Katrin Vogel: Hotel Glamour. Venezolanische Transformistas in Europa

Artikelnummer: 978-3-593-39963-8

Trans, Prostituierte, Migrantinnen ohne geregelten Aufenthaltsstatus - das Leben venezolanischer Transformistas in Europa verläuft in einer körperlichen, legalen und räumlichen Grauzone. Transformistas verstehen sich als männlich Geborene, die ihre Körper zu hyperfemininer Schönheit formen ...

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Trans, Prostituierte, Migrantinnen ohne geregelten Aufenthaltsstatus - das Leben venezolanischer Transformistas in Europa verläuft in einer körperlichen, legalen und räumlichen Grauzone. Transformistas verstehen sich als männlich Geborene, die ihre Körper zu hyperfemininer Schönheit formen, weil sie Männer begehren. Ihren Traum von Europa, vom großen Geld und Hedonismus verwirklichen sie, indem sie die Nachfrage nach Transprostituierten auf dem europäischen Sexmarkt bedienen. Im 'Hotel Glamour' in Barcelona hat Katrin Vogel den Alltag der Transformistas jenseits des Straßenstrichs geteilt. Entstanden ist die Ethnografie einer Lebenswelt, die sich zwischen dem prekären 'Hier und Jetzt' in Europa und dem Wunsch nach einem Eigenheim an der Karibikküste Venezuelas aufspannt.

Autor*in / Hrsg.: Katrin Vogel
Weitere Informationen: Umfang: 360 S., ca. 10 Abb. in Farbe
Einband: Kartoniert
Format: 21,3 x 14,0 cm
Gewicht: 405 g
Erscheinungsdatum: 15.11.2013

Prolog: Cyntias Geschichte

"Gut, dann erzähle ich dir meine Geschichte. Damit du endlich Ruhe gibst."

Ich bin am 19. März 1965 geboren. Ich bin als Junge geboren. Mit sechs Geschwistern. Drei Mädchen und noch drei Jungen. Mit mir waren wir sieben. Ich war der Fünfte, der in der Familie geboren wurde. Ich wuchs heran, ich ging zur Schule, ich wurde langsam zum Jugendlichen.

Schon als ich sehr klein war, habe ich gemerkt, dass ich homosexuell sein würde. Viele Leute haben es gemerkt. Meine Geschwister und die Nachbarn. Schon mit zehn Jahren, als man anfing mir anzusehen, was ich war - ein Homosexueller - wurde ich von vielen Leuten abgelehnt. Sogar von meinen Brüdern und Schwestern. Wir waren sehr arm. Und mit zehn Jahren - ich war immer eine sehr reife Person - begann ich zu arbeiten, um meiner Familie zu helfen. Alles, was ich verdiente, gab ich ihr. Das war sehr wenig, ich war noch ein Junge, eine Hilfskraft von einem Herrn, der einen Lkw hatte. Ich half ihm zu verkaufen. Als der Herr bemerkte, dass ich homosexuell war, sagte er mir, dass ich nicht weiter für ihn arbei-ten könnte. Er befürchtete, dass die Leute reden würden, weil ich homosexuell bin und manche glaubten sogar, dass er mich vergewaltigte, dass ich ein Verhältnis mit ihm hatte. Nun, ich war ein Junge, immer sehr reif, ich glaube, der reifste der ganzen Familie - obwohl einige älter waren als ich, allerdings mit eindeutigem Geschlecht und sie waren anders als ich. Ich habe immer an meine Familie gedacht, darauf geachtet, die Familie zu unterstützen. Alles, was ich besaß, war für sie. Solange ich zurückdenken kann, war ich nie egoistisch. Ich teile gerne, was ich habe, ich habe immer gerne geteilt, was ich hatte. Er hat mir also gekündigt.

Es zeigte sich schon, dass ich homosexuell sein wollte. Weil sie mich nicht akzeptierten, beschloss ich, von zu Hause wegzugehen. Weil mich mein größerer Bruder misshandelte, er schlug mich und meine Mutter bestärkte ihn darin. Weil sie dachten, dass ich auf diese Weise hart werden würde, wie man dort sagt, und dass ich so ein echter und aufrechter Mann würde, wie jede Mutter und jeder Vater den Sohn am liebsten sähe. Aber ich war nicht so. Ich entwickelte mich und beschloss, von zu Hause wegzugehen. Ich lebte in einem sehr kleinen Dorf. Ich wollte nach Caracas gehen, in die Stadt meiner Träume. Ich setzte mich immer an die Straße, an die Autobahn, und träumte und sagte mir: "Eines Tages muss ich in einen dieser Busse einsteigen und in die Stadt gehen. Ich will etwas kennenlernen, ich will vom Dorf weg, ich will nicht hier bleiben. Hier gibt es keine Zukunft für mich."

Eines Tages kam eine Freundin an, oder ein Freund, und als ich ihn sah, war ich überrascht, weil er lange Haare hatte, blond, und er sah wie eine Frau aus. Davon hatte ich immer geträumt: Es zu schaffen, eine Frau zu sein. Er schaute mich an und sagte: "Oh, mariquito, Du bist so süß." Ich war gerade 13 Jahre alt. "Warum kommst du nicht mit mir nach Caracas? Nur um es kennenzulernen. Ich nehme dich mit." Ich sage: "Schön, ich wollte immer nach Caracas gehen, Caracas besuchen." Also sagte sie oder er zu mir: "Ich komme morgen bei dir vorbei. Mach dich fertig. Nimm nur ein bisschen Kleidung mit und das, was du mitnehmen willst, damit wir gehen können." Am nächsten Tag erschien mein Freund oder meine Freundin und mein Traum ging nicht in Erfüllung. Der Traum, in einen Bus zu steigen und nach Caracas zu fahren. Wir mussten trampen.

Wenn Männer sie sahen, hielten sie an, weil sie dachten, dass sie eine Frau sei. Aber wenn sie uns beide sahen, wiesen sie uns ab und ließen uns auf der Straße stehen. Aber es waren immer nette Leute dabei, denen es egal war und die uns mitnahmen. Stück für Stück, Kilometer für Kilo-meter setzten die einen uns ab und die anderen nahmen uns mit, einige fuhren vorbei und andere nicht. Weil sie reifer und schlauer war und sich besser auskannte als ich, machte sie Liebe mit den Männern, damit die Männer uns zu unserem Ziel mitnahmen. Die Reise war schwierig, weil wir in jener Nacht an der Autobahn schlafen mussten. Gegen sechs Uhr Nachmittag sind wir aus dem Dorf los - immer die Dunkelheit suchend, um uns vor den Leuten zu verstecken, damit man uns nicht so sehr sah; weil sie lästern oder uns diskriminieren. Wir mussten an an einer Tankstelle schlafen. Dort sind wir wieder aufgewacht und weiter nach Caracas getrampt. Ich war ein Junge, gerade 13 Jahre alt. Ich konnte in kein Hotel gehen, ich konnte in keine Pension gehen, sie musste mich reinschmuggeln. Ich litt sehr, weil ich in den Straßen betteln und um Geld bitten musste, um essen zu können. Wenn es Nacht wurde, musste ich bis zwei Uhr morgens warten, um schlafen gehen zu können, damit mich der Rezeptionist der Pension reinließ. Klar, sie gab sich her, um Liebe mit dem Rezeptionisten zu machen, weil sie ihn kannte. Mit dem Rezeptionisten, damit er mich reinließ, obwohl ich ein Kind war. Bald sagte er zu ihr: "Ich will es nicht länger mit dir machen. Ich will es mit dem Kleinen machen."

Ich bekam große Angst, weil ich es noch nie gemacht hatte, ich wollte Fr... - das heißt, ich war homosexuell, wollte Frau sein, aber es machte mir Angst. Ich stand am Anfang. Na ja, ich gewöhnte mich dran. Es kam der Augenblick, als sich meine Freundin nicht länger um mich kümmern konnte. Sie verließ mich. Also musste ich in Hauseingängen schlafen, ver-stehst du. Ich hatte Hunger.

Bis ich eines Tages zwei Freundinnen kennenlernte. Es waren keine Freundinnen. Eigentlich waren sie keine Freundinnen, sondern Bekannte, aus dem gleichen Umfeld. Ich kannte mich in der Stadt schon ganz gut aus. Sie sagten mir: "Du siehst gut aus. Wir ziehen dich als Frau an. Das wird nicht schlecht aussehen." Ich hatte lange Haare, ich war ein Junge, ich war ein Junge. Sie nahmen mich mit ins Hotel, in dem sie wohnten, sie gaben mir ein Kleid, High Heels und sie schminkten mich. Sie schickten mich auf die Straße. Da begann mit 13 Jahren mein Leben als travesti, als transformista, wie man das in meinem Land nennt. Ich fing an, auf die Straße zu gehen, es lief gut. Ich verdiente so viel, dass ich essen, leben und das Hotel zahlen konnte. Als ich anfing, mich als Frau anzuziehen, ließ man mich in ein Hotel rein. Obwohl sie wussten, dass ich ein Junge und minderjährig war. Aber wenn sie das Geld sahen und weil ich mit Größeren zusammen war, ließen sie mich rein. Die tägliche Routine: Aufstehen, duschen, anziehen, essen gehen und danach arbeiten gehen. So fing ich an. Ich litt sehr, weil ich oft festgenommen wurde, weil ich minderjährig war, weil ich noch ein Junge war. Immer wieder nahmen sie mich fest und ließen mich am nächsten Tag laufen. Ich wuchs heran und litt viel, musste vor der Polizei wegrennen. Manche Kunden behandelten mich schlecht, sie schliefen mit mir und bezahlten mich danach nicht. Die Polizei setzte mich sonst wo aus - sie vergewaltigten mich mehr oder minder und ließen mich dann irgendwo liegen, weil die Polizisten in unserem Land so sind. Ich gewöhnte mich daran und begann zu leben und mich auszukennen, bis ich so schlau war wie die, die größer waren als ich. Ich lernte zu leben. Mit 15 Jahren lernte ich eine andere Freundin kennen und sie sagte mir: "Mariquito, ich will dass du bei mir wohnst, in Los Teques." "Wo ist das?" "Dort. Ich habe eine Freundin und wenn sie dich sieht, wird sie erlauben, dass du auch dort wohnst. Damit du nicht länger auf der Straße wohnst und in Hotels. Das dort ist ein barrio, du wirst ein Zimmer haben, das barrio ist ruhig und es wird dir gut gehen." Das war das nächste Martyrium, weil es nicht so war, wie sie mir gesagt hatte. Dort gab es noch andere Transformistas, die schon viel älter waren. Sie brauchten Geld und legten sich mit mir an. Weil ich jung war und immer mit Geld nach Hause kam, nahmen sie es mir ab. Damit sie mir nichts antaten, gab ich ihnen das Geld.

Irgendwann wurde ich unabhängiger. Ich ging los, um allein ein Zim-mer anzumieten, um das barrio und...

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