Yoko Tawada: akzentfrei. Literarische Essays

Artikelnummer: 978-3-88769-557-6

Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, Alltagserfahrungen der kleinen Missverständnisse, sprachliche Verwirrungen, und die Begegnung mit 'kleinen' Dingen aus dem Alltag eines 'neuen Landes' wie Joghurt führen zu überraschenden Erkenntnissen. Vergnügt folgt man den erhellenden Beobachtungen Tawadas.

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Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, Alltagserfahrungen der kleinen Missverständnisse, sprachliche Verwirrungen, und die Begegnung mit 'kleinen' Dingen aus dem Alltag eines 'neuen Landes' wie Joghurt führen zu überraschenden Erkenntnissen. Vergnügt folgt man den erhellenden Beobachtungen Tawadas.

Nach der Lektüre lässt sich, wie es ein Rezensent formulierte, 'plötzlich wieder auf den Klang bestimmter Wörter hören, das, was man schon lange nicht mehr ansah, mit neuen Augen sehen.' (Die Welt)

Aus dem Inhalt:

In einem neuen Land: Setzmilch - Zehn Tipps für eine 'gelungene Integration' - Transsibirische Rosen - Akzent-Freiheit - Ein ungeladener Gast - Brief an Olympia - Jeder Fisch mit Flossen hat auch Schuppen (Die Esskultur, das Fremde und die Moral) - Schreiben im Netz der Sprachen - Nicht vergangen: Die unsichtbare Mauer - Wort, Wolf und Brüder Grimm - Ein Loch in Berlin - Halbwertzeit - Namida.


Autor*in / Hrsg.: Yoko Tawada
Details: Umfang: 160 S., 15 Illustr.
Einband: Kartoniert
Gewicht: 186g
Erscheinungsdatum 16.10.2016

Rezension von Ahima Beerlage auf AVIVA-Berlin:

Am 20. November 2016 wurde der japanischen Autorin, die in Berlin lebt, der Heinrich-von-Kleist-Preis verliehen. Wie kaum eine andere nutzt sie ihre Mehrsprachigkeit, um uns die Schönheit und auch die Skurrilität der Sprache nahe zu bringen.

Der Name ist Programm

"Der Akzent ist das Gesicht der gesprochenen Sprache?Es ist nicht meine Aufgabe, eine regionale Färbung, einen ausländischen Akzent, einen Soziolekt und einen Sprachfehler medizinischer Art voneinander zu unterscheiden. Stattdessen schlage ich vor, jede Abweichung als eine Chance für die Poesie wahrzunehmen." In ihrem neuesten Buch geht Yoko Tawada mit sprachlicher Sinnlichkeit den Eigenheiten der gesprochenen und der geschriebenen Sprache nach.

Deutsch neu statt Neudeutsch

Der schmale Band mit Essays ist in drei Abschnitte eingeteilt. Im ersten Abschnitt 'In einem neuen Land' geht sie sprachlichen Eigenheiten im Raum, Okkupationen und Verwirrungen nach. Ihr Blick von außen, verwurzelt in einer anderen Muttersprache, nimmt die Wörter und Redewendungen der deutschen Sprache ins Visier, beleuchtet sie von einer anderen Seite, um sie den LeserInnen zu entfremden und Platz für neue Definitionen zu schaffen. Ganz nebenbei hebt sie dabei Schein-Gewissheiten und Binnenwahrnehmung auf. So auch in ihrem ersten Essay 'Setzmilch', in dem sie die Reise des Begriffes 'Joghurt' über den europäischen Kontinent nachverfolgt. Das Bakterium zur Verwandlung von Milch zu Joghurt wurde in Bulgarien erfunden, nach Deutschland importiert, gilt aber in vielen europäischen Ländern als griechische Spezialität. Vermarktet wurde Joghurt am stärksten in Deutschland, so dass der deutsche Joghurt heute in bulgarischen Supermärkten im Regal steht. Im Essay 'Transsibirische Rose' wird eine besondere Rosen Art jeweils nach ihrer regionalen Ausbreitung benannt. Ob die einzigartige Arbeit von Jacob Grimm und seiner Aufzeichnung der mündlich überlieferten Märchen oder die Schwierigkeiten, Gefühle in Übersetzungen zu transportieren - Yoko Tawadas assoziativer Umgang mit Sprache eröffnet den Lesenden neue Horizonte.

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'Es gibt auch sanftere Konsonanten. Das heißt aber nicht, dass ich sie ohne meinen Akzent aussprechen könnte. Die Konsonanten 'r' und 'l' zum Beispiel bringe ich durcheinander. Sie sind für mich eineiige Zwillingsschwestern. Hier einige Übungen für einen besseren Umgang mit ihrer Verwechselbarkeit: 'Durch das lustvolle Wandern in der Natur wandelt Herr Müller seine Gesinnung.' 'Der Rücken eines Ponys ist niedrig und deshalb niedlich. Wäre er doppelt so hoch, wäre er halb so niedlich.' 'Kein Bücherregal ist illegal, egal welche Bücher da stehen, genau so wie kein Mensch illegal ist, selbst wenn er mit einem Akzent spricht.'

Der Akzent bringt unerwartet zwei Wörter zusammen, die normalerweise nicht ähnlich klingen. In meinem Akzent hören sich die 'Zelle' und die 'Seele' ähnlich an.

Es ist nicht meine Aufgabe, eine regionale Färbung, einen ausländischen Akzent, einen Soziolekt und einen Sprachfehler medizinischer Art voneinander zu unterscheiden. Stattdessen schlage ich vor, jede Abweichung als eine Chance für die Poesie wahrzunehmen.

Es kommt mir komisch vor, dass ich von einer 'Abweichung' spreche, denn, ich bin nicht sicher, ob es überhaupt den 'Standard' gibt. Im Sprachunterricht in Japan habe ich gelernt, dass das reinste Hochdeutsch in Hannover zu finden sei, und zwar auf einer Theaterbühne und nicht irgendwo auf der Straße. Aber es gibt keinen Menschen, der in einem Hannoveraner Theater geboren wurde und nie das Theatergebäude verlassen hat. Also gibt es keinen Menschen ohne Akzent, so wie es keinen Menschen ohne Falten im Gesicht gibt. Der Akzent ist das Gesicht der gesprochenen Sprache, und ihre Falten um die Augen und in der Stirn zeichnen jede Sekunde eine neue Landschaft.'

(Ausschnitt aus dem literarischen Essay 'Akzent-Freiheit')

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