Suzana Tratnik: Farbfernsehen und sterben

Artikelnummer: 978-3-9502922-3-7

Darf man im Trauerfall in Farbe fernsehen? Kann aus Marina plötzlich Johann werden? Und woher kommen all die Cousins, wo doch weder Vater noch Mutter Geschwister haben? Diese und noch viele weitere Fragen beschäftigen die jungen Protagonist_innen der dreizehn Erzählungen in diesem Band, in dem Suzana Tratnik den Alltag in (Ex-)Jugoslawien aus kindlicher Perspektive schildert

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Darf man im Trauerfall in Farbe fernsehen? Kann aus Marina plötzlich Johann werden? Und woher kommen all die Cousins, wo doch weder Vater noch Mutter Geschwister haben? Diese und noch viele weitere Fragen beschäftigen die jungen Protagonist_innen der dreizehn Erzählungen in diesem Band, in dem Suzana Tratnik den Alltag in (Ex-)Jugoslawien aus kindlicher Perspektive schildert: Mal altklug, mal naiv kommentieren die Ich-Erzähler_innen das eigene Leben sowie das der Erwachsenen.

Die kindliche Perspektive verleiht einerseits dem ernsten und oft tragischen Geschehen eine gewisse Komik und Leichtigkeit, andererseits nimmt sie die Konflikte der Erwachsenen und Heranwachsenden besonders genau und kritisch unter die Lupe.

Autor*in / Hrsg.: Suzana Tratnik
Land im Fokus: Slowenien
Details:

Umfang: 156 S.
Einband: Kartoniert
Gewicht: 200 g
Erscheinungsdatum: 15.11.2011

Ich brachte keine Karikatur mit, was aber keiner Erklärung bedurfte, denn meine neue Freundin war immer voller Ideen. Sie erwartete mich mit der hellblauen Perücke ihrer Mutter auf dem Kopf und ich war sehr glücklich, dass ich mich mit dem klimpernden Damengürtel von daheim hatte wegstehlen können. Die Metallplättchen gefielen ihr so sehr, dass ich sie ihr unverzüglich schenkte. Das nächste Mal gefiel ihr mein Halbedelstein namens Bernstein, durch den man so sehen konnte, dass sich jeder Gegenstand wegen der glatten und gebrochenen Oberfläche mindestens verzwanzigfachte. Wenn es nur irgendwie möglich war, ging ich vor dem Unterricht zu ihr und gab ihr mein Pausenbrot. Manchmal lud sie mich in ihr Zimmer ein, wo wir auf dem Bett unter der Milchstraße lagen. Manchmal verwandelte sich Sternchen in Virna Lisi. Und ich musste sie als weltberühmten Filmstar vergöttern, mich auf sie legen, ihr zuflüstern, dass ich ohne sie sterben würde, und sie erwies mir ihre schauspielerische Gnade und schrieb mir ein Autogramm auf den nackten Bauch. In der Schule zeigte sie ihrer Bewunderin für gewöhnlich nicht diese Gnade. Trotzdem war ich immer in ihrer Nähe, weshalb einige Mädchen mich für 'von Sternchen besessen' erklärten, was mir sehr schmeichelte, denn ich war überzeugt, dass es sich dabei um den Titel irgendeines italienischen oder amerikanischen Films handelte. Darum saß ich in den Pausen gern in der Abgeschiedenheit am Rand des Schulgeländes, auf dem Stein neben dem Gewächshaus, und wartete darauf, für besessen erklärt zu werden.

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