Roswitha Dubach: Verhütungspolitik. Sterilisationen im Spannungsfeld von Psychiatrie, Gesellschaft und individuellen Interessen in Zürich (1890-1970)

Artikelnummer: 978-3-0340-1134-1

Die psychiatrische Universitätsklinik Zürich ist als europäische Vorreiterin eugenisch motivierter Zwangssterilisationen bekannt. Bei der zürcherischen Sterilisationspraxis war bisher jedoch die Rolle der ambulanten Psychiatrie unklar...

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Die psychiatrische Universitätsklinik Zürich ist als europäische Vorreiterin eugenisch motivierter Zwangssterilisationen bekannt. Bei der zürcherischen Sterilisationspraxis war bisher jedoch die Rolle der ambulanten Psychiatrie unklar. Die vorliegende Studie füllt diese Forschungslücke und untersucht auch Sterilisationsakten der psychiatrischen Poliklinik. Unter Einbezug dieser Akten kommt die Studie zum Schluss, dass ab der Zwischenkriegszeit in erster Linie die lokale Abtreibungspolitik nicht eugenische Überlegungen die breite zürcherische Sterilisationspraxis steuerte.

Auf der Grundlage von Krankenakten zeichnet die Studie ein differenziertes Bild der zürcherischen Sterilisationspraxis vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1970. Sie beschreibt Handlungsmuster und fragt im Besonderen nach der Bedeutung von Eugenik, Zwang und Geschlecht sowie nach Handlungsmöglichkeiten von am Sterilisationsprozess beteiligten Personen und Institutionen. Als weiteren Schwerpunkt beleuchtet sie den Zusammenhang zwischen Abtreibungen und Sterilisationen. Dieser kristallisierte sich als besonders bedeutsam heraus.

Die Studie sieht einen starken Wandel der zürcherischen Sterilisationspraxis in den 80 betrachteten Jahren: In den Anfängen veranlassten Psychiatrie und Politik Zwangssterilisationen aus eugenischen und sozialen Gründen, lehnten aber von Behandlungswilligen selbst geforderte Verhütungssterilisationen ab. In den 20er- und 30er-Jahren nahmen die Sterilisationen exponentiell zu und dienten hauptsächlich der Tolerierung politisch umstrittener sozialmedizinisch motivierter Abtreibungen. Am Ende des Untersuchungszeitraums erfolgen die meisten Sterilisationen selbst initiiert und aus familienplanerischen Gründen. Gewisse Kontinuitäten zeigen sich beim Geschlechterverhältnis und bei eugenischen Überlegungen.


Autor*in / Hrsg.: Roswitha Dubach
Körperthemen: Abtreibung
Weitere Informationen: Umfang: 352 S.
Einband: Kartoniert
Format: 22,5 x 15,5 cm
Gewicht: 570 g
Erscheinungsdatum: 19.03.2013

1. Einleitung
1.1 Die Fortpflanzung als Problem
1.2 Die Sterilisation
1.3 Forschungsstand, Fragestellungen, Thesen
1.3.1 Forschungsstand
1.3.2 Fragestellungen und Thesen
1.4 Theoretisch-methodologische Überlegungen zu Praxis und Zwang
1.5 Quellen
1.6 Aufbau der Arbeit

I. Teil
1890 bis Anfang der 1920er-Jahre: Ausdifferenzierung der Sterilisationsindikationen und Aufstieg der eugenischen Indikation


2. Kontexte und Rahmenbedingungen der Sterilisationspraxis in Zürich bis Anfang der 1920er-Jahre
2.1 Die Anfänge eugenisch motivierter Sterilisationen in der Schweiz ? August Forel als ihr Wegbereiter
2.1.1 Der Kastrationsfall des «hysterischen vierzehnjährigen Mädchens» und seine Datierung
2.1.2 Von der Kastration zu «sozialen Zwecken» zur «sozialen Sterilisation»
2.1.3 Retrospektive Fokussierung auf Eugenik
2.2. Verschiedene und gemischte Zwecksetzungen der Sterilisation und ihre Kontexte
2.2.1 Die verschiedenen Bedeutungen der «sozialen Sterilisation» und die Etablierung der Eugenik als Leitmotiv ? Vorwiegend eugenische Zwecksetzung ? Soziale Zwecksetzung ? Folgerungen
2.2.2 Geburtenkontrolle und Bevölkerungspolitik am Anfang des 20. Jahrhunderts ? Verhütungsmittel ? Abtreibung ? Sterilisation
2.2.3 Eugenik um 1900 ? und ihre Reformierung in den 1920er-Jahren ? Historischer Überblick
2.3 Von der Forderung nach rechtlicher Regelung der «Sterilisation Geisteskranker» zur administrativen Lösung
2.3.1 Der Wille zur gesetzlichen Regelung
2.3.2 Die Suche einer (vorläufigen) Lösung auf administrativem Weg
2.3.3 Die administrative Lösung als Königsweg ? 1925: Maiers «Referenzvotum» gegen eine gesetzliche Regelung

3. Der Entscheidungsprozess: «Aushandlung» zwischen Macht, Wissen, politischen, rechtlichen, soziokulturellen und situativen Rationalitäten
3.1 Die psychiatrischen Krankenakten: Quellenkritik und Stichprobe
3.1.1 Krankenakten des Burghölzlis
3.1.2 Krankenakten der psychiatrischen Poliklinik
3.1.3 Vergleichende und inhaltliche Quellenkritik 100 ? Krankenakten als heterogene, vielstimmige und widersprüchliche Dokumente ? Krankenakten und Machtaspekte
3.1.4 Stichprobe aus den Krankenakten des Burghölzlis
3.1.5 Stichprobe aus den Krankenakten der psychiatrischen Poliklinik
3.2 Zu den Institutionen und ihren Vertretern
3.2.1 Das Burghölzli: Entstehung, Funktion und Ausrichtung ? Die «Zürcher Schule» der Psychiatrie
3.2.2 Psychiatrische Poliklinik Zürich: Entstehung, Funktion und Vertreter
3.3 Rollen- und Situationsanalyse der AkteurInnen

4. Sterilisationspraxis des Burghölzlis bis Anfang der 1920er-Jahre
4.1 Sterilisationspraxis in der Schweiz
4.2 Sterilisationspraxis des Burghölzlis
4.2.1 Quantitative Aspekte
4.2.2 Sterilisationsmotive ? Fallgeschichten und eugenische Diskursmuster
4.3 Sterilisationsdiskurs und Sterilisationspraxis des Burghölzlis bis Anfang der 1920er-Jahre: Schlussdiskussion

II. Teil
1920er-Jahre bis 1941: Ausweitung und «Sozialisierung» der Sterilisationspraxis

5. Kontexte und Rahmenbedingungen der Sterilisationspraxis in Zürich bis 1941 ? ein biopolitisches Prophylaxedispositiv zwischen quantitativer und qualitativer Bevölkerungspolitik

5.1 Die Sterilisation als Teil der Problemlösungsstrategie der Abtreibungsfrage
5.1.1 Erweiterung der Abtreibungsindikation als Prophylaxe gegen «kriminellen Abort» beziehungsweise als sozialpolitische und eugenische Prophylaxe ? Forderungen nach liberalerer Abtreibungsregelung ? Erfolglose Bestrebungen einer gesetzlichen Regelung liberalerer Abtreibungsnormen in Zürich
5.1.2 Obrigkeitliche Kontrolle: Institutionelle Begutachtungsregelung und Kopplung von Abtreibung und Sterilisation ? Folgerungen für die Begutachtungspraxis der psychiatrischen Poliklinik ? Genese und Nutzen eines Junktims zwischen Abtreibung und Sterilisation
5.2 Abtreibung und Sterilisation im Zusammenhang mit Schwangerenfürsorge und Geburtenkontrolle: Teile eines biopolitischen Prophylaxedispositivs
5.2.1 Ausbau der Schwangerenfürsorge
5.2.2 Forderungen nach «sinngemässer» Geburtenkontrolle
5.3 (Eugenischer) Sterilisationsdiskurs und Handlungsrahmen von Sterilisationen ohne Abtreibungszusammenhang

6. Sterilisationspraxis der psychiatrischen Poliklinik Zürich bis 1941
6.1 Allgemeines und Zahlenüberblick
6.1.1 Konsultationsgründe und Entscheide
6.1.2 Positive Abtreibungsentscheide ? in Bezug zu Kopplung und zum Zivilstand
6.2 Sterilisationsmotive und Handlungsmuster
6.2.1 Verheiratete Frauen: Kopplungsfälle
6.2.2 Verheiratete Frauen: Ablehnung von Abtreibungen und Zustimmung zu reinen Sterilisationen
6.2.3 Ledige Frauen: Reine Abtreibungsentscheide
6.2.4 Ledige Frauen: Kopplungsfälle und Forderung von Sterilisationen
6.2.5 Sterilisationsmotive, Handlungsmuster und Sterilisationszahlen der psychiatrischen Poliklinik: Ein Fazit
6.3 (Be-)Deutung von Zwang in der Sterilisationspraxis
6.3.1 «Politik des Junktims» als Zwang?
6.3.2 Andere systemische Zwangsmomente und individuelle Druckmittel als Zwang?

7. Sterilisationspraxis bei PatientInnen des Burghölzlis bis 1941 ? im Vergleich zur poliklinischen Praxis und mit Folgerungen für die Geschlechterfrage
7.1 Sterilisationsmotive und Handlungsmuster
7.1.1 Sterilisationsfrage bei Männern
7.2 Folgerungen für die Geschlechterfrage bei psychiatrisch beglaubigten Sterilisationen in Zürich bis 1941 220

III. Teil
1942 bis Ende 1960er-Jahre: Individualisierung der Sterilisationspraxis

8. Kontexte und Rahmenbedingungen der Sterilisationspraxis in Zürich ab 1942

8.1 1940er-Jahre: Der Kampf um die liberale Abtreibungspraxis und die Implikationen für die Sterilisationspraxis
8.1.1 1942: Neuer Abtreibungsartikel und neue Akteure: Einengung der staatlichen psychiatrischen Abtreibungspraxis ? Neue Akteure
8.1.2 Der Kampf der frei praktizierenden Ärzteschaft für die Beibehaltung einer liberalen Abtreibungspraxis ? Zweiter Anlauf ? mit Erfolg
8.1.3 Kritik am Junktim von Abtreibung und Sterilisation und die neuen alten Richtlinien zur Sterilisation ? Vorläufige Kontinuität in der Sterilisationspolitik
8.2 Individualisierung der Sterilisationspraxis ab den 1950er-Jahren
8.2.1 Geplante Elternschaft und Sterilisation des Mannes ? neue Diskursmuster und die Anerkennung der konventionellen Sterilisationsindikation ? Sterilisation des Mannes ? Kritik an den Einschränkungen bei der konventionellen Sterilisationsindikation ? Exkurs: Aktuelle Sterilisationsregelung in der Schweiz

8.2.2 Übergang zum Selbstmanagement der ? Selbstmanagement der Verhütung als reproduktive Selbstbestimmung?

9. Sterilisationspraxis der psychiatrischen Poliklinik Zürich ab 1942
9.1 Allgemeines und Zahlenüberblick
9.1.1 Konsultationsgründe und Entscheide
9.2 Sterilisationsmotive und Handlungsmuster
9.2.1 Verheiratete Frauen und Männer: Kopplungsfälle und reine Abtreibungsentscheide ? Reine Abtreibungsentscheide
9.2.2 Verheiratete Frauen und Männer: Ablehnung der Abtreibung und reine Sterilisationsentscheide ? Reine Sterilisationsentscheide
9.2.3 Ledige Frauen: Reine Abtreibungsentscheide
9.2.4 Ledige Frauen und Männer: Kopplungsfälle und reine Sterilisationsgesuche und -entscheide
9.2.5 Sterilisationsmotive und Handlungsmuster der psychiatrischen Poliklinik: Ein Fazit

10. Sterilisationspraxis bei Patientinnen und Patienten des Burghölzlis ab 1942
10.1 Sterilisationsmotive und Handlungsmuster
10.1.1 Abgewendete Sterilisationen
10.2 Folgerungen zu Zwang, Geschlecht und Eugenik ab 1942 bis Ende der 1960er-Jahre
10.2.1 Zwang
10.2.2 Geschlecht
10.2.3 Eugenik

11. Schlusswort

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