Michèle Bernstein: Alle Pferde des Königs

Artikelnummer: 978-3-89401-811-5

Gilles und Geneviève sind ein Paar und lieben beide Carole, die vor allem Gilles liebt, während Geneviève sich mit Bernard tröstet.

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Gilles und Geneviève sind ein Paar und lieben beide Carole, die vor allem Gilles liebt, während Geneviève sich mit Bernard tröstet.

Inspiriert vom pseudo-skandalösen Erfolg von Roger Vadims Verfilmung der 'Liaisons dangereuses' von Choder los de Laclos sowie vom Bestseller 'Bonjour Tristesse' der jungen Françoise Sagan, persifliert Michèle Bernstein in ihrem Debütroman von 1960 sowohl de Laclos als auch Sagan.

Das war auf mehreren Ebenen ein Erfolg: als Geldquelle für die radikalste, aber mittellose Avantgarde ihrer Zeit, die Situationisten. In der literarischen Welt provozierte die 28-jährige selbstbewusste Autorin einen Skandal - ihr eigentlich als Witz gemeinter Roman zielte gegen die zeitgenössische französische Literatur und den psychologischen Roman, den die Situationisten verachteten.

Und schließlich gibt der Roman auch einen spielerischen Einblick in das Privatleben der Pariser Situationisten. Denn Geneviève ist ein nur flüchtig kaschiertes Alter Ego von Michèle Bernstein selbst, und ihr Mann Gilles ist unschwer als Guy Debord zu erkennen.

'Alle Pferde des Königs' ist ein flirrendes, höchst unterhaltsames und enthüllendes Dokument der Pariser Außenseiter der 50er Jahre.


Autor*in / Hrsg.: Michèle Bernstein
Belletristik: zeitgenössischer Roman
Land im Fokus: Frankreich
Weitere Informationen: Originaltitel: Tous les chevaux du roi
Übersetzt von: Dino Beck, Anatol Vitouch
Umfang: 125 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 1.4 x 21.4 x 13.3 cm
Gewicht: 255 g
Erscheinungsdatum: 25.02.2015

'Liebst du sie?', fragte ich Gilles. Ich bekam dieselbe positive Antwort. Das war normal. Denn wenn Gilles nicht mehr dieselben Mädchen geliebt hätte wie ich, dann wäre ja etwas Trennendes zwischen uns entstanden.

Es war elf Uhr. Gilles war noch da. Er fragte, ob noch viele Leute bei Ole seien.

'Aber nein', sagte ich zu ihm, 'ich war bei einem Liebhaber.'

'Ein anständiger, wenigstens?', erkundigte er sich. Gilles achtete wirklich ziemlich genau auf meinen Umgang.

'Sehr anständig, mein Lieber. Ein Poet. Lebt bei seinen alten Eltern, mit ein paar Schwestern und Brüdern. Und er hält sich für ein Enfant terrible oder Besseres, da er die Absicht hat, Werke zu schaffen, die von der Erdoberfläche widerhallen, nachdem er von ihr verschwunden sein wird. Er ist sehr schön.'

'Und du wurdest erobert!', rief Gilles. 'Du schreckst vor keiner Banalität zurück.'

'Ich liebe dich', sagte ich zu ihm. 'Ich liebe nur dich.'

Auch er lachte. Er wollte wissen, ob die Trennung elegant vonstatten gegangen sei. Nein, ein so charmanter Junge, so diskret, so sensibel, ich hatte überhaupt nicht mit ihm Schluss gemacht. Das wäre zu schade gewesen. Ich musste ihn bald wiedersehen und ihn bei Gelegenheit Gilles vorstellen.

'Und überhaupt', fügte ich hinzu, 'da er ein Poet ist, wird er sich nur um dich kümmern, und die Geschichte wird vorbei sein.'

Rezension von Teresa Lunz auf AVIVA-Berlin:

Ist Liebe ohne Treue einfacher als die klassische monogame Paarbeziehung? Die 24jährige Geneviève ist davon überzeugt. Sie genießt die Unverbindlichkeiten in ihrem Leben - vor allem mit Gilles. Bis zu dem zu dritt mit Carole verbrachten Sommer, der ihre Überzeugungen ins Wanken bringt.

Gilles und Geneviève, ein junges Paar in Paris um 1950. Beide sind gebildet, künstlerisch begabt, jedoch zu träge, um ihr Talent zu nutzen, treiben zwischen flüchtigen Affären, Partys und Spontanreisen in den warmen Süden dahin, und leben vom Geld der Familie. Die gemeinsame Clique besteht aus Möchtegern-Künstler_innen: Hauptsache, es lässt sich in weinseliger Gesellschaft mit Ambitionen prahlen, ob nun im Gitarrenspiel oder im Verfassen melancholischer Gedichte. Eifersucht ist - zumindest nach Außen hin - kein Thema, Seitensprünge werden stillschweigend toleriert, auch Kritik wird nicht geübt und als Geneviève "versehentlich" eine gereizte Nachfrage herausrutscht, schämt sie sich dieses kindischen Fauxpas´.

"Ich hatte Gilles nicht daran gewöhnt, solche Launen von mir zu erwarten. Die weibliche Schwäche hatte ich immer den anderen überlassen. Ich bemühte mich, wieder in meine geordnete Welt zurückzufinden, in der ich niemals ungemütlich wurde, es sei denn aus gutem Grund und ohne es wirklich ernst zu meinen. Gilles gegenüber nie."

Michèle Bernstein, Mitbegründerin des Situationismus, bietet den Leser_innen genüsslich auf die Spitze getriebene Negierung irgendeiner Form von Besitzanspruch auf den oder die Partner_in: Geneviève gibt vor, Gilles' neue, knapp 18jährige Eroberung Carole ebenfalls zu lieben, um an dem unbefangenen Zusammensein der beiden teilzuhaben.

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