T. Cooper: Von einer, die auszog, ein Mann zu werden

Artikelnummer: 978-3-7160-2679-3

Wann ist ein Mann ein Mann? T Cooper, 40, weiß, Mittelschicht, verheiratet, zwei Kinder, ist ein Mann. Für T Cooper war das schon immer so. Für den Rest der Welt nicht...

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Wann ist ein Mann ein Mann? T Cooper, 40, weiß, Mittelschicht, verheiratet, zwei Kinder, ist ein Mann. Für T Cooper war das schon immer so. Für den Rest der Welt nicht. Dieses Buch erzählt die Geschichte von einer, die auszog, ein Mann zu werden - und dabei haarsträubende Abenteuer erlebte.

Liebe Mom, lieber Dad,

ich weiß, das ist ein großer Schock für euch und erst recht eine riesige Enttäuschung, aber ich muss euch etwas sagen, und ich hoffe, ihr sitzt.

Ich bin nicht lesbisch.

So, jetzt ist es raus.

Aber bevor ihr jetzt durchdreht: Es gibt auch eine gute Neuigkeit. Ich bin so was von nicht lesbisch, dass ich verlobt bin, und außerdem bin ich jetzt Stiefvater der beiden wunderhübschen blonden Kinder meiner zukünftigen Frau. Alles ist so, wie ihr es euch immer für mich gewünscht habt.

Aber es gibt auch eine schlechte Nachricht, und ich glaube, die darf ich euch nicht vorenthalten.

Ich bin ein heterosexueller Mann.

Ich gehöre nicht zu den 'Ich bin im falschen Körper geboren'-Leuten. Ich glaube sogar, dass ich im richtigen Körper geboren bin. In meinem Körper. Die Sache verhält sich nur ein wenig anders und passt nicht in die normative Zwei-Geschlechter-Ordnung.

Ihr habt also keine Tochter mehr. Aber ihr habt Enkelinnen. Und die möchten die Leute unbedingt kennenlernen, die mich zu einem Menschen erzogen haben, der erkannt hat, dass er anders ist, als andere es bestimmt haben, und der den Mut hatte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Viele Grüße

Ich

Autor*in / Hrsg.: T Cooper
Weitere Informationen: Umfang: 270 S.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 3 x 22.1 x 15 cm
Gewicht: 470 g
Erscheinungsdatum: 01.04.2013

Rezension von Claire Horst auf AVIVA-Berlin:

Der deutsche Titel ist eine Zumutung für den Autor. Denn wenn das Buch eine zentrale Botschaft hat, dann diese: Hier schreibt keine frühere Frau, die zu einem Mann geworden ist. Hier schreibt ... ... keine frühere Frau, die zu einem Mann geworden ist. Hier schreibt einer, der die Nase voll hat von Zuschreibungen durch andere.

Der mit seinem Eisbären-Roman Beaufort einem breiten Publikum bekannt gewordene Cooper hat mit dem vorliegenden Titel sein erstes autobiografisches Buch vorgelegt. "Im Grunde möchte ich gar nicht über meine Sache schreiben, aber ich glaube, es bleibt mir gar nichts anders übrig ? nur so wird sie ihre Macht verlieren", schreibt er in einem der ersten Kapitel. Seine Sache, das ist das Leben in einer Identität, die vom Großteil seiner Umgebung als irgendwie nicht die "richtige" empfunden wird. Seit wann er als Mann lebe, wie er früher geheißen habe, sogar, wie er Sex habe, solche Fragen muss Cooper wie andere Transpersonen ständig beantworten.

Und diese Fragen beantwortet er nicht in dem Buch. Denn um sie geht es überhaupt nicht. Was er ist und seit wann, möchte Cooper weder zur Diskussion stellen noch ständig erläutern. Stattdessen setzt er sich in Interviews und Gesprächen, Erinnerungen und Statistiken mit gesellschaftlichen Zuschreibungen auseinander, mit den Erwartungen, denen wir uns selbst und andere aussetzen. Trotzdem ist "Real Man Adventures", so der amerikanische Originaltitel, ein zutiefst persönliches Buch.

So zitiert der Autor einen Brief an die eigenen Eltern: "Ich bin ein heterosexueller Mann. Ich gehöre nicht zu den ´Ich bin im falschen Körper geboren´-Leuten. Ich glaube sogar, dass ich im richtigen Körper geboren bin. In meinem Körper. Die Sache verhält sich nur ein wenig anders und passt nicht in die normative Zwei-Geschlechter-Ordnung." Es muss viel Mut kosten, sich öffentlich zu präsentieren, wie er es tut, insbesondere dann, wenn man in einem konservativen Bundesstaat wohnt und außerdem den Familien-Pitbull nicht überall hin mitnehmen kann. Das unlösbare Dilemma zwischen dem Wunsch, schlicht und einfach als Mann wie alle anderen wahrgenommen und akzeptiert zu werden und der ständigen unterschwelligen Angst, erkannt, entdeckt, entlarvt, von der eigenen Frau verlassen, von den Redneck-NachbarInnen erschlagen zu werden, dieses Dilemma zeigt Cooper nachdrücklich auf.

Immer wieder bezieht er sich dabei auf Figuren der amerikanischen Geschichte wie den Teenager Brandon Teena, der aufgrund seiner Transidentität vergewaltigt und ermordet wurde (porträtiert in dem großartigen Film "Boys Don´t Cry") oder auch auf den Autor Ralph Ellison, der in "Unsichtbar" die soziale Unsichtbarkeit Schwarzer thematisierte. Das ist wichtig ? denn so vermeidet er es, ein reines Bekenntnisbuch zu schreiben und stellt "seine Sache" in einen größeren Zusammenhang. Denn neben der Auseinandersetzung mit der eigenen Familie, dem Streit mit Behörden und die Angst vor gesundheitlichen Nebenwirkungen der Hormonbehandlung geht es um etwas viel Größeres: Um das Recht auf Selbstdefinition, um eine Gesellschaft, in der ein selbstbestimmtes Leben für alle möglich ist.

Widersprüche sind Cooper dabei bewusst ? dass er als weißer Mann einer privilegierten Gruppe angehört, ist ihm ebenso klar wie die Tatsache, dass viele seiner Annahmen über "Männlichkeit" selbst Klischees reproduzieren. Dass sein erhöhter Testosteronspiegel zu mehr Aggressionen geführt habe, dass er jedem den Schädel einschlagen würde, der sich seiner "schönen" Frau und seinen "blonden" Kindern nähern würde, diese Aussagen sind nur deshalb nicht absolut nervtötend, weil Cooper sie kombiniert mit Abbildungen "männlicher" Oberkörper, denen ein Einhornkopf aufgesetzt ist oder mit Umdeutungen der Tanzszene aus "Das Schweigen der Lämmer". Seine Erkundungen dessen, was "Männlichkeit" eigentlich sein soll, schwanken zwischen Ernst und Parodie: Wie haben Transmänner die Reaktionen ihrer Familie empfunden, was denken eine bekannte Transe, ein bekannter männlicher Pornostar über Geschlechterrollen, wie viele und welche Männer pinkeln im Sitzen?

AVIVA-Tipp: Überraschend gut funktioniert die Mischung von Feuilleton, Memoiren und Interview, die der Autor verwendet. Und auch wenn Wut und Angst zu den stärksten Motiven gehört haben mögen, dieses Buch zu schreiben, enthält es eine sehr positive Botschaft: Wenn ein Mitglied der Polizei von Los Angeles behauptet, mit seiner Geschlechtsangleichung habe es nie Probleme gegeben, wenn ein Vater meint, er habe überhaupt keine Probleme mit der Identität des Sohnes, scheint das fast zu schön um wahr zu sein.

AVIVA-Berlin im April 2013

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