Shawn Vestal: Loretta

Artikelnummer: 978-3-0369-5745-6

Die Geschichte von der hinreißenden Loretta, ihren drei Verehrern, ihren strengen Mormoneneltern und ihrer Flucht aus den engen Fesseln packt einen von der ersten Seite an: der unvergessliche Aufbruch einer kühnen jungen Frau im Amerika der 70er-Jahre

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Die Geschichte von der hinreißenden Loretta, ihren drei Verehrern, ihren strengen Mormoneneltern und ihrer Flucht aus den engen Fesseln packt einen von der ersten Seite an: der unvergessliche Aufbruch einer kühnen jungen Frau im Amerika der 70er-Jahre

Sobald es dunkel ist, schleicht sich die 15-jährige Loretta heimlich aus ihrem Zimmer, um ihren Freund zu treffen. Eines Nachts wird sie jedoch von ihren Eltern, strengen Mormonen, erwischt und zur Strafe mit einem fundamentalistischen Gemeindemitglied, der bereits eine Frau und mehrere Kinder hat, verheiratet. Um Loretta nahe zu sein, lässt sich ihr Freund auf dem Hof ihres neuen Ehemanns anstellen. Doch schon bald muss er sich mit weiteren Verehrern der hübschen Loretta messen und merkt zu spät, dass seine grosse Liebe plant, mit einem anderen Mann durchzubrennen.

Autor*in / Hrsg.: Shawn Vestal
Belletristik: zeitgenössischer Roman
Details: Originaltitel: Daredevils
Übersetzt von: Verena Kilchling
Umfang: 400 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 2.7 x 19.2 x 12.6 cm
Gewicht: 416 g
Erscheinungsdatum: 24.01.2017

6. Juli 1974

SHORT CREEK, ARIZONA

Loretta schiebt das Fenster ihres Zimmers auf und wartet, lauscht ins Haus hinein. Sie drückt das Insektenschutzgitter aus seiner Halterung und zieht es langsam nach drinnen. Die Sommernacht ist blau und schwarz, voll mit drallen, stachligen Sternen und dem blumigen Duft von Luzernen und bewässerten Feldern. Sie schwingt ein Bein nach draußen, dann das andere, und sitzt auf dem Fensterbrett. Ein kurzes, gedämpftes Knarren ertönt, und sie vermag nicht zu sagen, ob es aus dem Haus oder der Nacht oder ihrem aufgewühlten Kopf kommt. Sie verbringt inzwischen jeden Tag damit, an die Nacht zu denken, und dieser Moment ist immer gleich - der beglückende Übergang von hier nach dort. In die kurze, flüchtige Zukunft. Zu Bradshaw.

Sie lässt sich auf den Boden plumpsen und macht sich auf den Weg über den Rasen, wobei sie gebeugt geht, als versuche sie, unterhalb eines suchend umherschweifenden Lichtstrahls zu bleiben. Sie trägt Jeans, das einzige Paar, das ihr Vater ihr für die Hausarbeit gestattet, und dazu Clogs. Ihre Heidenkleidung. Die Berge, die tagsüber rot sind, heben sich schwarz und zerklüftet vom satten Tintenblau der Nacht ab. Ihr Zuhause ist dort draußen am Rand, am Rand der Gemeinde Short Creek, genauso, wie Loretta und ihre Familie am Rand stehen - halbe Außenseiter, noch nicht ganz angekommen in den Armen des Propheten. Das macht es leichter, sich davonzuschleichen, ohne von den Männern des Propheten erspäht zu werden. Das Gotteskommando nennt Bradshaw sie. Wenn Loretta Autoscheinwerfer sieht, kauert sie sich ins hohe Gras im Straßengraben, bis sie vorbeigefahren sind, aber heute kommt kein Auto. Sie geht fünfhundert Meter den Graben entlang, spürt die kühlen Grashalme an ihren Knöcheln. Dann mündet die unbefestigte Piste in eine Landstraße, und sie sieht Bradshaws Chevy Nova am breiten Straßenrand stehen, mit hell schimmernden Kotflügeln und Standlichtern, die orange leuchten wie die glühenden Augen eines Tiers, das sich auf der Erde zusammengerollt hat.

Als sie zum Auto kommt, geht wie von selbst die Beifahrertür auf, und dort sitzt er, im grellen Schein der Innenbeleuchtung: Bradshaw, ein schiefes Lächeln auf seinem harten, glücklichen Gesicht. Da ist es wieder, dieses Gefühl, dass sie nicht weiß, ob sie ihn liebt oder auch nur mag, weil sie sich manchmal nach einem flüchtigen Blick auf ihn verzehrt und andere Male nicht schnell genug von ihm wegkommen kann - Bradshaw, die Handgelenke lässig übers Lenkrad gelegt, wie ein König. Fest steht, dass sie seiner Anziehungskraft nicht widerstehen kann. Sie stürzt mit unkontrollierbarer Geschwindigkeit auf ihn zu.

'Da ist sie ja', sagt er, als sie einsteigt. 'Heiliges Kanonenrohr, Lori, du siehst umwerfend aus.'

Er beugt sich herüber und drückt seine spröden Lippen auf ihren Mund. Er schmeckt nach Bier, ein säuerlicher Hefegeschmack. Nachdem er sich von ihr gelöst hat, betrachtet er sie prüfend, aus gespenstischen Augen, die irgendwie zu glühen scheinen, den Kopf schräg gelegt, eine gelockte Kotelette vom grünen Schimmer des Armaturenbretts erhellt.

'Hast du mich vermisst, süße Lori ?'

'Ich habe dich vermisst.'

'Hast du viel an mich gedacht ?'

'Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht.'

Sie findet es toll, dass er sie so sehr zu lieben scheint. Er küsst sie wieder, umfasst mit der Hand ihren Hinterkopf. Sie legt ihre Hand auf seinen Rücken, spürt die Wölbungen seiner Muskeln. Manchmal hat sie das Gefühl, er wolle sein Gesicht durch ihres hindurchschieben. Um sie zu verschlingen. Sie sehnt sich die ganze Zeit danach - nach dieser Sünde -, aber wenn es dann so weit ist, genießt sie es nicht, weil Bradshaw sich vergisst. Er spreizt eine Hand über ihren Brustkorb, der Daumen nur wenige Zentimeter von ihrer Brust entfernt, dann rückt er noch näher.

Sie lösen sich voneinander, und Bradshaw atmet schwer, als hätte er einen Sprint hingelegt.

'Hast du noch mal darüber nachgedacht ?', fragt er.

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