Kirsten Achtelik: Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung

Artikelnummer: 978-3-95732-120-6

Kirsten Achtelik lotet in ihrem Buch das Spannungsfeld zwischen den emanzipatorischen und systemerhaltenden Potentialen des feministischen Konzepts 'Selbstbestimmung' in Bezug auf Abtreibung aus.

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Ist wirklich alles in Ordnung, wenn bei der pränatalen Untersuchung keine Auffälligkeiten gefunden werden? Und was wenn doch? Als Feministin für ein Recht auf Abtreibung einzutreten, bedeutet nicht zwangsläufig, die hier entstehende Entscheidungssituation als Selbstbestimmung wahrnehmen zu müssen.

Kirsten Achtelik lotet in ihrem Buch das Spannungsfeld zwischen den emanzipatorischen und systemerhaltenden Potentialen des feministischen Konzepts 'Selbstbestimmung' in Bezug auf Abtreibung aus. So mischt sie sich in die aktuellen feministischen Debatten um reproduktive Rechte ein, die mit den zunehmenden Aktivitäten und Demonstrationen von 'Lebensschützern' wieder aufgeflammt sind. Zugleich ist es ihr Anliegen, einer neuen Generation von Aktivistinnen und Aktivisten die Gemeinsamkeiten und Konflikten der Frauen- und Behindertenbewegung sowie die inhaltlichen Differenzen zwischen Frauen mit und ohne Behinderung verständlich zu machen.

Vor allem aber stellt sich Achtelik der dringend zu klärenden Frage, wie ein nicht selektives und nicht individualisiertes Konzept von Selbstbestimmung gedacht und umgesetzt werden kann.

Leseprobe


Autor*in / Hrsg.: Kirsten Achtelik
weitere Themen: Behinderung
Perspektiven: mit Behinderung
Körperthemen: Abtreibung
Familienthemen: Familie & Behinderung
Details: Umfang: 240 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 1.7 x 20 x 13.8 cm
Gewicht: 289 g
Erscheinungsdatum: 31.08.2015

~ LESEPROBE ~

Rezension auf kritisch-lesen.de:

Eine Auseinandersetzung mit den Debatten um reproduktive Rechte und dem Selbstbestimmungsbegriff in der Frauen- und Behindertenbewegung seit den 1970er Jahren.

Die Besetzung geschlechter- und bevölkerungspolitischer Themen durch konservative und rechte AkteurInnen ist kein neues Phänomen. Es ist jedoch eines, das in den letzten Jahren zunehmend an Sichtbarkeit und Bedeutung gewonnen hat. So bringen die sogenannten "Märsche für das Leben" regelmäßig in verschiedenen deutschen Städten mehrere tausend Menschen auf die Straße. Motiviert durch ein christlich-fundamentalistisches Weltbild demonstrieren sie gegen Verhütung, Schwangerschaftsabbrüche, Präimplantationsdiagnostik (PID) und Pränataldiagnostik (PND).

Diese Positionen sind auch durch Rassismus und Ableismus (Diskriminierung aufgrund körperlicher und geistiger Fähigkeiten/Behindertenfeindlichkeit) geprägt: Die gewünschte demografische Entwicklung bezieht sich nur auf weiße Deutsche; zu Behinderten wird ein instrumentelles, paternalistisches Verhältnis eingenommen, statt sie als eigenständige, politische Subjekte zu betrachten. Durch Antifeminismus machen extrem rechte und christlich-fundamentalistische AkteurInnen ihre politischen Positionen auch für bürgerliche Spektren anknüpfbar.

Wie dieser politischen Entwicklung aus einer linken, (queer-)feministischen Position zu begegnen ist, ist Thema des Buchs "Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung" von Kirsten Achtelik. Im Zentrum steht dabei die Verknüpfung von feministischen und antiableistischen Positionen in Bezug auf eine aktuelle und zentrale Fragestellung: Wie können reproduktive Rechte - etwa die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs - gestärkt werden und gleichzeitig die ableistische Praxis, die mit PID und PND verknüpft ist, politisch problematisiert werden?

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Rezension von Michael Zander in der Zeitung Junge Welt

Vorgeburtliche Untersuchungen sind in der Gynäkologie gang und gäbe: Werdende Mütter und Väter möchten wissen, ob mit dem künftigen Kind, auf dessen Geburt sie warten, »alles in Ordnung« ist. Und sie hoffen, dass Pränataldiagnostik (PND) ihre Erwartungen bestätigt. Aber was, wenn die Bestätigung ausbleibt? Wenn ihnen zum Beispiel mitgeteilt wird, es bestehe ein Risiko, dass das Kind das »Down-Syndrom« haben werde? Dann beginnt ein Prozess, an dessen Ende - zum Beispiel im Fall der Trisomie 21 - meist ein Schwangerschaftsabbruch steht. Was für die Betroffenen zunächst ein persönliches Problem ist, ruft politisch verschiedene Positionen auf den Plan: Viele Feministinnen sehen in der PND und dem Abbruch Mittel und Ausdruck der individuellen Selbstbestimmung von Frauen; die Behindertenbewegung hingegen kritisiert diesen Trend häufig als »eugenisch«; und christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner, die sich selber »Lebensschützer« nennen, bedienen sich des Themas, um für ein weitergehendes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen zu demonstrieren. Dieses komplizierte Konfliktfeld analysiert die Journalistin und Sozialwissenschaftlerin Kirsten Achtelik in ihrem Buch »Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung«, das 2015 im Berliner Verbrecher Verlag erschien.

Das zentrale Streitobjekt zwischen Frauen- und Behindertenbewegung war für lange Zeit die sogenannte embryopathische Indikation. Bis 1995 gestattete der Strafrechtsparagraph 218 einen Schwangerschaftsabbruch im Fall einer »drohenden« Behinderung des späteren Kindes. Man ist überrascht zu lesen, dass diese Regelung von den Nazis eingeführt, von den Alliierten abgeschafft und später in beiden deutschen Staaten wiederhergestellt wurde. Achtelik zeichnet die Kontroversen in den westdeutschen sozialen Bewegungen nach. Demzufolge hat der Feminismus der 1970er Jahre das Problem der Eugenik nicht wahrgenommen und sich auf die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218 konzentriert. Die damals prominente Gruppe »Brot und Rosen« hat die angeblichen Belastungen, die behinderte Kinder für Frauen nach sich ziehen, sogar als Argument für eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts genutzt. In Frage gestellt wurde diese Sichtweise, wie die Autorin herausarbeitet, erst durch die Behindertenbewegung der 1980er Jahre. Führend waren hier die feministischen »Krüppelfrauen«. Diese traten einerseits gegen das Abtreibungsverbot auf, kritisierten aber andererseits selektive Abbrüche und das Vorurteil, wonach Behinderung nicht wünschenswert und mit Leiden verbunden sei.

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Rezension von Claire Horst auf Aviva-Berlin:

Achtelik ist Journalistin und engagiert sich an der Schnittstelle von queerfeministischer und Behindertenbewegung. In ihrem ersten Buch problematisiert sie die Berufung auf Selbstbestimmung als Argument im Kampf um die Legalisierung der Abtreibung.

Denn, so die Autorin, wenn das Recht auf Selbstbestimmung uneingeschränkt eingefordert werde, laufe es Gefahr, gegen das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung ausgespielt zu werden. Selbstbestimmung darf nicht auf völlige Individualisierung hinauslaufen, schreibt sie, und nicht in selektive Praxen münden.

Wie sie zu dieser These und ihrer streitbaren Forderung gelangt, Pränataldiagnostik dürfe keine Kassenleistung mehr sein, stellt sie anhand eines historischen Abrisses der Frauenbewegung sowie der Behindertenbewegung in der BRD dar. Gemeinsame Ziele finden dabei ebenso Raum wie zentrale Konflikte: Frauen mit Behinderung beklagten schon zu Beginn der zweiten Frauenbewegung, nicht mitgedacht zu werden. Umgekehrt gab es auch in der "Krüppelbewegung" Proteste gegen den Sexismus männlicher Aktivisten.

Detailliert legt Achtelik die historische Entwicklung der bundesdeutschen Gesetzgebung zur Abtreibung dar und zeigt die Problematik der Indikationslösung auf. Historische Zusammenhänge wie die Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten lässt sie dabei ebenso wenig außen vor wie die Tatsache, dass in Deutschland aufgrund dieser Geschichte eine "eugenische Indikation" kein Abtreibungsgrund ist, anders als in den meisten anderen Ländern. Erst eine zu erwartende Belastung für die Frau gilt als akzeptierte Indikation, was zumindest in der Sprachregelung einen Unterschied bedeutet.

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