Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Artikelnummer: 978-3-518-42404-9

Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete, wer hat sie gehört?

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Auf der FOCUS-Bestsellerliste Belletristik

Das neue Buch der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin 2013

Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete, wer hat sie gehört? Und als die Soldaten die Babuschka erschossen, »mit nachlässiger Routine« - wer hat am Fenster gestanden und zugeschaut? Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt, hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel, verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder. Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiß ist, was kann man dann überhaupt wissen?

Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, schreibt die Autorin von ihren Reisen zu den Schauplätzen, reflektiert über ein zersplittertes, traumatisiertes Jahrhundert und rückt Figuren ins Bild, deren Gesichter nicht mehr erkennbar sind. Ungläubigkeit, Skrupel und ein Sinn für Komik wirken in jedem Satz dieses eindringlichen Buches.




Autor*in / Hrsg.: Katja Petrowskaja
Belletristik: zeitgenössischer Roman
Land im Fokus: Polen
Weitere Informationen: Geschichten 
Umfang: 285 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 2.5 x 20.3 x 12.7 cm
Gewicht: 379 g
Erscheinungsdatum: 10.03.2014

~ LESEPROBE ~

weitere Ausgaben: Kartoniert

Rezension von Lisa Sophie Kämmer auf AVIVA-Berlin:

Hatte sie wirklich Esther geheißen? Einfühlsame literarische Tiefenbohrungen in die eigene Familiengeschichte legen Namen einer fernen Vergangenheit frei, in die kein Weg mehr zurückführt.

Wie ist es gewesen und was, wenn alles anders verlaufen wäre? Nach dem Tod ihrer Tante und der anschließenden Erkenntnis, sich mittels persönlicher Gespräche nicht mehr den "Windmühlen der Erinnerung" stellen zu können, sind es diese Fragen, die die Autorin Katja Petrowskaja umtreiben.

Um die Geschichte ihrer jüdischen Familie, deren Mitglieder sie zeitlebens an einer Hand abzählen konnte, in der Folge nachzuzeichnen, begibt sich die 1970 in Kiew geborene Journalistin auf die Suche nach den eigenen Wurzeln. Im Zuge ihrer Recherchen führt es sie zuerst nach Warschau, wo ihr Urgroßvater zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Schule für Taubstumme leitete. Das Unterrichten taubstummer Kinder wird von Petrowskaja dabei mit unverkennbarer Anerkennung besonders herausgestellt, handelte es sich doch um eine altruistische Tätigkeit, die ihre Verwandten mütterlicherseits bereits in der siebten Generation ausübten.

Von Polen, wo ihre Vorfahren bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten und um deren "westliche" Herkunft sie von der jungen Sowjetbürgerin Petrowskaja Jahrzehnte später beneidet wurden, verschlägt es die Autorin schließlich in ihre Geburtsstadt. In der "Weiberschlucht" von Babi Jar vernimmt sie retrospektiv die letzten Lebenszeichen ihrer Urgroßmutter und Großtante, bevor die beiden an einem sonnigen Herbsttag 1941 von deutschen und ukrainischen Soldaten ermordet wurden. Das titelgebende Kapitel "Vielleicht Esther" bildet hierbei das Herzstück dieser intimen Reise in die Vergangenheit. Basierend auf einer Zeugenaussage unternimmt Petrowskaja darin den Versuch, die letzten Stunden ihrer namenlosen Urgroßmutter zu rekonstruieren, die schließlich mit der Erschießung der gebrechlichen Frau im besetzten Kiew enden. Ob sie wirklich Esther geheißen hatte, bleibt offen.

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