Yoko Tawada: Etüden im Schnee

Artikelnummer: 978-3-88769-737-2

Aus der Perspektive von drei Eisbären, Großmutter, Mutter und Sohn entsteht ein aufregendes Zeitporträt und eine Migrantengeschichte über drei Generationen hinweg. Sie spielt in Moskau, auf Reisen, in der DDR und zuletzt in Deutschland, in Berlin.

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Wer erzählt? Ist es ein Mensch, ein Gespenst, ein Tier? Es meldet sich in politischen Versammlungen zu Wort. Es erzählt, wie es gelernt hat, die Vorderpfoten zu heben. Indem der Pfleger es auf einen Metallboden stellte, Hinterpfoten in Schuhen, der Boden wurde immer heißer, bis die Hitze unaushaltbar wurde, zugleich erklang ein Fanfarenstoß und ein Befehl. Sie musste die Vorderpfoten heben. Es erzählt also ein Tier.

Aus der Perspektive von drei Eisbären, Großmutter, Mutter und Sohn entsteht ein aufregendes Zeitporträt und eine Migrantengeschichte über drei Generationen hinweg. Sie spielt in Moskau, auf Reisen, in der DDR und zuletzt in Deutschland, in Berlin. Dieser Eisbär, der Jüngste der Folge, wurde auf der ganzen Welt bekannt. In Amerika war sein Name weit mehr Menschen ein Begriff als der Name Merkel. Die Eisbären-Großmutter wirft dem Berliner Enkel vor, nur niedlich zu sein. Doch das stimmt nicht, er tritt mit seinen Politikerkontakten für Umweltschutz ein, gegen das Artensterben. Er wird aufgefordert, die Geschichte des Nordpols zu schreiben. Aber, wie viele Migranten, war er selbst nie in seiner Herkunftsregion, auch seine Mutter und seine Großmutter nicht, drei Generationen sind bereits in Europa geboren.

Die Pflegerin seiner Mutter tauschte mit ihr Todesküsse. Mythen aus verschiedenen Teilen der Welt werden ebenso lebendig wie zeithistorische Realitäten. Ein germanischer Mythos besagt, dass Bären die Seele der Menschen rauben können. Beim Kuss gehen die Eisbärin und ihre Pflegerin ineinander über. Der ebenso berühmte Pfleger starb vor seinem Schützling. Wurde auch seine Seele geraubt? Wer spricht? Die Eisbärin schreibt gegen das Vergessen an. Die berühmte Eisbären-Pflegerin arbeitete nach Ende der DDR noch eine Weile im Zirkus, wurde dann gekündigt und vergessen. Der 'Westen' behauptet, Zirkus im 'Osten' sei Tierquälerei gewesen.

Der Roman lässt sich historisch, politisch und philosophisch - wie lässt sich aus Tierperspektive denken? - lesen. Oder einfach als wunderbare, vergnüglich zu lesende Persiflage auf Migrantenliteratur.

Yoko Tawada hat diesen Roman zuerst auf Japanisch geschrieben. Und ihn selbst übersetzt, das erste Mal, dass sie einen ihrer auf Japanisch verfassten Texte selbst übersetzte. Beim Übersetzen verwandelte sich der Text natürlich, manches schrieb sie neu. Ist es nun eine Originalroman oder eine Übersetzung, wenn die Autorin ihren eigenen Text übersetzt und in der anderen Sprache, in der sie auch original schreibt, teilweise neu formuliert? Dürfen wir ein solches Buch zum deutschen Romanpreis einreichen oder zum internationalen Übersetzerpreis oder zu keinem von beiden?

Autor*in / Hrsg.: Yoko Tawada
Belletristik: zeitgenössischer Roman
Weitere Informationen: Umfang: 250 S.
Einband: Kartoniert
Format (T/L/B): 2.4 x 20.6 x 13.1 cm
Gewicht: 348 g
Erscheinungsdatum: 15.03.2014
 

Rezension von Claire Horst auf AVIVA-Berlin:

Ein Roman, in dem der Berliner Eisbär Knut als denkender und sprechender Protagonist auftaucht? Wer ein einziges Mal die hingerissene Knut-Fangemeinde erlebt hat, die zu dessen Lebzeiten Zoo, Talkshows und Radiosendungen unsicher machten, hat an diesem Plot wahrscheinlich zunächst wenig Interesse - es sei denn, sie oder er gehört selbst zu den Knut-VerehrerInnen.

Weil dieser Roman aber von Yoko Tawada stammt, bleibt die Geschichte von Knut und einigen weiteren Eisbären vollkommen frei von jeder Niedlichkeitsattacke, verzichtet auf Berliner Lokalkolorit und folgt eher den Spuren der KritikerInnen an dem seltsamsten Starkult des letzten Jahrzehnts als diesen noch weiter zu beflügeln.

Während Tawadas Knut ein Naivling ist, hilflos auf seinen Pfleger angewiesen und von anderen Tieren im Zoo belächelt und verlacht, sind seine weiblichen Vorfahren starke Persönlichkeiten. Die Großmutter ist eine Tanzbärin in der UdSSR, die die Zirkuslaufbahn aufgibt, zur Büroangestellten und später erfolgreichen Autorin wird. Ihren Alltag verbringt sie auf Konferenzen zur "Bedeutung der Fahrräder für die Volkswirtschaft" oder über die "Arbeitsbedingungen der Künstler". Eine Parodie auf die Planwirtschaft, die auch die Kunst nur als Mittel der Revolution zulassen will? Oder doch eher eine märchenhafte Variante der Migrationsgeschichte vieler deutschsprachiger SchriftstellerInnen?

Mit ihrem Schicksal als Autorin hadert diese Bärin zumindest genauso, wie es jede menschliche Schriftstellerin tut: "Die Schriftstellerei war eine Akrobatik, die gefährlicher war als der Tanz auf einem dahinrollenden Ball.", oder: "Das Schreiben kostete mich genauso viel Kraft wie eine Jagd." Und auch das Gefühl der Bärin, sich in einer vollkommen neuen Welt zu bewegen, lässt sich nicht nur auf in zwei Sprachen schreibende Autorin Tawada übertragen: "Über zehn Jahre lang arbeitete ich pausenlos in einer Hitze, die keinen Winter zuließ. Alles, was mich belastete und verletzte, verwandelte sich sofort in Dünger für meine Karriere. (...) Mein Repertoire wurde immer breiter, mein Wortschatz immer größer, aber ich erlebte nie wieder eine so große, erhellende Überraschung wie damals, als ich zum ersten Mal begriff, was die Bühnenkunst bedeutete."

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