Zitkala-Sa: Roter Vogel erzählt. Die Geschichten einer Dakota

Artikelnummer: 978-3-938305-70-6

Zitkala-Sa (1876-1938) war eine Dakota-Indianerin. Die Jahre ihrer unbeschwerten Kindheit bei ihrem Stamm wie auch die traumatischen Erlebnisse in einer Internatsschule sind - neben anderen Erzählungen - Gegenstand ihres 1921 veröffentlichten Buches "American Indian Stories".

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Zitkala-Sa (1876-1938) war eine Dakota-Indianerin. Die Jahre ihrer unbeschwerten Kindheit bei ihrem Stamm wie auch die traumatischen Erlebnisse in einer Internatsschule sind - neben anderen Erzählungen - Gegenstand ihres 1921 veröffentlichten Buches "American Indian Stories". Bereits 1901 erschien ihr erstes Buch, "Old Indian Legends", der unter anderem einen Zyklus von Geschichten über Iktomi, den Spinnenmann, enthält. "Roter Vogel erzählt" enthält die vollständigen Texte der beiden von Zitkala-Sa veröffentlichten Bücher und weitere Texte aus ihrer Feder.

Ein achtjähriges Dakota-Mädchen spielt glücklich auf den Prärien ihrer Vorfahren. Doch Missionare versprechen ihr und ihren Freundinnen einen Ritt auf dem Eisenross ins Land der leuchtend roten Äpfel, wo ein wunderbares Leben auf sie warten sollte. Was folgt, ist ein Alptraum, wie ihn Abertausende indianische Kinder an amerikanischen Internatsschulen durchleben mussten, fern der Heimat, sprachlos, rechtlos. Eine von ihnen war Zitkala-Sa (1876-1938). Sie lernte die Sprache der Peiniger ihres Volkes, und sie fand die Worte, um ihr Geschick und das ihrer Leidensgefährten auf ergreifende Weise zu schildern und um ihren weißen Mitbürgern das Leben und die Kultur der indianischen Völker nahezubringen.

Ihre Kindheitserlebnisse sind neben anderen Erzählungen Gegenstand ihres 1921 veröffentlichten Buches 'American Indian Stories'. Bereits 1901 erschien ihr erstes Buch, 'Old Indian Legends', eine Sammlung traditioneller Geschichten ihres Stammes.

'Roter Vogel erzählt' enthält die Texte der beiden von Zitkala-Sa veröffentlichten Bücher und weitere faszinierende Texte aus ihrer Feder - einen umfangreichen Zyklus von Mythen und Legenden, der erst in den 1990er Jahren in ihrem Nachlass gefunden wurde, sowie Reden und Essays.

Autor*in / Hrsg.: Zitkala-Sa
Belletristik: biografische Literatur
weitere Themen: native americans
Land im Fokus: USA
Details: Originaltitel: American Indian Stories/Old Indian Legends/Dreams and Thunder
Illustriert von: Angel De Cora
Übersetzt von: Frank Elstner, Ulrich Grafe 
Umfang: 397 S., 18 Illustr.
Einband: Gebunden
Format (T/L/B): 3.7 x 21 x 13.6 cm
Gewicht: 566 g
Erscheinungsdatum: 26.11.2015

Mein langes Haar wird geschnitten (aus 'Schultage eines Indianermädchens')

Der erste Tag im Land der Äpfel war ein bitter kalter. Noch immer bedeckte der Schnee den Boden, und die Bäume waren kahl. Eine große Glocke läutete zum Frühstück, ihre laute Metallstimme schmetterte hoch vom Glockenturm herab in unsere empfindlichen Ohren. Das störende Geklapper von Schuhen auf blankem Holzfußboden ließ uns keine Ruhe. Das unaufhörliche Aufeinanderprallen harscher Geräusche, unterlegt von einem Gemurmel aus vielen Stimmen in einer Sprache, die ich nicht verstand, schufen ein wahres Tollhaus, in dem ich mich fest angebunden fühlte. Mein Geist riss sich selbst in Stücke in seinem Ringen um die verlorene Freiheit, aber es war vergebens.

Eine Bleichgesicht-Frau mit weißem Haar kam zu uns. Wir wurden in eine Reihe von Mädchen eingereiht, die in den Speisesaal gingen. Es waren Indianermädchen; sie trugen steife Schuhe und eng anliegende Kleider. Die kleinen Mädchen trugen Schürzen mit Ärmeln, und ihr Haar war kurz geschnitten. Während ich geräuschlos in meinen weichen Mokassins ging, wäre ich am liebsten im Boden versunken, denn man hatte mir meine Decke von den Schultern genommen. Ich blickte fest zu den Indianermädchen, die sich nicht darum zu kümmern schienen, dass sie sogar noch unanständiger gekleidet waren als ich in ihrer eng sitzenden Kleidung. Als wir in den Saal gelangten, kamen die Jungen durch eine gegenüberliegende Tür herein. Ich hielt Ausschau nach den drei jungen Burschen, die mit unserer Gruppe gekommen waren. Ich erspähte sie in den hinteren Reihen, und sie schienen sich genauso unbehaglich wie ich zu fühlen.

Jemand schlug eine kleine Glocke an, und jeder der Schüler zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. In der Annahme, dass dies dazu gedacht war, sich hinzusetzen, zog ich meinen auch heraus und glitt sogleich von der Seite auf den Sitz. Aber als ich mich umschaute bemerkte ich, dass ich die einzige war, die saß, alle anderen an unserem Tisch standen noch immer. Gerade, als ich wieder aufzustehen begann und mich dabei scheu umblickte, um herauszufinden, wie man Stühle benutzen musste, erklang ein zweiter Glockenschlag. Alle setzten sich, und ich musste wieder auf meinen Stuhl klettern. Ich vernahm die Stimme eines Mannes an einem Ende des Saals, und ich drehte mich um, um nach ihm zu sehen. Aber alle anderen hingen mit ihren Köpfen über ihren Tellern. Während ich die lange Reihe der Tische entlang blickte, bemerkte ich, dass eine Bleichgesicht-Frau mich ansah. Sofort senkte ich die Augen und wunderte mich, warum die seltsame Frau mich so scharf anblickte. Der Mann beendete sein Gemurmel, und ein dritter Glockenschlag erklang. Alle griffen nun zu Messer und Gabel und begannen zu essen. Ich hingegen begann zu weinen, denn ich hatte Angst vor dem, was noch kommen mochte.

Aber das förmliche Essen war nicht die schwerste Probe jenes ersten Tages. Spät am Morgen kündigte meine Freundin Judéwin mir gegenüber etwas Schreckliches an: Sie sprach schon ein paar Worte Englisch, und sie hatte gehört, wie die Bleichgesicht-Frau davon gesprochen hatte, dass man uns unser langes, schweres Haar abschneiden wolle. Unsere Mütter hatten uns beigebracht, dass nur ungeschickten Krieger, die in Gefangenschaft geraten waren, vom Feind die Haare kurz geschnitten würden. In unserem Volk trugen nur Trauernde das Haar kurz, und nur Feiglingen wurden sie abgeschnitten!

Wir besprachen unser Schicksal, und als Judéwin sagte: 'Wir fügen uns, denn sie sind stark', rebellierte ich.

'Nein, ich werde mich nicht fügen! Ich werde kämpfen!' antwortete ich.

Ich wartete auf meine Chance, und als niemand auf mich achtgab, verschwand ich. Ich schlich in meinen quietschenden Schuhen - meine Mokassins waren gegen Schuhe ausgetauscht worden - so leise ich konnte, die Treppe hoch. Ich kam durch einen Saal, ohne dass ich wusste, wohin ich ging. Ich wandte mich zur Seite zu einer offenenstehenden Tür und fand dahinter einen großen Raum mit drei weißen Betten (...)

Rezension von Mira Sigel auf dem Blog Störenfriedas:

Die Boarding Schools gehören zum dunkelsten Teil der US-amerikanischen und kanadischen Geschichte, sie stehen am Ende einer langen Geschichte der Vertreibung, des Genozids, der kulturellen Vernichtung und Marginalisierung, die bis heute nachwirkt. Die Yankton-Dakota Zitkala-Sa (Roter Vogel), die als Gertrude Simmons Bonin am 22. Februar 1876 in einem Reservat in Dakota geboren wurde, erfuhr durch ihre Mutter eine traditionelle Erziehung und lernte von ihr die Mythen und Bräuche der Dakota. Ihr Vater war ein Weißer, von dem nur wenig bekannt ist. Trotz der Armung und zahlreicher Probleme erlebte sie ihre Kindheit als sehr behütet und im Einklang mit ihren indigenen Wurzeln. Ihre Kindheit im Reservat beschrieb sie in ihrem ersten Buch "Impression of an Indian Childhood". Mit 12 Jahren begann sie ein von Quäkern betriebenes Internat für die Umerziehung von indianischen Kindern (also ihre "Anpassung" an die weiße Gesellschaft) zu besuchen. Der Kontrast zu ihrer bisherigen Kindheit hätte nicht größer sein können. Die dort angewendten Erziehungsmethoden übten massiven Druck auf die Kinder aus, ihre Herkunftssprache und Herkunftskultur zu vergessen und veränderten die Persönlichkeiten der Kinder grundlegend. Zitkala-Sa schrieb dazu später:

"Es war nahezu unmöglich, die eiserne Routine hinter sich zu lassen, nachdem die zivilisatorische Maschine ihr geschäftiges Tagewerk begonnnen hatte."

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Rezension von Alena Hegedüs auf academicworld:

Frei und zerrissen

"Roter Vogel erzählt" ist der Titel des bewegenden Erzählbandes von Gertrude Simmons Bonnin. (1876-1938). Die Autorin, eine Dakota-Stammesfrau, erlebte wie ihre Kultur von christlichen Missionaren nahezu vollständig zerstört wurde. Heute sind ihre Geschichten ein wichtiges Zeugnis der ursprünglichen Lebensweise der Sioux sowie dessen Verdrängung durch den "weißen Mann".

Eins mit der Natur

Gertrude Simmons Bonnin ist die Tochter einer Yankton Sioux und eines europäischstämmigen Amerikaners. Den Namen Zitkala-?a (Roter Vogel) gibt sie sich selbst im Alter von 20 Jahren. Das indianische Mädchen hat eine glückliche Kindheit. Gemeinsam lebt sie mit ihrer Mutter in einem Tipi in der westlichen Prärie Amerikas. Der nahegelegene Fluss ist ihre Lebensader, die Pflanzen und Tiere sind genauso Teil von ihr, wie die Luft zum Atmen. Ihre Mitmenschen und Verwandten lehren ihr die Gebräuche für ein Leben im Einklang mit der Natur.

Das ausgelassene und naturverbundene Kind ist der ganze Stolz seiner Mutter. Doch neben der hingebungsvollen Fürsorge bemerkt Zitkala-?a früh eine tiefe Traurigkeit an ihr. Als sie heranwächst, wird das Mädchen eingeweiht: Seit Jahren leidet das Volk der Dakota unter der Politik des "weißen Mannes", der indianische Kinder auf Internate lockt, um sie sie fernab von zu Hause "zivilisieren".

Das Land der roten Äpfel

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Internate der Missionare errichtet mit dem Auftrag die Kinder der Ureinwohner zu christianisieren und nach ihrer Weltanschauung zu unterrichten - eine Verfahrensweise, in der die Kinder systematisch degradiert und mit Gewalt assimiliert wurden. Rituale, wie das Schneiden der Haare oder die strikte Trennung von Mädchen und Jungen zum Schulantritt, wirkten auf die indianischen Kinder völlig verstörend. In ihrer Kultur stand das Abschneiden der Haare symbolisch für die Trauer um einen Mitmenschen, die Trennung der Mädchen und Jungen richtete sich gegen ihre gleichberechtigte Erziehung.

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