana Luzyschyna: Wandteppich mit Hirschen
Tanja Maljartschuk: Kinderland
Oksana Luschtschewska: Das Familien-Finde-Spiel
Marjana Sawka: Mit Kinderaugen, Zu diesem Buch
Autorinnen und Autoren
Übersetzerinnen und Übersetzer
"Ich wohne bei meiner Oma, die ich sehr gern habe. Sie ist für mich Mama und Papa und bester Freund in einem. Wenn ich mein tägliches Gebet spreche, dann bitte ich den Allmächtigen um wenigstens ein bisschen Gesundheit für sie, denn sie hat ein krankes Herz. Meine Oma hat fünf Kinder großgezogen. Mama war eins davon. Mama wohnt jetzt nicht bei uns, weil sie in Italien arbeitet. Wenn sie zu Besuch kommt, sagt sie, dass Italien ein sehr schönes, sonniges Land ist. Aber für mich ist es ein fremdes, fernes Land und überhaupt nicht sonnig, denn es hat mir Mama weggenommen. Ich warte jeden Tag auf sie. Sie ruft oft an und ich kann ihre sanfte Stimme hören. Aber ich sehe nicht ihre guten, blauen Augen ..."
Diese Zeilen stammen von Walik, einem elfjährigen Jungen aus dem Dorf Dunajiwzi bei Tscherniwzi. Als ich sie las, dachte ich, ich muss diesen Jungen unbedingt sehen. Er hatte mich mit seiner Ehrlichkeit und dieser nicht mehr kindlichen Klugheit tief beeindruckt.
Ein paar Monate später kam er mit seiner Oma, von der er geschrieben hatte, sie sei für ihn "Mama und Papa und bester Freund", nach Lwiw, um seine Auszeichnung entgegenzunehmen: den ersten Preis eines ukraineweiten Literaturwettbewerbs für Kinder. Er nahm den Preis entgegen, wirkte dabei aber ganz teilnahmslos. Kein einziges Lächeln huschte über sein Gesicht. Es schien so, als wäre ihm der Preis, den er gerade gewonnen hatte, egal. Stattdessen freute sich seine Großmutter und wurde nicht müde zu erzählen, was für einen klugen Enkel sie hatte.
Der Wettbewerb, den Walik gewonnen hatte und bei dem ich Vorsitzende der Jury war, hieß Die Ukraine, in der ich leben möchte. Von überall in der Ukraine, aus den großen Millionenstädten und aus gottverlassenen Dörfern, schrieben Kinder von ihrem Alltag und von ihren Träumen. Sie berührten alle Wunden unserer Gesellschaft und diagnostizierten ihren Zustand so genau, wie kein ukrainischer Politiker es vermag. In den meisten dieser Kindertexte war das "ich wünsche/möchte" tausendmal größer als das heutige "ich lebe". Denn das Idealbild ihres Landes speiste sich ganz und gar nicht aus dem, was sie täglich um sich herum sehen.

"Angesichts der Ereignisse in unserem Staat versuche ich zu begreifen, warum wir unser Leben nicht besser hinbekommen", wunderte sich die Sechstklässlerin Nastja aus dem Gebiet Kirowohrad. "Was fehlt uns Ukrainern denn dazu? Wir haben goldene Erde und ein arbeitsames Volk. Die ukrainische Seele ist reich und großherzig. Warum nur schaffen wir es nicht, unser Land aufzubauen?". Eine andere Nastja, aus Lwiw, zählte lang und breit auf, was sie sich wünscht. Die Ukraine soll zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt gehören. Es soll keine Korruption geben, dafür aber kostenlose Bildung und eine kostenlose Gesundheitsversorgung. Die Menschen sollen immer ein Lächeln tragen und stolz auf ihr Land sein können, damit "wenn die Hymne erklingt, man die Hand nicht aufs Herz legt, weil sich das "so gehört", sondern weil man es von Herzen gerne tut." Am Ende formulierte das Mädchen: "Ich wünsche mir, dass die Menschen aufhören, an den morgigen Tag zu denken. Sie sollen aufwachen in der Gewissheit, dass es in der Ukraine auf jeden Fall ein Morgen gibt und dass wir Ukrainer frei, wohlhabend und glücklich sind."
Ich las das alles und fragte mich, wie oft Erwachsene wohl auf ihre Kinder hören. Fragen sie, wenn sie eine Entscheidung treffen, ob die gut für das Kind ist oder ob sie eher deren Glauben an die Eltern zerstört? Wenn Eltern lernten, auf ihre Kinder zu hören, würden sie wesentlich erwachsener handeln. Sie würden das Glück gemeinsamer Stunden und die Freude, ihr Kind heranwachsen zu sehen, nicht tauschen gegen ein paar Euros, die sie beim Putzen fremder Toiletten verdienen, gegen ein paar Klamotten und den Traum, dass die Kinder es einmal besser haben.
Aber die Eltern folgen eine anderen Religion: Sie glauben an die Angst vor dem neuen Tag. Sie geben diese Angst weiter wie eine infizierte Spritze und stecken immer mehr Menschen damit an. Dieses Misstrauen macht die Gesellschaft krank. Die Menschen verlieren die Hoffnung, verlieren das Leuchten in ihren Augen und die Achtung vor sich selbst. Sie sehen keinen Ausweg aus der Armut, sie vermögen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten nicht einzusetzen und verstehen es nicht, ihre Familien zu versorgen. Dann folgen sie, wie alle anderen auch, dem einfachsten Schema. Sie reihen sich hinter den Nachbarn ein in die lange Schlange am Visa-Schalter, sie reihen sich ein in die Armee der Arbeitsmigranten. Legal oder illegal brechen sie auf und überqueren die Grenzen nach Italien oder Griechenland, nach Tschechien, Polen, Ungarn oder England... Und natürlich nach Russland, wohin der Weg bislang noch offen steht. Wer mehr Glück hat, bekommt eine legale Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung und genießt in dem Staat, für den er arbeitet, eine gewisse soziale Absicherung. Aber solches Glück haben bei Weitem nicht alle. Ein Drittel der schätzungsweise fünf Millionen ukrainischen Arbeitsmigranten hält sich illegal im Gastland auf, hat keine Rechte, wird verfolgt und lebt unter menschenunwürdigen Bedingungen.
Die Mehrheit der ukrainischen Arbeitsmigranten hat Kinder zu Hause zurückgelassen, die nun unter der Obhut der Großmütter oder anderer Verwandter heranwachsen. Wie oft habe ich schon solche ukrainischen Großmütter getroffen, die bereitwillig die Erziehung der Enkel auf sich nehmen und mit Tränen in den Augen ihre Töchter und Schwiegertöchter segnen, die ins Ausland gehen, in die Fremde und dort in Ungewissheit leben. Weil diese Ungewissheit der einzige Ausweg aus der Ausweglosigkeit zu sein schien. Doch die Omas und Opas haben bei weitem nicht immer Einfluss auf ihre Enkel. Der Altersunterschied ist groß, und die Kinder bleiben häufig sich selbst überlassen. Sie suchen sich eigene Autoritäten, entwickeln eigenen Vorstellungen von Ehre und Moral und wachsen mit Kindern auf, die sind wie sie, nicht Waisen, aber doch ohne Eltern. Sie gewöhnen sich schnell an dieses Doppelleben, werden frühzeitig erwachsen und werfen das Geld der Eltern zum Fenster hinaus. Die Eltern leben im Ausland, bauen fremde Städte, putzen fremde Häuser und glauben fest und heilig daran, dass sie mit diesen bitter verdienten und auf Kosten der eigenen Gesundheit ersparten Kopeken ihren Kindern ein besseres Leben, eine Wohnung, ein Auto und eine gute Ausbildung erkaufen können. Aber all das ist Illusion. Die Kinder können dieses Opfer nicht würdigen. Im Gegenteil, sie setzen ihre Eltern häufig noch unter Druck und verlangen immer größere Summen. Von Freunden habe ich die Geschichte einer Frau gehört, deren Sohn nach der Armee gedroht hat, sich umzubringen, wenn die Mutter ihm kein Auto kauft. Die Mutter gab aus Angst um den Sohn nach und schickte Geld. Doch der Sohn baute bald einen Unfall und redete wieder von Selbstmord. Diesmal sollte die Mutter Geld für die Reparatur des Autos schicken.
Geld ersetzt die Eltern nicht. Die Kinder wachsen heran mit der Erfahrung, dass ihnen in den wichtigsten Momenten ihres jungen Lebens weder ein fähiger Vater noch eine kluge Mutter beistehen, die den richtigen Weg hätten weisen können, ein liebes Wort sagen, Vorbild sein. Im Gegenteil. Das Arbeitsmigrantenleben der Eltern programmiert in den Kindern von klein auf denselben Suchmechanismus: nach einem besseren Leben nicht in der Heimat, sondern in der Ferne, dort, wohin der Gastarbeiterweg führt.
Die Kinder sind sich dessen bewusst. Unter den Beiträgen für jenen Wettbewerb war auch dieses Gedicht von Natalija Tajstra, einer Schülerin aus Transkarpatien - von dort stammen die meisten ukrainischen Arbeitsmigranten:

"Um Geld zu verdienen, fahren
Ewig die ukrainischen Sklaven
Durch Russlands Wälder und Weiten,
Über ferne Meere und Gebirge als Gastarbeiter
Ins Ausland. In der Welt überall
Ist es von unseren Leuten voll.
Doch nicht in Russland, nicht in Belarus
nicht in Kanada empfängt man gerne uns.
Aber was tun, wenn daheim
Die alten Eltern, Kinder, Weib
Kaum eine Kopeke haben zum Leben,
Denn niemand kann ihnen Arbeit geben.
Und jeder weiß schon von klein auf,
Was ihn erwartet in seines Lebens Lauf."
Es ist natürlich nicht überall das Gleiche. Es gibt auch viele positive Geschichten. Für viele ukrainische Familien war die Auswanderung, besonders wenn sie legal erfolgte, der einzige Ausweg aus sozialem und moralischem Verfall. Sie war der Beginn eines neuen Lebens unter wesentlich besseren Bedingungen als in der Ukraine. Es ist traurig aber wahr, dass am Problem der sozialen Waisen in erster Linie ein Staat schuld ist, der den Menschen keinen angemessenen Lebensstandard gewährleisten kann und nicht das Gefühl, abgesichert zu sein.
"Meine Mama war mal eine gute Schülerin", schrieb ein elfjähriger Junge. "Aber was hat sie davon? Absolut nichts. Sie ist nach Italien gefahren, um Geld zu verdienen und mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Für das Geld erträgt sie unheimlich viel. Sie arbeitet in einer Klinik als Krankenpflegerin und sorgt dafür, dass es den Menschen da gut geht. Es ist ungerecht und verletzend, dass ein Mensch in seinem eigenen Staat keine Arbeit hat und sich und den einzigen Sohn nicht ernähren kann. Es ist auch schrecklich, wenn die jungen Leute nach dem Studium keinen Arbeitsplatz finden können. Wie aber leben? Stehlen? Obdachlos werden? Das ist doch kein Ausweg! Das ist eine große Sünde vor Gott, vor den Menschen und vor sich selbst."
Aber wer nur erklärt dem Kind, wie es dazu gekommen ist. Welcher Bürokrat welchen Ranges auch immer bringt dem Kind und seiner Familie den wichtigsten Menschen zurück. So lange diese rhetorische Frage im Raum steht, wird der Sohn nur am Telefon mit seiner Mutter reden. Oder vielleicht schon per Skype.
Kaum gab es diese wunderbare Videoverbindung, beteten Hunderttausende Migranten für die Gesundheit ihrer Erfinder. Aber nur wenige kannten die Namen der beiden jungen Männer aus Skandinavien Der Däne Janus Friis und der Schwede Niklas Zennström . Jeder, der Internet hatte, konnte nun kostenlos (!) mit dem geliebten Menschen sprechen und, was noch viel wichtiger war, den Gesprächspartner auf dem Bildschirm sehen. Die Zauberaugen der Webkameras wurden Zeuge unglaublicher Begegnungen. Wie viele lächelnde Gesichter und wie viele Tränen sind dank der digitalen Signale und Codes von einem Ende der Welt zum anderen geschickt worden! Ein Bekannter von mir, der bereits das zehnte Jahr in Chicago arbeitete, kaufte sich den größten Bildschirm, den er finden konnte, installierte Skype und ließ sogar die Arbeit liegen, um möglichst lange online sein zu können. Seit er die Ukraine verlassen hatte, waren seine Töchter groß geworden und hatten sich so verändert, dass er sie erst nicht erkannte. Dann nervte er sie mit seinen Bitten, nirgendwohin wegzugehen sondern "mit dem Papa zu reden". Zum Glück kehrte er, im Unterschied zu vielen seiner Weggefährten in der Fremde, zu seinen Kindern und seiner Frau zurück.
Die Idee zu diesem Buch entstand 2011 während der Leipziger Buchmesse. Ich sprach mit Michael Margulis, Literaturagent der aus Kiew stammenden und schon seit einigen Jahren in Deutschland lebenden Autorin Natalja Guzeewa, über das Leben in der Ukraine und in Deutschland, über die Situation von Migranten und natürlich über Literatur. Viele Themen, die gegenwärtig nicht nur die Menschen in der Ukraine bewegen, waren in unserer Literatur lange Zeit gar nicht präsent. Anderes schien wichtiger zu sein. Die Arbeitsmigration aber ist eine der markantesten Begleiterscheinungen der ukrainischen Unabhängigkeit und des ukrainischen Transformationsprozesses. Sie hinterlässt tiefe Spuren, soziale Verwerfungen und Brüche in unserer Gesellschaft, die im öffentlichen Diskurs nicht länger verschwiegen werden können. Davon zeugt diese Anthologie: Elf ukrainische Gegenwartsautorinnen und Gegenwartsautoren erzählen Geschichten aus der ukrainischen Wirklichkeit daheim und im Ausland. Es ist kein Zufall, dass viele Mitwirkende an dem Band auch für Kinder und Jugendliche schreiben. Sie kennen die Gedankenwelt ihrer jungen Leserinnen und Leser und geben sie in ihren Texten erschreckend realistisch wieder.
Die Idee zum Buch Skype Mama stieß sofort auch bei unseren deutschen Partnern und Freunden, den Mitgliedern und Übersetzern des Vereins translit e.V. auf Interesse. Dank ihres Engagements, der Förderung durch die Robert Bosch Stiftung und der Beteiligung der Verlage Wydawnyctwo staroho lewa und edition.fotoTAPETA ist Skype Mama zu einem internationalen Projekt geworden. Die ukrainische und die deutsche Fassung erscheinen zeitgleich im März 2013.
Die meisten Autorinnen und Autoren haben selbst Kinder und wissen, was es bedeutet, von ihnen getrennt zu sein. Ich glaube nicht, dass dieses Buch den Kindern ihre Eltern zurückbringt. Aber es ist ein Anfang, über die Probleme zu sprechen. Und wer darüber spricht, der sucht auch nach Lösungen.

Lwiw/Berlin, März 2013

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