Mira Kaszta, Simon Reutlinger: Intergeschlechtlichkeit. Eine qualitative Fallstudie zur psychosexuellen Entwicklung

Artikelnummer: 978-3-95558-282-1

Intersexuell, transsexuell, queer, hetero- oder homonormativ - Intergeschlechtlichkeit ist etwas anderes als eine sexuelle Orientierung! Was bedeutet es, ohne eindeutiges körperliches Geschlecht aufzuwachsen?

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Intersexuell, transsexuell, queer, hetero- oder homonormativ - Intergeschlechtlichkeit ist etwas anderes als eine sexuelle Orientierung! Was bedeutet es, ohne eindeutiges körperliches Geschlecht aufzuwachsen?
Mira Kaszta und Simon Reutlinger sind dieser Frage nachgegangen. In fünf narrativen Interviews stellen sie intergeschlechtliche Menschen vor und fassen die Erzählungen ihrer Intergeschlechtlichkeit zu dynamischen Lebensgeschichten zusammen.
Den theoretischen Hintergrund der psycho­logisch-psychoanalytischen Studie bilden Laplanches Allgemeine Verführungstheorie sowie die Beschreibung der adoleszenten Entwicklung von Laufer und Laufer.
Die Interviewpartner*innen kommen selbst zu Wort und berichten von ihrem oft mühevollen Weg, sich im Leben in und mit einem Körper zurechtzufinden, für den die soziale Öffentlichkeit, aber auch die Medizin und das Justizsystem erschütternd wenig Verständnis haben.

Autor*in / Hrsg.: Mira Kaszta Simon Reutlinger
Wissenschaft: Sexualwissenschaft
Details: Einbandart: kartoniert
Umfang: 152 S.
Format (T/L/B): 1 x 23.5 x 15.5 cm
Gewicht: 268 g
Erscheinungsdatum: 03.02.2020
Einleitung
1. Intergeschlechtlichkeit
1.1 Angemessene Definition
1.2 Körpergeschlechtsentwicklung und deren intergeschlechtlicher Verlauf
1.3 Medizinischer Diskurs zu Intergeschlechtlichkeit
1.4 Intergeschlechtliche Formen unserer Interviewpartner*innen
1.5 Die aktuellen Entwicklungen der Rechtslage zu Intergeschlechtlichkeit. Exkurs von Luisa Lettrari
2. Psychosexualität und Geschlechtsidentität
2.1 Theoretische Dimensionen von Geschlecht
2.2 Die psychosexuelle Entwicklung
3. Die Studie 3.1 Die Datenerhebung
3.2 Transkription
3.3 Qualitatives Arbeiten
3.4 Methodik und Auswertung der Interviews
4. Fallzusammenfassungen
5. Zusammenfassende Überlegungen
Einleitung

Unsere Beschäftigung mit Intergeschlechtlichkeit begann im Jahr 2012. Damals haben wir gemeinsam mit Johanna Augart und Tom Uhlig im Rahmen unseres Masterstudiums eine Projektarbeit in dem Seminar »Erzählanalysen« bei Prof. Dr. T. Habermas verfasst. Als Überthematik war das Thema Identitätsentwicklung vorgegeben. Den konkreten thematischen Anlass zu der Arbeit gab die vom autonomen Schwulenreferat des Frankfurter AStA organisierte Aktionswoche 'Intersexualität' im Wintersemester 2012/13. Schnell haben wir festgestellt, dass wir alle, weder im akademischen, noch im privaten Rahmen, jemals mit dem Thema Intergeschlechtlichkeit in Berührung gekommen waren. Damals standen wir unwissend vor der Frage: Was ist eigentlich Intergeschlechtlichkeit? Da wir feststellten, dass es kaum Literatur zu diesem Thema innerhalb und außerhalb der Psychologie gibt, wurden wir neugierig. Mit der damaligen Arbeit versuchten wir ansatzweise Ideen dafür zu gewinnen, wie die Leerstellen im psychologischen und soziologischen Diskurs über Intergeschlechtlichkeit geschlossen werden könnten. Wir wollten dem Selbstverständnis intergeschlechtlicher Menschen näher kommen, indem wir uns mit ihren Lebensgeschichten befassten, mit der damaligen Forschungsfrage: Wie gestaltet sich die Identitätsentwicklung bei intersexuellen Menschen? Wir führten dazu zwei narrative Interviews mit intergeschlechtlichen Menschen, mit derselben Einstiegsfrage wie in dieser Forschungsarbeit: Wie sind Sie zu dem Mensch geworden der Sie heute sind? Der halbstrukturierte Nachfrageteil war jedoch recht unspezifisch. Diesen haben wir in der vorliegenden Studie deutlich überarbeitet. Ausgewertet wurden die Interviews hermeneutisch durch methodische Rekonstruktion der Narrativen Identität. Mit dieser allgemein gehaltenen Vorstudie zu dieser Forschungsarbeit haben wir erste Einblicke in die Lebens- und Entwicklungsgeschichten intergeschlechtlicher Menschen bekommen. Sie war unstrukturiert und allgemein, unsere Beschäftigung oberflächlich. Da diese Untersuchung mehr Fragen aufwarf als klärte, haben wir diese Forschungsarbeit geschrieben. Wir haben diese zweite Studie im Jahr 2014 zu konzipieren begonnen, und sechs Interviews im Zeitraum zwischen den Jahren 2014 bis 2015 erhoben. Das war vor der Einführung von Neuerungen im Recht und somit im Diskurs. 2019 wurde die Forschungsarbeit von uns aktualisiert und überarbeitet. Wir haben viel über diese erfreulichen Veränderungen diskutiert und hatten das Gefühl, dass unsere Forschung von den gesellschaftlichen Ereignissen überholt wird. Wir sind jedoch zu der Überzeugung gekommen, dass wir in den dynamischen Lebensgeschichten die Erlebenswelt unserer Interviewpartner*innen wiedergeben und diese sich nicht retrospektiv durch diese Umwälzungen verändern. Wir können uns glücklich schätzen Richterin Luisa Lettrari, M. mel., LL. M. oec. kennen gelernt zu haben, deren Masterarbeit Grundlage des Beschlusses des Bundesverfassungsgerichts zum Dritten Geschlecht ist, und sie sich bereiterklärt hat, für dieses Buch einen Exkurs zur rechtlichen Situation intergeschlechtlicher Menschen beizutragen. Ursprünglich haben wir sechs Fallgeschichten erhoben und ausgewertet. Alle sind in der Masterarbeit enthalten. Bedauerlich ist, dass dieses Buch nur fünf Falldarstellungen enthält; kurz vor Abgabe des Buchs hat eine Interviewpartner*in aus persönlichen Gründen ihr* Einverständnis für die Publikation zurückgezogen. In dem langjährigen Prozess des Entstehens dieser Forschungsarbeit haben wir gelernt unsere Interpretationen zu teilen, zu diskutieren und zu kritisieren, nicht nur in der Welt der Psychologie und Psychoanalyse sondern auch im Austausch mit anderen Disziplinen. Unsere Interpretationsgruppe war heterogen. Wir haben mit befreundeten Künstler*innen, Soziolog*innen und Sozialarbeiter*innen kritisch diskutiert, unsere Positionen sowie die Interpretationen hinterfragt. Aus diesen bereichernden Auseinandersetzungen sind viele neue Gedanken und Ideen entstanden. Anton Engel hat in dieser Zusammenarbeit eine besondere Rolle. Zu Beginn waren es erst nur Zeichnungen zu unseren Diskussionen und während eines Vortrags in Göttingen. Es stand ursprünglich die Intention dahinter vorsprachliche Gedanken zu visualisieren und Situationen festzuhalten. Über die Jahre etablierten sich feste Treffen, bei denen der aktuelle Stand diskutiert wurde und Anton Engel so unser Arbeiten von Beginn an begleitet hat. Wir sind uns darüber bewusst, dass es durchaus ungewöhnlich ist, dass Illustrationen in diesem Buch auftauchen. Jedoch halten wir es für essenziell, die Leser*innen an dieser Kooperation teilhaben zu lassen. Für uns ist dieser zeichnerische Blick immer wieder eine Möglichkeit gewesen, anders auf unseren Text und unsere Gedanken zu blicken. Jedoch begreifen wir Anton Engels Zeichnungen als eigenständige Arbeit: ein kritischer, zuweilen selbstironischer Blick auf unser Arbeiten. Es sind rund einhundert Zeichnungen entstanden, wir zeigen in diesem Buch nur eine Auswahl. Diese Studie versucht, die Verortung der Expert*innen ihrer Selbst in der Welt zu Tage zu fördern. Das Ergebnis ist in dieser Arbeit zu sehen, jedoch ist es auch begrenzt. Vieles von dem Erfahrenen ist ein Status Quo, ein Blitzlicht der Bewertung der eigenen Lebens- und Entwicklungsgeschichte. Ein eineinhalbstündiges Interview ist keine intensive und lange Auseinandersetzung wie eine Psychoanalyse. Jedoch hat sich die aufwendige Auswertung bewährt und ein tieferes Verstehen ermöglicht. Begonnen bei den Prä- und Postscripts, in welchen wir die Gedanken und Gefühle vor und nach der Interviewsituation festgehalten haben, dann das Wort-für-Wort Niederschreiben der Interviews, die Erstellung eines Inhaltsverzeichnisses, um einen Überblick über die Interviews zu bekommen, gefolgt von der langwierigen hermeneutischen Analyse der Interviews. Jedes Wort, die Betonung, das Übertragungsgeschehen und der Sinn wurden analysiert und mit Bedeutung aufgeladen. Aus dieser schier endlosen Menge an Daten haben wir die Fallgeschichten reduziert und im Resonanzraum unserer Erfahrungen und Theoriebildung interpretiert. In den Fallgeschichten bleibt vieles verdeckt und ungesagt und spielt trotzdem eine Rolle. Wir wollen damit unsere Lesart verdeutlichen, denn wir haben uns selbst und unser Verständnis in die Interpretationen eingebracht. Es hat sich als kompliziert aber vorteilhaft heraus gestellt, diese Arbeit als Paar zu verfassen. Das lag zum einen an einer steten angeregten Diskussion über das Thema, zum anderen aber vor allem an den unterschiedlichen Geschlechterpositionen. Das Verstehen steht in dieser Arbeit immer auch in Verbindung zu eigenen Gefühlen und Erfahrungen. Wir selbst wurden Teil der Auswertung der Lebensgeschichten unserer Interviewpartner*innen. Der wichtigste Aspekt dieser Arbeit ist für uns der Einblick, den uns unsere Interviewpartner*innen gegeben haben. Wir sind sensibler und aufmerksamer geworden und hoffen davon etwas weitergeben zu können.

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