Lou-Salomé Heer: «Das wahre Geschlecht». Der populärwissenschaftliche Geschlechterdiskurs im SPIEGEL (1947-2010)

Artikelnummer: 978-3-0340-1100-6

Seit Mitte der 1990er Jahre machen Gene-Shopping, die Natur der Untreue, die Biologie der Partnersuche oder das Gen für Homosexualität in den deutschsprachigen Massenmedien vermehrt Schlagzeilen. Weshalb stehen biologistische Erklärungsansätze in Bezug auf «Geschlechterfragen»...

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Seit Mitte der 1990er Jahre machen Gene-Shopping, die Natur der Untreue, die Biologie der Partnersuche oder das Gen für Homosexualität in den deutschsprachigen Massenmedien vermehrt Schlagzeilen. Weshalb stehen biologistische Erklärungsansätze in Bezug auf «Geschlechterfragen» derart hoch im Kurs? Sind Begriffe wie «Backlash» oder «Rollback» angemessen, um die Popularität dieser Aussagemuster zu beschreiben, oder könnte die Berufung auf die Biologie mitunter auch als feministische Strategie verstanden werden? Welche Wissenschaften gelten als berufen zu sprechen, wenn es um Geschlecht und Sexualität geht? Und welche Entwicklungen und diskursiven Verknüpfungen ermöglichen die Rede von «Spermienwettbewerb», «kostspieligen Männchen» und «Bio-Emanzen»?

Diese Fragen untersucht die Autorin am Beispiel des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» seit dessen Gründung 1947. Sind bis in die 1970er Jahre noch die Frauen in der Krise, ist um die Jahrtausendwende der Mann das neue Mängelwesen und gesundheitsbewusste und kooperative Frauen fungieren als Vorbilder. Die Deutungshoheit über Geschlechterfragen kommt nicht mehr der Psychoanalyse zu, sondern es dominieren evolutionsbiologische Erklärungen. Der populärwissenschaftliche Geschlechterdiskurs erweist sich damit nicht nur als Verhandlungsfeld der Geschlechterverhältnisse. Er ist zugleich Teil der Aushandlungen darüber, was allgemein als wissenschaftliches Wissen und als Wahrheit gilt.

Autor*in / Hrsg.: Lou-Salomé Heer
Weitere Informationen: Populäre Literaturen und Medien 5 
Umfang: 160 S.
Format: 22,5 x 15,5 cm
Gewicht: 300 g
Erscheinungsdatum: 20.01.2012

Einleitung
- Weshalb der SPIEGEL?
- Gliederung oder: Rhizome machen
Verortung
- Populärwissenschaft
- Geschlecht
Diskurse I: Die Werkzeugkiste
Wer spricht?
- "Biologen triumphieren"
- "Der nüchterne Blick des Zoologen" oder: Ein Vorläufer
- Intellektuelle, neue Sexualwissenschaft und die "Säugetier-Sexualität überhaupt"
- Ein Zwischenfazit
Diskurse II: Netze, Verknotungen, Gewimmel
Krisenfelder
- Krise der Männlichkeit oder "Warum gibt es eigentlich Männer?"
- "Krise der Ehe" oder "Der Faktor Nachwuchs"
Diskurse III: Medien und Wissenschaft
Ökonomie des Sexes
- "Der Markt der Evolution": Ein Exkurs
- Von kostspieligen Männchen und wählerischen Weibchen
- Ressource statt/als Schicksal
Diskurse IV: Polyvalenz oder (k)ein Fazit
- "Bio-Emanzen" oder "Politik mit anderen Mitteln"
- Vorbildliche Leistungssubjekte
- Das Konsumsubjekt oder "SPIEGEL-Leserinnen wissen mehr"
Rezension von Heike Kahlert auf querelles-net:

Bio-Feminismus - die (Re-)Produktion populärwissenschaftlichen Geschlechterwissens in und durch Medien

Abstract: Die vorliegende Diskursanalyse des populärwissenschaftlichen Geschlechterwissens war zweifelsohne überfällig. Lou-Salomé Heer zeigt in ihrer empirischen Studie, die auf einer Lizenziatsarbeit an der Universität Zürich beruht, am Beispiel von Titelgeschichten und Titelbildern des SPIEGEL, dass der mediale Geschlechterdiskurs seit den 1990er Jahren durch die Soziobiologie geprägt wird. Die anregende explorative Untersuchung lenkt die Aufmerksamkeit auf die ambivalente Bedeutung der Medien bei der Produktion und Reproduktion (populär)wissenschaftlichen Geschlechterwissens und gibt Anstöße für vertiefende Studien. In methodischer Hinsicht bleibt die vorliegende Analyse jedoch leider unbefriedigend, was den Erkenntnisgewinn einschränkt.

Soziobiologie der Geschlechterdifferenz

Fragen von Geschlecht, Geschlechterverhalten und Geschlechterverhältnissen stehen nach wie vor auf der medialen Agenda. Insbesondere populäre Medien beziehen sich dabei, so scheint es, vor allem auf naturwissenschaftliches Wissen bezüglich vermeintlich geschlechterdifferenter Hirnhälften, geschlechterdifferenter Hormonkonstellationen und anderer, vorgeblich in der Evolution begründeter Geschlechterdifferenzen. Das medial verbreitete Geschlechterwissen erscheint biologisch dominiert und zugleich informiert durch sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zur sozialen Konstruktion von Geschlecht und durch Ansätze feministischer Kritiken an Naturwissenschaften und Technik.
Ausgehend von diesen Beobachtungen stellt Lou-Salomé Heer hinsichtlich des populärwissenschaftlichen Geschlechterwissens die These vom "Paradigmenwechsel von den Sozialwissenschaften zur Soziobiologie" (S. 15) auf, der sie am Beispiel eines deutschen Nachrichtenmagazins nachgeht. Heers Klärungen zum inflationär gebrauchten Begriff der Populärwissenschaft sind ausgesprochen hilfreich und anregend, wird damit doch deutlich, wie unscharf Versuche der Grenzziehung zwischen Wissenschaft, zumeist verstanden als Naturwissenschaft, und Populärwissenschaft sind. Auch die theoretische Verortung in Butlers Idee der performativen Hervorbringung von Geschlecht ist zielführend. Leider bleibt aber der in der Studie häufiger verwendete Begriff des Geschlechterwissens unreflektiert.

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